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Ausgabe 9 mit diesen zentralen Themen ::

Mannschaftsweltmeisterschaft 2011




Aronian, Movsesian
Foto: Otto Borik

Das schlagkräftige Spitzenduo des armenischen Weltmeisterteams: Levon Aronian (l.) und Sergej Movsesian


Vom 17. bis zum 27. Juli war die Stadt Ningbo im Großraum Shanghai der Schauplatz der Mannschaftsweltmeisterschaft. Im Gegensatz zu der alle zwei Jahre ausgetragenen Schacholympiade, bei der jede Föderation ungeachtet der Spielstärke ihrer Vertreter mit einem Team mitspielen und somit am größten Schachfest der Welt teilnehmen darf, ist die nur alle vier Jahre durchgeführte Mannschaftsweltmeisterschaft ein kleines Eliteturnier. Nur zehn Vierermannschaften (plus jeweils ein Ersatzspieler) sind dabei: Dazu zählen die Bestplatzierten der letzten Olympiade (Russland, Israel, die Ukraine und Ungarn), die Vertreter der Kontinente (Aserbaidschan, USA, Indien und Ägypten), eine Mannschaft des ausrichtenden Landes (China) und schließlich dasjenige Land, das den einzigen Freiplatz erhielt, nämlich Armenien, das am Ende ganz vorn lag.

Endstand
Endstand

Nicht jede Nationalmannschaft trat in Bestbesetzung an. Bei den Indern fehlte Weltmeister Anand, der (nach der Geburt seines Sohnes) seit April in einer Art Vaterschaftsurlaub weilt und erst im Oktober (Grand Slam in Bilbao) wieder in die Turnierarena zurückkehrt. Sein Gegner bei der kommenden WM, Boris Gelfand, wollte nach dem Gewinn der anstrengenden Kandidatenkämpfe nur noch "lange, lange ausruhen" und fehlte in Israels Team. In dem Team der USA fehlte der beste Mann (Nakamura), bei den Ukrainern die Nr. 2 (Ponomarjow) und bei den Russen Exweltmeister Kramnik, diese drei zogen das Dortmunder Turnier der WM in China vor. In Bestbesetzung traten neben den Ägyptern nur die beiden kaukasischen Länder an. Für Armenien war erstmalig Sergej Movsesian mit von der Partie, ein "verlorener Sohn", der sprichwörtlich heimkehrte, wenn auch nicht wortwörtlich: er bleibt mit seiner russischen Lebensgefährtin in Prag wohnen, wechselte aber die Föderation und spielt nun für "das Land meiner Väter". Und diesem konnte er gleich einen guten Dienst erweisen. In einem Zitterspiel gegen Ungarn, in dem es eine Zeit lang nach einem 2,5:1,5 für die Magyaren aussah, behielt er die Nerven und konnte in dem hochdramatischen Duell die Partie und das ganze Match noch "umdrehen".

[…]

Auch wenn die Chinesen den Titelgewinn knapp verpassten, sie klagten keineswegs. Nach der Setzliste, dem Mannschaftsdurchschnitt nach Elozahlen, lagen sie nach Russland (Mannschaftsniveau 2752), Aserbaidschan (2737), der Ukraine (2722). Armenien (2709) und Ungarn (2696) mit ihrem Schnitt von 2692 nur auf dem sechsten Rang! Jede höhere Platzierung galt als ein Erfolg, und die schließlich erzielte Silbermedaille wurde sehr wohl als ein solcher angesehen.

Der beste Mann der Chinesen war Wang Yue. Der 24-Jährige erzielte am zweiten Brett bei sehr starker Gegnerschaft (im Durchschnitt 2696) sagenhafte 7 Punkte aus 9 Partien, was eine persönliche Turnierleistung (TPR) von 2912 Elopunkten ergab. Dies ist die beste Einzelleistung in diesem Sommer weltweit, Wang Yu übertraf damit selbst Kramniks tolle 2870 aus Dortmund und Carlsens 2825 aus Biel.

