<00i> Schach-Magazin
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Ausgabe 12 mit diesen zentralen Themen ::

„Schach ist der integrative Sport schlechthin“




Thomas Luther mit gleich drei Goldmedaillen: für den Einzelsieg in der Sonderwertung für Behinderte, als Mitglied der siegreichen Mannschaft des IPCA und als Gesamtsieger. | Foto: Veranstalter / F. Gärtner


SM64: Gratulation Herr Luther, Sie sind dreimaliger deutscher Meister, haben 2000 auf der Schacholympiade in Istanbul mit der deutschen Nationalmannschaft die Silbermedaille gewonnen. Nun sind Sie auch noch Weltmeister der körperbehinderten Schachspieler geworden. Was bedeutet Ihnen dieser Titel?

Luther: Dresden ist für mich etwas Neues. Dieses große Schachturnier für Menschen mit Behinderung ist natürlich nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie ein sportliches Ereignis. Es ist eben vor allem ein großes soziales Projekt. Die Macher in Dresden, das Team um Dirk Jordan, der ja auch die Schacholympiade 2008 organisierte, wollten das Behindertenschach in einem neuen, attraktiven Rahmen darstellen. Das ist gelungen, finde ich.

SM64: Welche Überlegung stand da am Anfang?

Luther: Ganz einfach: Im normalen Leistungssport gibt es neben der regulären Olympiade die Paralympics. Der Schachsport hat seine eigene Olympiade. Da fand Jordan es naheliegend, auch für das Behindertenschach etwas Ähnliches anzubieten. Das fand ich aller Ehren wert. Allerdings beginnt nach der guten Idee ja erst die harte Arbeit.

SM64: Was war zu tun?

Luther: Es gibt drei internationale Schachverbände für Behinderte: die Weltverbände der Gehörlosen, der Blinden und der Körperbehinderten. Die sind alle unabhängig. Die Dresdner haben es geschafft, die drei Verbände unter einen Hut oder sagen wir: an einen Schachtisch zu bekommen.

SM64: Damit ist tatsächliche eine - inoffizielle - WM entstanden.

Luther: Ja, obwohl wir es nicht WM, sondern "World Games" genannt haben. Die FIDE hat das auch so anerkannt. Dort gab es großes Interesse am Zustandekommen des Turniers - und an einer Fortführung. Inoffizielle WM - ja, so kann man das nennen.

SM64: Waren Sie eingebunden in die Organisation?

Luther: Ja, aber nur minimal. Ich habe im mir möglichen Rahmen Werbung für das Turnier gemacht.

SM64: Herr Luther, bei allem Respekt für ein tolles Turnier: Man kann auf den Gedanken kommen zu fragen, warum es eigener Behindertenturniere und -verbände bedarf. Gerade das Schach bietet doch die Chance, jung gegen alt, Mann gegen Frau, Behinderte und Nichtbehinderte gegeneinander spielen zu lassen.

Luther: Genau, das ist die Kernfrage: Brauchen wir das überhaupt? Tatsächlich ist das ja auch kein Massenphänomen. Mein Verband, die International Physically Disabled Chess Association, veranstaltet jedes Jahr eine eigene WM. Bei der diesjährigen WM, im Sommer in der Slowakei, war da zum Beispiel kein einziger Deutscher dabei. Und auch das stimmt ja: Schach ist der integrative Sport schlechthin. Jetzt kommt das Aber. Ich weiß, dass es viele behinderte Schachspieler gibt, die sich nicht recht trauen, auf ein reguläres Schachturnier zu gehen oder nicht die Möglichkeit dazu haben. Denen macht das Behindertenschach ein Angebot. Natürlich ist die Teilnahme an einem normalen offenen Turnier auch für die Behinderten das Interessanteste. Aber oft sind eben die praktischen Umstände schwierig. Da geht es manchmal um Kleinigkeiten: Tischhöhe und Tischabstände bei Rollstuhlfahrern zum Beispiel. Und richtig ist auch, dass es manche Organisatoren überforderte, wenn eine Vielzahl Behinderter teilnähme. Ich will das nicht zur Prinzipienfrage erheben. Eigene Behindertenturniere bringen einfach nur eine wichtige weitere Option ins Spiel. Sie senken die Hemmschwelle. Wenn sich dadurch der eine oder andere ermutigt fühlt, ist der Zweck schon erfüllt.

