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Ausgabe 1 mit diesen zentralen Themen ::

Hou Yifan macht kurzen Prozess




Foto: Anastasia Karlovich

Die Party kann beginnen: (oben von links) FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow, eine festlich lächelnde Titelverteidigerin, die historische Politikgröße Michail Gorbatschow und Wang Xi, die Mutter der Weltmeisterin.


Überraschende Maßnahmen seitens der der FIDE sind die Regel. Wer wäre darauf gekommen, die Frauen-WM zwischen den beiden besten Spielerinnen nach Judith Polgar an ein Land wie Albanien zu vergeben? Die Top-Spielerinnen zweier asiatischer Schachgroßmächte duellieren sich in einem kleinen, weitgehend unbekannten europäischen Kleinstaat. Die amtierende 17-jährige Weltmeisterin Hou Yifan gewinnt mit 5,5:2,5 ohne Niederlage den ursprünglich auf zehn Partien angesetzten Titelkampf gegen die 24-jährige Humpy Koneru. Zur Abschlusskrönung reiste der 80-jährige Mihail Gorbatschow in den ehemaligen kommunistischen Bruderstaat, und der Friedensnobelpreisträger von 1990, der Schach in seiner Jugend während des zweiten Weltkriegs erlernte und sich heute als Schirmherr für das FIDE-Schulschachprogramm einspannen lässt, bewegte die noch nicht volljährige Chinesin zu einem ungewöhnlichen Zug. "Auf einer Abschlussfeier muss man auch Champagner trinken", mahnte der Initiator der Glasnost- und Perestroika-Politik. Worauf Hou Yifan umgehend ein ganzes Glas als Zeichen von Offenheit und Umbau leerte! Das überraschende Ende eines Events ohne Überraschungen auf dem Brett. Dennoch bleibt ein WM-Match immer etwas Außergewöhnliches.

[…]



Damengambit D 38
Humpy Koneru - Hou Yifan
3. Matchpartie, Tirana 2011 1. d4 e6 2. c4 Sf6 3. Sf3 d5 4. Sc3 Lb4 5. cxd5 exd5 6. Lg5 h6 7. Lh4 c5 8. e3 c4 9. Le2 g5 10. Lg3 Se4 11. Tc1 Da5 12. Se5



Koneru spielte die Variante locker aus dem Handgelenk, sie hatte mit dieser Stellung bereits Erfahrungen sammeln können. Der Bauerngewinn 12. …Sxc3 13. bxc3 Lxc3+ 14. Kf1 bringt Schwarz in eine sehr passive Stellung, z. B. 14. …Lb2 15. Tc2 c3 16. h4 gxh4 (16. …g4 17. Lxg4; 16. …Lf5 17. Ld3) 17. Txh4 Dxa2 18. Lh5 Le6 19. Tf4 Th7 20. Tf6 Da6+ 21. Kg1 Sd7 22. Sxd7 Kxd7 23. e4, und es wird langsam ungemütlich für Schwarz.

Hou Yifan ließ sich wohlweislich nicht darauf ein und spielte 12. …Lxc3+ 13. bxc3 Sc6 Hier geht 13. …Sxc3 schon gar nicht, wegen 14. Dd2 mit Figurengewinn. 14. 0-0 0-0 15. Lf3 Sxg3 16. fxg3 Ein natürlicher Zug ist 16. hxg3. Die Partiefortsetzung ruiniert zwar die weiße Bauernstruktur, aber die f-Linie ist nicht zu verachten. 16. …Sxe5 17. dxe5 Le6 Noch stand die Herausforderin besser, sie hätte jedoch den Bauern a2 nicht opfern, sondern ihn mit 18. Dd2! decken sollen, um dann mit Lh5 und Tf6 anzugreifen - so wie in der Partie, aber weiter mit dem a-Bauern auf dem Brett. 18. Lh5?! Dxa2 19. Tf6 Durchaus spielbar war …Kg7, doch die Weltmeisterin warf einen Bauern ins Geschäft, um ihren Läufer von der passiven Stellung auf e6 nach e4 überführen zu können, wo er noch eine große Rolle spielen wird. 19. …Db2 Greift den Turm c1 an, um nach 20. Txh6 Lf5 spielen zu können, Dxd5 geht ja nicht, der Tc1 bedarf der Deckung. 21. Tf6 Le4



Nach der Partie kamen die Gegnerinnen überein, dass 22. Tf2 Db6 23. Dd4 besser war, das Endspiel nach 23. …Dxd4 24. exd4 a5 25. Tb2 a4 ist ausgeglichen. Eine nahe liegende Variante führt schnurstracks zum Remis: 26. Txb7 a3 27. Ta1 a2 28. Kf2 Ta3 29. Lf3 Lxf3 30. gxf3 Tfa8 31. Tb2 Txc3 32. Taxa2 Txa2 33. Txa2 Td3 34. Ta8+ Kg7 35. Ta7 (Idee e5-e6) 35. …Kg6 36. Ta6+ Kg7 37. Ta7 remis. 22. Lf3?! Ld3 23. De1 23. Lxd5 missfiel Koneru wegen 23. …Tad8, wonach 24. e4? an …Lxe4 scheitert; deshalb zog sie die Dame nach e1. Erwähnenswert ist noch 23. Lxd5 Tad8 24. Td6 Txd6 25. exd6 Td8 mit günstigem Rückgewinn des Bauern. Weiß hat keine reellen Angriffschancen am Königsflügel, Schwarz dagegen den Freibauern auf der a-Linie, der womöglich bis nach a2 rennen wird. 23. …Tae8 24. Lxd5 Txe5 25. e4 Kg7 Noch stärker war 25. …Td8!, drohend …Txd5. 26. Tf2 Db6 27. Dd2 Td8 28. Db2 f5 29. Dxb6 axb6 30. Lxb7 fxe4 Wegen des kommenden …e4-e3 ist das Endspiel eindeutig besser für Schwarz, aber nach 31. Tb2? gewinnt Schwarz forciert: 31. …Te7! 32. Lc6 32. La6 e3! 32. …Td6 33. La4 33. La8? Ta7 mit Läuferfang. 33. …e3 34. Te1 e2 35. Lc2 Tf7 Es droht …Tf1+ nebst Matt. 36. Lxd3 verhindert diese Drohung nur kurzzeitig, nach 36. …cxd3 sind die Freibauern nicht zu stoppen. 37. Td2 Tdf6 – 0:1

Koneru haderte zu Recht; sie war gut aus der Eröffnung (vgl. die Anm. nach dem 17. Zug von Schwarz) gekommen, konnte aber ihre Vorteile nicht ausbauen, und die Dinge kehrten sich um … und dazu noch die Aussicht, zweimal hintereinander mit Schwarz antreten zu müssen! Das wurden dann wiederum zwei bis ins Endspiel ausgeschöpfte Begegnungen. Was das Ablehnen kräftesparender Punkteteilungen angeht, ähnelt Hou Yifan ihrem Idol Bobby Fischer, der auch das Weiterspielen vorzog und selbst theoretisch ausgeglichene Endspiele mit wenig Material durchexerzierte.

 
Auszug aus
"Hou Yifan macht kurzen Prozess | 17-jährige Weltmeisterin zeigt Match-Routine bei ihrem dritten Frauen-WM-Final-Match | Herausforderin Humpy Koneru gelingt kein Partiegewinn"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Januar 2012

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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