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Ausgabe 8 mit diesen zentralen Themen ::

Betrugsfall überschattet die Deutsche Meisterschaft


Kribben, von Weizsäcker

Dr. Matthias Kribben und Prof. Robert von Weizsäcker lenkten Mitte der ersten Dekade nicht nur die Geschicke des Deutschen Schachbundes sondern holten zusammen auch Fernschach-Olympiade-Gold für Deutschland. | Foto: Harald Fietz


Sie sind die stillen Helden des königlichen Spiels. Sie packen zu später Stunde und meist im stillen Kämmerlein ihre Ideen aus. Im Bewusstsein der Schachwelt sind sie eher Erscheinungen einer Parallelwelt, von deren Existenz man zwar weiß, deren Spielrhythmus jedoch weitgehend im Verborgenen liegt. Und dennoch genießen Fernschachmeister moderner Prägung inzwischen mehr Aufmerksamkeit, da wichtige Periodika wie der Informator oder New-in-Chess-Jahrbuch zunehmend die moderne Schachtheorie mit Analysen der Spieler abgleichen, die jederzeit alle Hilfsmittel einsetzen dürfen. Deutschland galt seit jeher als Hochburg im Fernschach (FS) und ist derzeit an allen Fronten Weltklasse. 2008 gewann man die Mannschafts-Olympiade und stellt mit Ulrich Stephan den aktuellen Weltmeister Nr. 23. Zudem sind ein Drittel der Top 15 in der Fernschach-Weltrangliste Deutsche, darunter auf Platz 13 der Berliner Dr. Matthias Kribben. Mit dem früheren Vizepräsidenten des Deutschen Schachbunds blicken wir anhand von vier seiner Partien auf einige Besonderheiten des Metiers Fernschach und stützen uns zudem auf ein Vortragsmanuskript des neuen BdF-Präsidenten Dr. Uwe Staroske, den dieser am 30. März 2011 bei den Findorffer Schachfreunden hielt. Wie stellt sich die deutsche Fernschach-Szene heute dar?

Fernschach-Fakten

Mit ungefähr 3000 Mitgliedern ist der Deutsche Fernschachbund (BdF), gegründet 1946, der größte Verband im ICCF, der International Correspondence Chess Federation. Der internationale Verband entstand 1951, nachdem es 1928 und 1945 Vorläu-fer-Organisationen gab. Und die Deutschen sind rege Spieler, denn mehr als ein Sechstel dieser Mitglieder besitzt einen Fern-schach-Titel: 64 Großmeister, 168 Senior International Master (SIM) und ca. 300 Internationale Meister. Der Unterschied zwischen den beiden Titeln unterhalb des GM-Levels ist graduell, da SIM eine höhere Fernschach-Elo von 2500 (gegenüber 2400 bei FS-IM) gehabt haben müssen. Dies ist "der harte Kern" von rund 9000 Mitgliedern Anfang der 90er Jahre, denn nach der Wiedervereinigung durchlief der Verband einen Schrumpfungskurs. In den neuen Bundesländern sank die Mitgliederzahl um rund 2000, nachdem die Beitragsbefreiung der Nachwende-Zeit auslief. Steigende Postgebühren und Unwilligkeit des Umstiegs auf elektronische Medien bzw. Abneigung gegen übermäßigen Computereinsatz kosten ebenfalls Mitglieder. FS-GM Heinrich Burger war einer der prominenten Spieler, die die Rechner-Aufrüstung nicht mitmachten und sich vom Fernschach zurückzogen.

[…]

Vom Jugendmeister zum Spitzenspieler

Wie viele Spieler der Jetztzeit ist Kribben durch Bobby Fischers märchenhaften Schachaufstieg sozialisiert worden. Zusammen mit seinem Bruder Johannes, der nach 20 Jahren Pause erst nach der Jahrhundertwende zum Fernschach zurückkehrte, frönte er im hessischen Hofheim dem Nahschachspiel, um mit 17 Jahren einen Ausflug zur wissenschaftlicheren Variante zu wagen. Eine Kartothek galt es aufzubauen mit Quellen aus Schachzeitungen und der Loseblattsammlung Schach-Archiv sowie Recherchen in Schachbüchern der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Das klappte gut und mit 10 Punkten aus 11 Partien wurde Kribben 1978-81 18. Deutscher Fernschach-Jugendmeister, bei einer Gesamtteilnehmerzahl von 205 (in 24 Vorrunden). Die Qualifikation konnte auch zum Nebenbroterwerb während des BWL-Studiums in Frankfurt/Main genutzt werden, denn seinerzeit war Kribben Redaktionsmitarbeiter beim "Schach-Echo".

