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Ausgabe 6 mit diesen zentralen Themen ::

Auftakt der Kandidatenkämpfe




Alexander Grischuk (l) und Levon Aronian
Foto: Cathy Rogers

Alexander Grischuk und Levon Aronian bei der Analyse nach der Partie, hier aufgenommen beim Turnier in Bilbao.


In der Wolga-Stadt Kazan wird derzeit der neue Herausforderer des Weltmeisters ermittelt. Bei Redaktionsschluss war das Viertelfinale abgeschlossen und die vier Halbfinalisten standen fest. In diesem Beitrag wird die erste Etappe der Kandidatenkämpfe beleuchtet, in der nächsten Ausgabe dann über den Rest dieser fast einen Monat lang andauernden Qualifikation berichtet.

Bevor wir uns den Partien zuwenden, wollen wir erst einmal erläutern, worum es genau geht:

Der Weltschachbund hatte im Vorjahr beschlossen, zu einem früher angewandten Weltmeisterschaftszyklus zurückzukehren. Der Herausforderer des Weltmeisters wird wieder in Zweikämpfen nach K.-o.-System ermittelt. In dem gegenwärtigen WM-Zyklus absolvieren acht Spitzenspieler diese Ausscheidungskämpfe, nach drei Runden wird dann derjenige feststehen, der 2012 gegen Anand zum WM-Match antreten wird.

Diese acht Teilnehmer wurden nach dem folgenden Schlüssel ermittelt:

  • Die beiden Finalisten der letzten Kandidatenkämpfe (Topalov und Kamsky)
  • Die beiden Erstplatzierten im Grand Prix (Aronian und Radjabov)
  • Sieger des Weltcups 2009 (Gelfand)
  • Die zwei nach Elo höchstgewerteten Spieler, die nicht wie oben aufgeführt qualifiziert sind (Kramnik und Grischuk)
  • Ein Vertreter der austragenden Schachföderation (Mamedyarov)
Da die Veranstaltung auf russischem Boden stattfand, hätte man auf der zuletzt genannten Position einen Russen erwarten können, Mamedyarov ist aber Aserbaidschaner.

Ursprünglich wollte Aserbaidschan die Kämpfe in Baku ausrichten. Nun hatte jedoch der unselige Konflikt um die kaukasische Region Bergkarabach die Beziehungen zwischen Armenien und Aserbaidschan derart vergiftet, dass dem Armenier Aronian in Aserbaidschan keine Sicherheit zugesagt werden konnte. Die Kandidatenkämpfe drohten zu platzen oder auseinander gerissen zu werden, was für den Weltschachbund einen Imageschaden bedeutet hätte.

[…]



Stellung nach 16...0-0

Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Schachfreunde die WM zwischen Anand und Aronian herbeisehnten. Gegen Topalov und Kramnik hat Anand schon gespielt, gegen Carlsen - der den Kandidatenkämpfen ablehnend gegenüber steht und auf die Teilnahme verzichtete - kann er derzeit nicht spielen, dann bleibt nur noch der Weltranglistendritte Aronian übrig. Bei ihm hätte alles gestimmt, ein angemessener Gegner (u. a. Weltcup-Sieger, Grand Prix Sieger, zweifacher Olympiasieger mit Armenien), und wenn er Anand entthronen sollte, hielte sich der Schaden in Grenzen, denn Aronian ist wie Anand ebenfalls ein sympathischer Zeitgenosse.

Doch es hat nicht sollen sein. Aronian verdarb die klar gewonnene Auftaktpartie zum Remis, geriet dann aus dem Tritt, remisierte die nächsten drei, und im Schnellschachmatch unterlag er Grischuk mit 2,5:1,5 Punkten. Hier ist die Schicksalspartie des Armeniers:

