<00i> Schach-Magazin
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Ausgabe 2 mit diesen zentralen Themen ::

Zwischen Tradition und Innovation




Foto: Anastasia Karlovich

Man sitzt sich weniger gegenüber! Das Finale mit Andrei Volokitin (rechts) und Viktor Laznicka wurde zum Nervendrama.


"Wenn man ein klassisches Turnier organisiert, bei dem Anatoli Karpow den letzten Platz belegt, dann gibt es kaum noch etwas Beeindruckenderes", meinte der spanische Großmeister und erfolgreiche Geschäftsmann Felix Izeta nach seinem Rundenturnier 2009, welches Ruslan Ponomarjow und Hikaru Nakamura gewannen. Was bringt denn dann den Kick, der ein Turnier zu einem außergewöhnlichen Ereignis macht? Die Antwort ist etwas komplexer, aber das ist man von selbstbewussten Basken in Spanien gewohnt - Klasse und Eigenwilligkeit müssen sein.

Zunächst bot sich ein historischer Ankerpunkt an: 1911 stürmte der spätere dritte Weltmeister José Raul Capablanca erstmals über das europäische Parkett und der deutsche Turnierdirektor Jacques Mieses hatte seinerzeit die Vorgabe, nur Meister nach San Sebastian einzuladen, die bereits ein großes Turnier gewonnen hatten. Das 1887 erbaute Spielcasino bot einen würdigen Austragungsort und hohe Geldpreise lockten zum ersten Super-Turnier seit Hastings 1895. Die Schachgeschichte weiß, dass der Kubaner auf viele Vorurteile der arrivierten Meister traf, aber glanzvoll einen Alleinsieg davontrug - wenngleich nach heutigem Standard nicht viele Schachperlen darunter waren. Die würde zum hundertjährigen Jubiläum auch ein Schweizer System-Turnier nicht bieten, welches für gewöhnlich viele Remisen aufweisen würde und nicht der beeindruckende Ersatz für ein Rundenturnier der Schachelite sein kann. Was also tun mit einem Preisfond von 100 000 Euro? Der Baske erfand einfach ein "Baskisches System" und suchte sich dabei originellen Beistand.

[…]

Volokitin bezwang anschließend seinen Landsmann Ponomarjow, der mit seiner spanischen Freundin auf der iberischen Halbinsel lebt, und eliminierte dann Capablancas Landsmann Leinier Dominguez Perez. Im Finale traf er auf den Tschechen Viktor Laznicka, dessen Weg über den französischen IM Jean-Baptiste Mullon, dessen Landsmann Maxime Vachier-Lagrave, Gashimov und letztlich Moissejenko führte. Dies ist eine eindrucksvolle "Opferliste", Gashimov stand gar auf Platz 1 der Setzliste!

Benoni A 61
V. Laznicka (CZE, 2703)
V. Gashimov (AZE, 2757)

1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 e6 4. Sc3 exd5 5. cxd5 d6 6. Sf3 g6 7. Lf4 a6 8. Sd2 Sbd7 9. Dc2 Le7 10. e4 Sh5 11. Lh6 Lf8 12. Lxf8 Kxf8 13. g3 b5 14. Lg2 Kg7 15. 0-0 Shf6 16. a4 b4 17. Sd1 a5 18. Se3 La6 19. Sec4 Sb6?! Laznicka bezeichnete diesen Zug als überflüssig, denn das Qualitätsopfer 20. Sxa5! war aus seiner Sicht nahe liegend. 20. …Lxf1 21. Sc6 Dd7 22. Lxf1 h5 23. h4 The8 24. Lg2 Sg4 25. a5 Se5 Darauf hatte sich Gashimov verlassen; der starke Springer c6 verschwindet nun. Doch ein anderer Schimmel landet auf c4 und steht dort ebenso stark. 26. Td1 Sc8 27. Sxe5 Txe5 28. Sc4 Te8 29. f4 Dd8 30. Da4 Tb8 31. Dc6 Te7 32. b3 Tc7 33. Da4 Sa7 34. Da1+ Kg8?! Besser 34. …f6! mit einer noch ungeklärten Stellung (Laznicka). 35. e5 Sb5 Schwarz setzt Hoffnung in seinen Springer, z. B. 36. e6 Sd4!, aber die weiße Attacke muss nicht über das Feld e6 führen, 36. f5! ist noch stärker. 36. …Sc3 36. …dxe5 37. d6 und 36. …gxf5 37. Tf1 Sd4 38. Sxd6 Ta7 39. Sxf5 Sxf5 40. Txf5 Dxa5 41. Df1 führt jeweils zu einem fast schon siegbringenden Vorteil für Weiß. 37. Te1 dxe5 38. Txe5 Df6 38. …Td7 39. d6 39. De1 gxf5 40. d6 Ta7 41. De3 Tb5 sonst folgt einfach Dxc5 42. Lc6 Tbxa5 43. Sxa5 Txa5 44. d7 Ta1+ 45. Kh2 Ta2+ 46. Kh3 Kh7 47. Df3 Kg7



Schwarz setzt seine Hoffnungen in den teuflischen Trick 48. Txf5? Se2!! mit sensationeller Rettung: 49. Dxh5 (49. Txf6?? Sg1 matt) 49. …Sg1+ 50. Kg4 Dd4+ 51. Tf4 Dd1+ 52. Lf3 Dxd7+, aber Weiß passt auf. 48. Te8! Dg6 49. Tg8+ Kxg8 50. d8D+ Kg7 51. Dg5 Se2 52. Dfe3 Dxg5 53. hxg5 Tc2 54. Lf3 Sd4 55. De5+ – 1:0




Bild vergössern

Das beschaulich am Atlantik-Strand gelegene Casino beherbergte 1911 das erste Schach-Superturnier im 20. Jahrhundert.

Der Showdown endete tragisch für den Tschechen. Da Volokitin mit den schwarzen Steinen bald besser stand, wollte er die gleichstehende Weißpartie mit Remisangebot loswerden, doch das passte Laznicka nicht. Er verbrauchte allerdings zu viele Minuten dafür, nach einem Gewinnweg zu suchen und überschritt die Zeit, just zum Zeitpunkt als er die schlechter stehende Stellung wieder ins Gleichgewicht gebracht hatte. Dann versagten auch dort die Nerven und er stellte auch die zweite Partie ein, diesmal durch Qualitätsverlust.

 
Auszug aus
"Zwischen Tradition und Innovation | San Sebastian feiert 100 Jahre seit Capablancas europäischer Ankunft und Weltpremiere im Geist von Bronstein"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Februar 2012

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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