SM64: Sie sind ein Wanderer zwischen beiden Welten: erfolgreiche Schacholympiaden haben Sie schon für das deutsche Nationalteam und die Auswahl des internationalen Verbandes für Körperbehinderte gespielt. Wo ist der Unterschied?

Luther: Die ehrliche Antwort ist, dass ich meine schachlich stärkste Zeit vor etwa zehn Jahren hatte. Heute hätte ich nicht mehr das Niveau für die reguläre Nationalmannschaft. Mir war aber immer klar, dass ich mich irgendwann stärker im Bereich des Behindertenschachs engagieren würde - aus sozialen Gründen. Schach hat mir in meinem Leben viel gegeben. Trotz meiner Behinderung konnte ich Spitzensport betreiben. Ich will jetzt andere überzeugen, dass man im Schach als Behinderter Erfolge haben und Anerkennung finden kann. Viele Behinderte trauen sich das nicht zu. Diesen Anstoß würde ich gerne geben.

SM64: Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

Luther: Ich habe angeborene Behinderungen an den Armen. Natürlich ist das als Kind nicht immer leicht gewesen. Schach war mir aber immer wichtig. Deshalb bin ich - trotz allem - stets dabei geblieben. Dann kamen relativ schnell die Erfolge. Und mit den Erfolgen kam der Respekt. Allerdings gab es auch ein unangenehmes Schlüsselerlebnis: Als Jugendlicher, damals gehörte ich schon zur DDR-Spitze, hatte mir tatsächlich ein Trainer gesagt, dass ich aufgrund meiner Behinderung im Schach nie besonders viel erreichen könne. Das sei die allgemeine Meinung. Das ist lange her, aber solche Haltungen gibt es, da bin ich nicht naiv.

SM64: Hat Sie das umgehauen oder eher angespornt?

Luther: Es war ein großer Ansporn. Ich habe daraus etwas gelernt: Man kann im Leben viel erreichen, wenn man sich für eine Sache sehr einsetzt und wenn diese Sache für einen sehr wichtig ist. Schach ist da nur ein Beispiel - aber ein gutes. Für mich war das Schach immer eine Quelle der Ermutigung. Es hat mir im Leben sehr geholfen. Das möchte ich gerne weitergeben. Ich möchte sowohl die Behinderten ermutigen, den Schritt zu gehen, in die Vereine zu gehen, als auch die Vereine ermutigen, sich für Behinderte zu öffnen. Ich denke auf beiden Seiten braucht es manchmal nur einen kleinen Anstoß. Ich bemühe mich deshalb, so gut es geht, Schach und Behindertenschach in die Medien zu bringen, es zum Thema zu machen.

SM64: Das ist schon für Schach als solches ein hartes Brot. Das Behindertenschach hat es da sicher noch schwerer.

Luther: Ja, leider ist es so. Die körperbehinderten Schachspieler haben in Deutschland, anders als die Blinden und die Gehörlosen, noch gar keinen eigenen Verband. Ich bemühe mich sehr, Wege zu finden, hier eine Struktur zu schaffen. Wir brauchen eine engagierte Persönlichkeit, die das in die Hand nehmen könnte. Wie man das auch immer nennt: Einen Paten, einen Organisator, einen Sponsor - wir brauchen ein Gesicht, eine Anlaufstelle, einen Partner. Das ist mein Appell: Wer sich hier engagieren möchte, fände hier eine verdienstvolle Aufgabe und träfe auf große Dankbarkeit.

SM64: Und wer jetzt schon Fragen hat oder Tipps bekommen will?

Luther: Der - oder die - kann sich natürlich an mich wenden. Am besten per E-Mail: thomas.luther@gmail.com

 
 
Auszug aus
"„Schach ist der integrative Sport schlechthin“ | Thomas Luther, Sieger der World Games 2011 in Dresden, im Gespräch mit Norbert Wallet"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Dezember 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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