<00i> Schach-Magazin
Schach Magazin
Ausgabe 4 mit diesen zentralen Themen ::

Spitzenreiterin matt





Foto: Anastasia Karlovich

Die Funktionäre applaudieren: Ali Nihat Yazici (links außen) und Boris Kutin. Aber stimmen die Rocklängen? (von links) Tatjana Kosintsewa, Valentina Gunina und Anna Muzychuk.


Die 13. Austragung der Frauen-Europameisterschaft brachte die meiste Außenwirkung überhaupt. Viele Medien berichteten, aber das Spiel stand dabei nur am Rand - für Diskussionsstoff sorgte die erstmals praktizierte Kleiderordnung, obwohl die sportliche Zuspitzung das eigentliche Thema hätte sein können. In der 11. Runde gelang es der Russin Valentina Gunina, der mit einem ganzen Punkt führenden Slowenin Anna Muzychuk den EM-Titel wegzuschnappen. Am Ende erreichte mit Tatjana Kosintsewa eine weitere Russin die Medaillenränge und Muzychuk wurde aufgrund der Feinwertung auf Platz drei durchgereicht. Und noch ein weiterer Fakt hätte mehr Presse verdient: erstmals waren die Preisgelder bei den Frauen deutlich höher als bei den Männern, die eine offene Kategorie mit Startberechtigung von Frauen spielen.


[…]

Kleider kontrovers

Das Thema der Schachdienstkleidung geisterte in den vergangenen Jahren latent in Schachkreisen. Die Europäische Schachunion beschloss nun einen Maßnahmenkatalog. "Wir fühlten uns dazu verpflichtet, wenn man gesehen hat, wie Schachspieler während der Runden und bei Eröffnungs- und Abschlussfeiern so gekleidet sind", erklärt die ECU-Funktionärin. Wohlweislich bleibt unerwähnt, dass hier das männliche Geschlecht und sein textiler "Zeitgeist" oftmals Anlass zur Verwunderung waren. Nun standen also zuerst die Frauen in der Diskussion und da gibt es einige Besonderheiten zu beachten. Beschlossen wurde die Verordnung nach der letzte EM im März 2011. Pate stand der Bridge-Sport, wo für Herren Hemd und Jacketts vorgesehen sind und für Frauen Kleider "in entsprechendem Stil". Während für Schachvereinswettbewerbe Ausführungsbestimmungen noch fehlen (wie sieht es z. B. mit Sponsoren-Logos aus?), gibt es im Frauen-Bereich für Einzelwettkämpfe genaue Bestimmungen, die einen Blick lohnen. Erwünscht sind:
  • Blusen, Rollkragenpullover, T-Shirt oder Polo-Hemden, Jeans oder lange Hosen, und passendes Schuhwerk (Stiefel, flache Schuhe, mittel- und hochhackige Schuhe, Sneakers mit Socken);
  • passend auch Jacke, Pulli, Schal und Schmuck (Ohrringe, Handschmuck)
  • die Kleidung soll nicht übermäßig abgetragen sein, keine Löcher und keinen Körpergeruch haben
  • bei Blusen dürfen die beiden oberen und der unterste Knopf auf sein
  • Sonnenbrillen, Brillen und Halstücher dürfen während der Partie getragen werden, aber keine Hüte, außer bei religiösen Gründen
  • die Erscheinung sollte in der Zusammenstellung stimmen, harmonisch und vollständig sein in Farben und Stoffen sowie Accessoires
  • nationale Kostüme, die dem Dresscode entsprechen, dürfen getragen werden, sofern sie andere nicht als anstößig oder beleidigend empfinden.
Auch einen Regelkatalog gibt es. Es beginnt mit einem mündlichen Hinweis, dann die schriftliche Mahnung, einhergehend mit der Anweisung, sich eine Stunde vor Partiebeginn einem Turnieroffiziellen vorzustellen. Dies kann zur Aufforderung führen, die Kleider zu wechseln. Bei Nichtbefolgung kann der Zutritt zum Spielsaal verwehrt werden. Diese Bestimmung gilt übrigens auch für Zuschauer im Spielsaal.

Doch Regeln sind die eine Seite, die Anwendbarkeit eine andere. Die Frage der Kopfbedeckung ist ein umstrittenes Thema. Die religiösen Gründe wurden von anderen Sportverbänden übernommen, haben aber im Schach nach Aussage von Stoisavljevic auch den Grund, dass hier Betrugsfällen vorgebeugt werden soll. Doch Betroffene witzeln, dass auch lange oder wallende Haare und Perücken erwogen werden müssen. Und eine Deutsche ist bekannt für ihr Hut-Faible: Elisabeth Pähtz trägt schon über 10 Jahre wechselnden Kopfputz und gerade zum Jahresanfang sorgte ihre Kollektion in Wijk aan Zee für zahlreiche zusätzliche Fotoaufnahmen und eine bunte, abwechslungsreiche Schachwelt.