Blickt man auf die weitere Fernschach-Karriere so erstaunt zunächst, dass seit 1986, dem ernsthaften Einstieg im ErwachsenenBereich, 163 Partien ausreichten, um aktuell mit FS-Elo 2652 auf Platz 13 der Weltrangliste zu gelangen (momentan haben ca. 4700 Spieler eine internationale FS-Zahl). Ende der 80er Jahre gab es den FS-IM-Titel, 2009 letztlich den FS-GM-Titel. Mit seinem Berliner Fernschach-Verein Zitadelle Spandau, dem er im Nahschach als Vereinsvorsitzender vorsteht, wurde Kribben 2011 Deutscher Fernschach-Mannschaftsmeister. Im Gegensatz zum Nahschach besteht das Team allerdings nicht aus Ortsansässigen, während der Nahschachverein des früheren Berliner Verbandspräsidenten (2004 bis 2010) im Westen der Bundeshauptstadt eine feste Größe in der Berliner Landesliga und den Jugend- und Schulschachaktivitäten ist.

Als seinen größten Erfolg neben Olympia-Sieg und Qualifikation für das WM-Finale erachtet Kribben den vierten Platz beim Heemsoth-Memorial 2008-2010. Unter den 17 Teilnehmern befanden sich nicht nur vier ehemalige Weltmeister sondern auch die beste deutsche Spielerin Annemarie Burghoff, die mit FS-Elo 2609 die FS-Frauen-Weltrangliste mit über 100 Wertungspunkten anführt. Am Ende spielte eine Naturkatastrophe Kribben einen Streich beim Rennen um Platz eins. Der fehlende halbe Punkt in einer Partie mit Mehrbauer kam durch die Abschätzung gegen Guillermo Toro Solis de Ovando. Der Chilene konnte aufgrund des Erdbebens Anfang 2010 keine Kommunikation aufrecht erhalten.

[…]

Bauernopfer in der Eröffnung

Bauernopfer gehören zu den feingeistigen Zügen einer Eröffnung und viele Gambit-Eröffnungen bilden den Kanon moderner Eröffnungstheorie. Um wie viel mehr freut sich ein Fernschachspieler dann, wenn er im frühen Partiestadium einen scheinbar riskanten, unerforschten Weg beschreitet, den kein Weltklassespieler zuvor in Erwägung zog. Solch eine Stellung wie jene nach acht Zügen kann hervorragend als Trainingsmaterial für die Methode des Ausspielens gelten.

Englisch A34
M. Kribben - H. Lögdahl
XV. Fernschach-Olympiade 2003
1. c4 c5 2. Sc3 Sc6 3. Sf3 e5 4. e3 Sf6 5. d4 cxd4 6. exd4 e4 7. Se5 Lb4 8. Le2 Da5

Stellung nach 8.Da5

Schaut man sich diese Stellung in den Datenbanken an, so schlägt alle Welt mit dem Springer auf c6. Und auf der schwarzen Seite saßen prominente Spieler wie Judith Polgar, Pia Cramling, Baadur Jobava, Sergei Movsesian oder Ivan Cheparinov. Es erstaunt wie selbstredend in der Vorbereitung auf die Über-dem-Brett-Turnierpraxis bei dieser Stellung hinweggegangen wurde. Weiß vertraut mit dem Bauernopfer einfach auf seine Intuition und den Mehrwert der Initiative. Eigentlich sollte man diese Haltung mehr in der üblichen Turnierpraxis erwarten, nämlich dort, wo der Gegner in begrenzter Zeit nicht auf alle realen und scheinbaren Drohungen adäquat reagieren kann. Beim Fernschach vermutet man - wohl zu Unrecht -, dass dort solches Spiel auf eine nicht quantifizierbare Initiative weniger vorkommt … eine Engine könnte ja irgendwo das Loch finden. Aber scheinbar sind Top-Fernschachspieler mit einem sehr guten Stellungsgefühl ausgestattet. Überlegen Sie selber: Würden Sie aus dem Bauch 9. 0-0 eine Chance geben oder würden Sie den Zug nach Check mit dem Computer machen? 9. 0-0! Sxe5 10. dxe5 Dxe5 11. Ld2 Lc5 12. Sb5 0-0 13. b4 Le7 14. f4 Db8 Nach 14. …exf3 15. Lxf3 muss nicht viel über Kompensation diskutiert werden. 15. f5!

Stellung nach 15.f5!

Das Feld f4 wird für Figuren gebraucht! 15. …d6 16. Lf4 a5 17. c5 Ld7 18. cxd6 Ld8 19. Sc7 Da7+ 20. Kh1 Tc8 21. b5 Lxf5 22. Tc1 Ld7 23. Tc3 Se8 24. Lg4 f5 Nach 24. …Sf6 25. Lxd7 Sxd7 26. Dd5 Sf6 27. Df5 zeigt sich die Hilflosigkeit der schwarzen Figuren, denn 27. …Tb8 28. Le3 b6 29. Ld4 bedeutet totale Dominanz. 25. Le5 Lh4 26. Lxf5 Schwarz gab auf, denn seine Figuren sind über das Brett zerstreut und die weißen Varianten überzeugen durch das Zusammenspiel der Figuren und den Abspielen 26. …Txf5 (oder 26. …Lxf5 27. d7 Lxd7 28. Dd5+) 27. Dd5+ Kh8 28. Txf5 Lxf5 29. Ld4. – 1:0

 
 
Auszug aus
"Schätze der Abendstunden | Blicke in eine Schach-Parallelwelt oder Zeitverschwendung auf hohem Niveau"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, August 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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