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Ausgabe 1 mit diesen zentralen Themen ::

Sydney 2000 – Die geheime Schachshow der FIDE




Alexei Shirov: Nach vierzigstündiger albtraumhafter Anreise, mit Flügen, die gestrichen oder verschoben worden waren, eine halbe Stunde nach offiziellem Beginn der Show-Partie am Brett angekommen. Die erste Partie endet nach spannendem Verlauf unentschieden, in der zweiten Partie ging es ruhiger zu, auch hier lautete das Ergebnis: remis.

Foto: Cathy Rogers


"Wissen Sie nicht, wer ich bin?", fragte der FIDE-Vorsitzende Florencio Campomanes vor Beginn der Olympiade in Sydney 2000 einen Offiziellen, der für die Akkreditierung von VIPs zuständig war.

Nach zehn Minuten lebhafter Debatte wurde Campomanes vom Fahrer seiner persönlichen Limousine vom Büro weg gefahren, mit einem "Goldenen Pass" in der Hand, der ihm Zugang zu allen olympischen Veranstaltungen verschaffte.

Im September 2020 feierte eine der merkwürdigsten Veranstaltungen, die ich je erlebt habe, 20-jähriges Jubiläum: die Schach-Show bei der Olympiade in Sydney.

[…]

Das Olympische Dorf war kein Ort für ein Picknick, von einem Schaukampf im Schach ganz zu schweigen. Aber am Morgen des 24. September kämpften die Organisatoren gegen starke Winde an, um ein großes weißes Zelt zu errichten, in dem ein Schachbrett, Anand und Shirov sowie ein paar Geräte zur Übertragung Platz hatten. Um Strom und Zugang zum Internet zu haben, wurden 30-Meter-Kabel mit dem nächsten Wohnblock verbunden. Dann fügte man noch ein paar Tische und Stühle für ein Simultan hinzu, sowie ein paar Extrastühle für Zuschauer, und die Schach-Show Sydney 2000 konnte beginnen.

Zwar erlaubte man nur ein paar einheimischen Fans, den Wettkampf direkt zu verfolgen, aber dafür kamen Dutzende von FIDE-Funktionären (begleitet von ihren Frauen).

Sie nutzten den Schaukampf als Vorwand für einen Trip zu den Olympischen Spielen, bei dem alle Kosten übernommen wurden, aber FIDE-Vorstand Florencio Campomanes setzte noch einen drauf. Er kam früh in Sydney an, unmittelbar vor Beginn der Olympiade, und begab sich schnurstracks zum Büro des Organisationskomitees in Sydney. Dort präsentierte sich Campomanes als Kopf eines der größten - gemessen an Mitgliedsstaaten - Sportverbände des IOC und erklärte, dass er eine entsprechende Akkreditierung erwarte.

[…]

Die erste Partie war aufregend, allerdings haben die meisten Zuschauer, die im Olympischen Dorf vor Ort waren, nicht sehr viel davon mitbekommen. Es gab nur einen kleinen Fernsehschirm draußen vor dem Zelt, auf dem die Partie gezeigt wurde, aber im grellen Sonnenlicht war der Bildschirm nur schwer zu erkennen. So haben die meisten Leute einfach nur in der Sonne gesessen oder ihre Aufmerksamkeit dem Simultan zugewandt.

Sizilianisch B 80
A. Shirov - V. Anand
Sydney Olympic Rapid Match (1)


1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Le3 e6 7. f3 b5 8. g4 h6 9. Dd2 Sbd7 10. 0-0-0 Lb7 11. h4 b4 12. Sa4 In der Zeit um 2000 hat dieser Zug das nahe liegende 12. Sb1 fast vollständig verdrängt. 12. …Da5 13. b3 Sc5 14. a3!



Alexander Grischuk, damals noch Solo und Jugendlicher, heute vierfacher Vater und WM-Kandidat, lösten mit dieser Idee eine kleinen Boom für dieser Behandlung der Najdorf-Variante aus. Kräftig mitgemischt hat bei der Weiterentwicklung auch Anand, der diese Variante mit beiden Farben spielte. Wenige Wochen vor dem Showmatch bei den Olympischen Spielen kam er in seiner Weltcuppartie gegen Chalifman 14. …Tc8 15. Dxb4 Dc7 (15. …Sxb3+? 16. Dxb3!) 16. Kb1 in Vorteil und gewann überzeugend. 14. …Sxa4 15. axb4 Dc7 16. bxa4 d5 17. e5 Sd7 17. …Dxe5?? kostet nach 18. Lf4 die Dame. 18. f4 Sb6 19. f5 Grischuks Neuerung gegenüber 19. a5 Sc4 20. Dc3 De7! wie in der Partie Topalov-Kasparow, Linares 1999. 19.…Sxa4 20. fxe6 Sc3! 21. exf7+ Kxf7 22. Ld3 Lxb4 23. Tdf1+ Kg8 24. Df2 La3+ 25. Kd2 Se4+! Schwieriger für Schwarz ist die Stellung nach 25. …Lb4 26. Df5! 26. Lxe4 dxe4



Bis hierhin verließen sich beide Spieler vor allem auf ihr gutes Gedächtnis und folgten einer Partie Anand-Gelfand aus dem Weltcup in Shenyang, wo weiter 27. Df5 Lb4+! 28. Kd1 Dc4 29. Se6 Dd5+ 30. Ke2 Dc4+ 31. Kd1 folgte, mit unvermeidlichem Dauerschach und deshalb Remisschluss. In der vorliegenden Partie beschritt Shirov einen neuen Weg: 27. g5?! mit den Ideen 27. …Tf8? 28. Dxf8+! und 27. …hxg5 28. Df5 Lb4+ 29. Kd1, jeweils mit Vorteil für Weiß. Anand war jedoch auch darauf vorbereitet. 27. …Ld5! 28. gxh6 Lb2

Weiter geht es im Januarheft.

 
 
Auszug aus
"„Alte Socken“ werben fürs Kinderschach | Rainer Knaak Meister der Meister aus DDR und BRD"
erschienen in


SCHACH MAGAZIN 64, Januar 2021

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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