Englisch A 39
Wang Yue (CHN, 2709)
B. Amin (EGY, 2609)
1. Sf3 Sf6 2. c4 c5 3. g3 g6 4. Lg2 Lg7 5. Sc3 Sc6 6. d4 cxd4 7. Sxd4 0-0 8. 0-0 Sxd4 9. Dxd4 d6 10. Dd3 Lf5 11. e4 Le6 12. b3 a6 13. Ld2 Tc8 14. Tac1 Dd7 15. Tfe1 Sg4 16. h3 Se5 17. Df1

Stellung nach 17.Df1

Stellungen dieser Art sind nicht unbekannt, Weiß steht bereit, die gegnerischen Kräfte mit f4 nebst Sd5 zurückzudrängen. Der Ägypter wandte nun eine interessante Idee an, die jedoch von Wang Yue brillant bekämpft wurde: 17. …Sxc4 18. bxc4 Lxc4 19. Se2 Da4 20. Ted1 Dxa2 Schwarz hat drei Bauern für die Figur, zwei davon als verbundene Freibauern am Damenflügel. Wenn dieses Duo weit genug vorrückt, kann es brandgefährlich werden. Doch bis es soweit ist, dauert es eine Weile, und Wang Yue nutzt die Zeit gut aus. Als Erstes entfesselt er seine Dame, 21. De1 und will mit Sc3 die schwarze Dame jagen: 21. …Lxe2 22. Dxe2 Welchen seiner Freibauern soll Schwarz nun zuerst auf die Reise schicken? Der b-Bauer kann bis nach b2 laufen, dort richtet er aber keinen Schaden an, denn Weiß blockiert mit Tb1 und steht sicher, weil der Gegner keinen weißfeldrigen Bauern mehr hat. Also rennt der a-Bauer zuerst: 22. …a5 23. Dd3

Stellung nach 23.Dd3

Weiß hebt die Fesselung auf der zweiten Reihe auf und will nach 23. …a4 stark 24. Tb1 Tc7 25. Tb4 a3 26. Ta4 Lb2 27. e5! spielen, drohend Ld5. Falls dann 27. …De6, so 28. exd6 exd6 (oder 28. …Dxd6 29. Dxd6 exd6 30. Lb4) 29. Lb4, wonach die einstige schwarze Bauernmacht zu einer Ruine mutiert. Amin spielte 23. …Txc1 24. Txc1 b5 mit diesem kleinen taktischen Trick, Dxb5 scheitert ja an …Dxd2, prescht Schwarz mit seinen Bauern nach vorn, doch auch auf der fünften Reihe sind sie noch nicht weit genug vorgerückt, um zu einer wirklichen Bedrohung zu werden. 25. Lg5! Der Läufer d2 entzieht sich dem Angriff, was aber natürlich auch mit Le3 zu erreichen ist. Doch der Partiezug, eine typische strategische Maßnahme, ist um vieles besser. Der Angriff auf e7 verschlechtert die schwarze Stellung erheblich. Nach 25. …f6 (…Te8? verliert den Bauern b5) 26. Le3 ist aus dem aktiven Läufer g7 ein passiver geworden. Also Augen zu und durch: 25. …b4 26. Lxe7 Te8 27. Lxd6 b3 28. Db5! Td8 29. e5 Falls jetzt 29…b2, so 30. Tf1 a4 31. Ld5 Da1 32. Lxf7+ Kh8 (32. …Kxf7 33. Dc4+ Ke8 34. De6 matt) 33. e6 nebst e7 und Gewinn. 29. …Lf8 30. Ld5 Lxd6 31. exd6 Aber nicht 31. Lxb3? Da3, und der Turm c1 hängt. 31. …Da3 32. Te1 b2 und der Rest war ein reines Abzählen: 33. Te8+ Kg7 33. …Txe8 führt zum Matt nach 34. Dxe8+ Kg7 35. Dxf7+ Kh6 36. Df8+ Kh5 37. Kg2 b1D 38. g4+ Kg5 39. f4+ Kh4 40. Dh6 matt. 34. Txd8 Da1+ 35. Kg2 b1D

Stellung nach 23.Dd3
36. Dxb1! Dxb1 37. d7 und wegen 37. …Db5 38. Tg8+ Kxg8 39. d8D+ Kg7 40. Dd6 a4 41. Lc6 – 1:0

 


Auszug aus
Der „verlorene Sohn“ schoss das Siegestor| Mannschaftsweltmeisterschaft 2011: Armenien siegt vor China und der Ukraine
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, September 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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