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Ausgabe 5 mit diesen zentralen Themen ::

Zwei im Fokus, drei mit Medaillen




EM-Sieger Potkin
Foto: Michail Kobalija

Die Europameisterschaft 2011 in Aix les Bains ist beendet, die Medaillen holten sich der Russe Wladimir Potkin (Foto), der Pole Radoslaw Wojtaszek und die Ungarin Judit Polgar.


Ein Riesenpulk von Schachspielern - genau 393 an der Zahl - aus 42 Ländern versammelten sich in der Zeit vom 24. März bis zum 2. April in der südfranzösischen Stadt Aix les Bains zur 12. Austragung der europäischen Einzelmeisterschaft. Wie bei jedem Turnier gab es auch bei diesem Teilnehmer, die einfach genossen, dabei zu sein, andere zogen mit langen Gesichtern von dannen und andere wiederum hatten einen Grund zu feiern, so die 23 Spieler, die sich für den finanziell einträglichen kommenden Weltcup (August/September 2011 in Chanty-Mansijsk) qualifizierten, und insbesondere die drei auf den Medaillenrängen: Wladimir Potkin, Radoslaw Wojtaszek und Judit Polgar.

Hut ab vor dem Silbermedaillengewinner aus Polen, dennoch konzentrierten sich die Medien vor allem auf die beiden anderen auf dem Siegertreppchen. Es ist nun einmal so, dass in der nunmehr zwölfjährigen Geschichte dieser offenen Europameisterschaft Frauen zwar wiederholt mitspielten, es bislang jedoch keiner von ihnen gelang, eine Medaille zu gewinnen. Und wenn es eine schafft, wer sonst als die weltbeste Spielerin Judit Polgar? Sie hatte es früher schon einmal versucht, teilte 2001 in Ohrid den dritten und vierten Platz mit Asmaiparaschwili und zog im Stichkampf den Kürzeren. Doch jetzt, nach dem Ende einer langen, nur von kurzen Episoden unterbochenen Wettkampfpause (als junge Mutter hatte sie in den Jahren 2006 bis 2010 ihre Turnierteilnahmen sehr stark eingeschränkt), kam die Ungarin rechtzeitig in Form und konnte Bronze gewinnen. In der letzten Runde hatte sie sogar die Chance auf den Gesamtsieg, vorausgesetzt, sie hätte den Tabellenführer Potkin besiegt. Doch sie hatte Schwarz und traf auf einen offensichtlich in Hochform spielenden Gegner, und so fiel ihre Wahl auf den bronzenen Spatz in der Hand. Der Handschlag nach nur 12 gespielten Zügen besiegelte die "historische" Medaille für Polgar und den Europameistertitel für den zweiten Helden der Meisterschaft, den 28-jährigen Russen Wladimir Potkin.

Der Moskauer mit den auffällig roten Haaren ist im Bewusstsein der Schachöffentlichkeit eher als Sekundant des Weltranglistendritten Aronian verankert, ansonsten verbuchten ihn selbst Insider unter "starker Spieler, aber eher unterhalb der Spitze angesiedelt". In der Startrangliste firmierte er auf dem 43. Platz, weswegen zunächst keiner mit ihm gerechnet hatte. Doch am Ende stand er ganz oben. Unsere Moskauer Mitarbeiterin befragte den neuen Europameister zu dem Verlauf der Meisterschaft, und der zeigte sich erfreulich auskunftsfreudig.

Damengambit D 11
B. Jobava (GEO, 2710)
W. Potkin (RUS, 2656)

1. c4 c6 2. d4 d5 3. Sf3 Sf6 4. Db3 e6 5. Lg5 h6 6. Lh4 dxc4 7. Dxc4 b5 8. Dc2 Lb7 9. Sc3 Sbd7 10. e4 Db6 11. Le2 Sh5 12. d5 Sf4 13. dxe6 Sxe6 Weiß hätte hier einfach kurz rochieren sollen, seinem König hätte dann gar nichts gedroht und seine Stellung wäre sehr gut gewesen, wie Potkin betonte. "Ich legte die Eröffnung zu riskant an, so dass meine Stellung selbstverschuldet in Flammen stand. Wenn er vernünftig fortgesetzt hätte, wäre seine Stellung hervorragend gewesen. Aber er wurde zu ambitioniert." 14. 0-0-0?! dorthin, wo die schwarzen Figuren schnell vorrücken können. 14. …Lb4 15. Kb1 Sdc5 16. Td6 0-0 Er hatte sich offensichtlich auf den Partiezug 17. Sd5?! verlassen.

Stellung nach 16...0-0

17. …cxd5! "Ich hatte dies wohlerwogen, denn nach dem Damenopfer erhält Schwarz eine sehr starke Initiative. Mein Gegner unterschätzte dies offensichtlich" (Potkin). In der Tat ist das Damenopfer noch viel stärker, als es beim ersten Blick scheint. Nach 18. Txb6 axb6 hängt die Drohung …Lb7-e4 wie ein Damoklesschwert über dem weißen Haupt. Zwar erreicht der Läufer b7 das Feld e4 noch nicht, das kann sich aber nach …d5-d4 schnell ändern. Des Weiteren droht auch …dxe4, gefolgt von …e4-e3 und …Le4. Und schließlich spielt auf die offene a-Linie eine Rolle, was die folgende Variante veranschaulicht: 19. e5 d4 20. Sd2 Lxd2 21. Dxd2 Le4+ 22. Kc1 Sb3+ nebst Damengewinn oder Matt per …Ta2. Jobava spielte 19. a3 und Potkin "powerte" mit 19. …dxe4! 20. axb4 Der schwarze Angriff läuft wie am Schnürchen, z. B. 20. Sd2 Sd4 21. Dd1 Lxa3 22. bxa3 Sa4 23. Df1 Sxe2 nebst …Sc3+. 20. …exf3 21. bxc5 fxe2 22. c6 Sd4

Stellung nach 22.Sd4

Der letzte interessante Moment in dieser Partie. Weiß hätte 23. cxb7 versuchen können, wonach er im Falle von 23. …Sxc2? 24. bxa8D sogar gewonnen hätte. Schwarz kann allerdings besser spielen: 23. …Ta1+ 24. Kxa1 Sxc2+ 25. Kb1 e1D+ 26. Txe1 Sxe1 27. Lg3 Sxg2 28. Kc2 g5 (es droht …Sf4) 29. Ld6 Te8 30. Kb3 Sf4 31. Kb4 (Oder 31. f3 Se2 32. Kb4 Sd4 mit schwarzer Gewinnstellung.) 31. …Sd3+ 32. Kxb5 Sxb2 33. Kxb6 Sd3 34. f3 f5 Weiß wird sich zwar irgendwann einmal auf b8 den Turm holen, Schwarz behält jedoch im Endspiel einen Bauern mehr und wird mit seinem König schnell am Königsflügel eingreifen können.
Jobava versuchte stattdessen 23. Dd3 Sxc6 24. f3 Auch nach 24. Dxe2 Ta4 25. Lg3 Tfa8 gewinnt Schwarz leicht. 24. …Ta4 25. Dd7 Txh4 26. Dxb7 Td4 Weiß erreicht nicht einmal ein schlechtes Turmendspiel, nach 27. Dxc6 Td1+ 28. Dc1 nimmt Schwarz nicht die Dame, sondern spielt 28. …Tfd8! – 0:1

 


Auszug aus
Zwei im Fokus, drei mit Medaillen |Europameisterschaft 2011: Titel für Wladimir Potkin, Judit Polgar erste Frau mit einer EM-Medaille
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Mai 2011

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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