Der andere Bereich sind Kostüme und Röcke. Aus den Bestimmungen ergibt sich keine Angabe, wann ein Textil zu kurz ist. Stoisavljevic meint nach dem ersten Praxistest bei dieser Frauen-EM, es müsse generell noch an konkreten Vorgaben gearbeitet werden. Vorbilder könnten z. B. Firmenregelungen aus Dienstleistungsbranchen sein, etwa mit der Maßgabe einer Rockkürze von 5 bis 10 cm oberhalb des Knies. Adrian Michaltschischin, der ukrainisch-slowenische Frauentrainer der Türkei, äußert seine Bedenken gegen eine Überregulierung: "Sollen wir es so wie früher in der Sowjetunion machen und nachmessen? Das haben wir mit Schulkindern gemacht, die dann zum Umkleiden heim mussten."

[…]

Damengambit D 43
V. Gunina - A. Muzychuk
EM (11), Gaziantep 2012

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 e6 5. Lg5 h6 6. Lxf6 Dxf6 7. e3 Sd7 8. Ld3 dxc4 9. Lxc4 g6 10. 0-0 Lg7 11. Te1 0-0 12. e4 e5 13. d5 Td8 14. Te3 b5 15. dxc6 bxc4 16. Sd5 Der Bauer c6 ist wegen der Möglichkeit Se7+ indirekt gedeckt, also muss sich die schwarze Dame ein anderes Plätzchen suchen. Das Beste wäre e6 gewesen, denn nach 16. …De6 17. cxd7 Txd7, gefolgt von Lb7 und ggf. noch …Tad8, wäre der starke Springer d5 vom Brett verschwunden. So sah es auch Muzychuk gleich nach der Partie: "Statt 15. …Dd6 hätte ich die Dame nach e6 ziehen sollen. Danach stand ich immer etwas schlechter und musste mich unangenehmerweise die ganze Zeit verteidigen." 16. …Dd6?! 17. cxd7 Lxd7 18. Sd2 Lb5 19. Dc2 Tab8 20. Tc3 Da6



In der Stellung nach 21. Sxc4 Lxc4 22. Txc4 Txb2 23. Dxb2 Dxc4 24. Te1 besitzt Weiß zwar einen imposanten Springer, die Frage ist, ob er zu etwas gut ist oder nur da steht und Muskeln macht. 21. a4 Lf8 22. Sf1 Die Gabel 22. Sc7 bringt nichts ein: …Dd6 23. axb5 Dxd2. 22. …Lc5 23. Dc1 Lc6 24. Sf6+ Kg7 25. Sg4 g5 26. Txc4 Td1 27. Dxd1 Dxc4 28. Df3?! Sehr in Betracht kam 28. Sg3! 28. …Dxe4 29. Tc1 Dg6 Das Endspiel nach 29. …Dxf3 30. gxf3 Lxf2+ 31. Kxf2 Txb2+ 32. Kg3 ist für Weiß nicht leicht zu gewinnen. Ein ähnliches Endspiel wird auch in der Partie erreicht. 30. Dc3 De4 31. Dxe5+ Dxe5 32. Sxe5 Lxf2+ 33. Kxf2 Txb2+ 34. Ke3 Lxg2 35. Sg3 Ld5 36. Sh5+ Kf8 37. Td1



Die einzige Chance für Schwarz bestand in 37. …Tb3+, und nun entweder 38. Kd4, wonach sich die d-Linie schließt, und Schwarz - im Gegensatz zur Partie - ruhig 38. …Le6 spielen kann, oder 38. Kf2 Tb2+ 39. Kg1 Tg2+ 40. Kf1 Txh2 41. Txd5 Txh5 42. Ta5. Natürlich ist Weiß im Vorteil, aber leicht zu spielen ist das Endspiel nicht. In der Partie geschah jedoch 37. …Le6?? 38. Td8+! und wegen 38. …Ke7 39. Sc6 matt – 1:0

Mit diesem Sieg hatte sich zu ihrer Gegnerin aufgeschlossen, aber da noch Partien liefen, nahm Gunina alle Möglichkeiten wahr, sich nach ihrer Wertung zu erkundigen: im Internet, im Spielsaal und beim Schiedsrichter. Erst nachdem aller guten Dinge drei waren, nahm sie die Glückwünsche ihrer vielen Freunde entgegen. Muzychuk zeigte ein bravouröses Gesicht als sie mit dem kürzesten Kleid unter den Medaillengewinnerinnen ihr Bronze-Edelmetall in Empfang nahm und den meisten Applaus einheimste. Es war klar, dass nicht wenige mit ihr fühlten. Schach kann eben mehr als Äußerlichkeiten bieten!

 


Auszug aus
"Spitzenreiterin matt | Valentina Gunina entreißt Anna Muzychuk den EM-Titel | Kleiderordnung sorgt für Gesprächsstoff"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, April 2012

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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