Grünfeldindisch D 87
L. Aronian - A. Grischuk
1. Matchpartie, Kazan 2011 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5 4. cxd5 Sxd5 5. e4 Sxc3 6. bxc3 Lg7 7. Lc4 c5 8. Se2 Sc6 9. Le3 0-0 10. 0-0 b6 11. dxc5 Dc7 Das alles ist schon seit Jahrzehnten bekannt, auch dass 11. …Dc7 12. cxb6 axb6 nebst …Sa5 und …Le6 dem Schwarz gutes Spiel für den Bauern gibt. Das ist auch der Grund, warum in dieser Eröffnung nur selten auf c5 geschlagen wird, meist geschehen Entwicklungszüge wie Tc1. Aber 12. Sd4 ist einen Versuch wert. 12. …Se5 13. Sb5 Db8 14. Le2 In einigen Vorgängerpartien geschah nun 14. Le2 a6 15. Sa3 b5. Grischuk hat eine andere Idee. 14. …bxc5 Auf 15. Lxc5 plante der Russe 15. …a6 16. Sa3 Dc7 17. Ld4 Td8, was für Schwarz nicht schlecht aussieht. 15. f4 Sg4 16. Lxc5 a6 17. Sa3 Dc7 18. Ld4 e5 19. fxe5 Sxe5 20. Dc1 Jetzt bot sich …Le6 an, mit Kompensation wie eingangs erwähnt. Grischuks Aktion 20. …Lg4?! 21. Lxg4 Sxg4 22. Df4 Dxf4 23. Txf4 Se5 ergab ein Endspiel, in dem die Kompensation weniger klar ist. In der Folge neutralisierte Aronian nach und nach die gegnerischen Aktivität und hatte nach rund 20 Zügen einen glatten Mehrbauern. 24. Tb1 Tad8 25. Sc2 Sd3 26. Tff1 Td7 27. Tfd1 Sf4 28. Kf2 Tc8 29. Se3 h5 30. Tb6 Se6 31. Lxg7 Txd1 32. Sxd1 Kxg7 33. Ke3 Sc5 34. Td6 a5 Der Punkt e4 ist auch nach 34. …Te8 35. Sf2 f5 36. Td4! ausreichend geschützt. 35. c4 a4 36. Kd4 Se6+ 37. Kc3 Tb8 38. Td5 Sf4 39. Td2 Se6 40. Tb2 Td8 41. Sf2 a3 42. Td2 Tb8 43. Sd3 Tb1 44. c5 Kf6 45. c6 Ke7 46. Sb4 Ungefähr zu diesem Zeitpunkt zweifelte kaum ein Beobachter daran, dass Aronian in Führung gehen würde, doch es kam anders. 46. …Tc1+ 47. Kb3 Sc5+ 48. Kxa3 Sxe4 49. Td4 Sd6 50. Ka4 Ke6 51. Ka5 Tc5+ 52. Ka6 Nach Kb6 wäre …Tb5+ möglich. Aronian will seinen a-Bauern nach a4 vorschieben, was …Tb5+ unterbindet, und dann Kb6 spielen. Der weiße Sieg erscheint immer wahrscheinlicher. 52. …g5 53. a4 Ke5 54. Td2 Tc4 55. Ka5 Einfacher sieht 55. Sd3+ Ke6 56. Kb6 aus. 55. …f5 56. Tc2 Kd4 57. Td2+ Nach dem Turmtausch 57. Txc4+? Kxc4 58. c7 Kc5 stünde der weiße Königs alles andere als gut. 57. …Ke5 58. Sd3+ Kf6 59. Kb6 Sc8+ 60. Kb7 Sd6+ 61. Kc7 Se4 62. Ta2 Sc3 63. Tb2! Sxa4 63. …Txa4 verliert nach 64. Kb7 Sd5 65. Sb4! Sxb4 66. c7. 64. Tb4 Txb4 65. Sxb4 Sc5

Stellung nach 54...Sc5

Ein Mehrbauer auf der sechsten Reihe und der eigene König ist auch noch in der Nähe - wie kann die Partie anders enden als mit einem Sieg von Weiß? Eine Sache darf die stärkere Seite jedoch nicht machen, den lahmen gegnerischen Springer gegen den Riesen auf c6 eintauschen. Danach würde Schwarz mit seinem König via e5-e4-e3-f2 den gegnerischen Bauern auf den Pelz rücken.

Der Gewinnweg ist in seinen Grundzügen bekannt: man muss den gegnerischen Springer jagen und dann einen Springerabtausch anbieten. Hier hätte es so funktioniert:

66. Kd6 Se4+ 67. Kd5 Sc3+ 68. Kd4 Sb5+ 69. Kc5 Sa7 (Schnell endet 69. …Sc7 70. Sd5+ nebst Springerabtausch und der Bauernumwandlung auf c8.) 70. c7 Sc8 71. Kc6 Ke6 72. Kb7 Sd6+ 73. Kb8 f4 74. Sc6 g4 75. Sd8+ Kd7 76. Sb7! Sc8 77. Sc5+ mit Gewinn.

Der nächste Zug 66. Kb6?! verdirbt den Gewinn zwar noch nicht, zeigt aber, dass Aronians Nerven zu "flattern" beginnen. 66. …Se6 67. Sd3 h4?! Besser 67. …Ke7! 68. h3? Großmeister Sergej Zagrebelny, der diese Partie im russischsprachigen Internetforum chesspro.ru online kommentierte, gibt den folgenden Gewinnweg an: 68. c7 Sxc7 69. Kxc7 f4 (69. …Ke6 70. Kc6!) 70. Kd6 Kf5 71. Kd5 usw. 68. …Ke7

Stellung nach 22.Sd4

Hier warf Aronian den Gewinn endgültig weg, der noch mit 69. Se5! zu erzielen gewesen wäre, zum Beispiel 69. …Kd8 (69.…Kd6 70. Sf7+ Ke7 71. Sxg5!) 70. Sf7+ Kc8 71. Sd6+ Kb8 72. Sxf5. Jetzt hat Schwarz am Königsflügel keine Bauernmajorität mehr, so dass Weiß in Ruhe die entscheidende Springerüberführung nach b5 vorbereiten kann, dann entscheidet c7+ und Sa7. 69. Sc5?? Aronian hatte sich beim Übergang ins Bauernendpiel offensichtlich verzählt. Das tut weh, kostet einen halben Punkt, nagt am Selbstvertrauen und war vermutlich für den Misserfolg des Armeniers mit ursächlich. 69. …Sxc5 70. Kxc5 Kd8! 71. Kd6 71. Kb6 Kc8= 71. …g4 72. Ke5 Kc7 73. Kxf5 gxh3 74. gxh3 Kxc6 75. Kg5 Kd7 76. Kxh4 Ke7 77. Kg5 Kf8 – remis

 


Auszug aus
Auftakt der Kandidatenkämpfe: Favorit Aronian und Exweltmeister Topalov bereits in der ersten Runde ausgeschieden!
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Juni 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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