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Ausgabe 4 mit diesen zentralen Themen ::

Aeroflot Open - altes Format, ungewisse Zukunft




Spielsaal
Foto: Anna Burtasowa

Großmeister soweit das Auge reicht! Das Aeroflot-Open ist immer noch eine feine Adresse im Spitzenschach.


Das weltbekannte Aeroflot-Open feierte dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum und es gehört in die Liga der Premium-Turniere. Knapp drei Hundertschaften kamen diesmal und es bleibt offen, ob sich diese Zahl für die sponsernde Fluggesellschaft rechnet oder nicht. Blickt man auf die Teilnehmerzahlen der Dekade, so könnte man von Sinkflug schreiben. Oder ist das ein Geradeausflug mit einer Teilnehmerhöhe, die die Weltwirtschaftslage momentan hergibt? Eine erste Verschlankung fand dieses Jahr bereits statt. Das A2-Open für den Elo-Korridor von 2400 bis 2550 wurde abgeschafft. Für das A-Turnier galt weiterhin die 2550-Elo-Marke, die jedoch - wie Niclas Huschenbeth im Interview anmerkt - auch "flexibel" gehandhabt wurde. Das B-Turnier stand allen mit Elo zwischen 2300 und 2549 offen und mit Elo unter 2300 gab es das C-Turnier, welches immer am Vormittag stattfand (aufgemerkt: nach dem Frühstück eigenes Schach und nachmittags Tourismus oder kiebitzen möglich!). Die 298 Teilnehmer verteilten sich fast gleichmäßig: A-Turnier 86 Teilnehmer, B-Turnier 106 Teilnehmer und C-Turnier 106 Teilnehmer.

[…]

Diese Spielqualität traf auf die gewohnten Spielbedingungen: Der Ismailowo-Hotel-Komplex stammt aus der Zeit der Olympischen Spiele 1980. Die Spielstätte ist schlicht, aber hell und mit ausreichend Frischluft. Die Schiedsrichter, unter der Leitung des Niederländers Geurt Gijssen und des Polen Andrzej Filipowicz, sind durch ihre grünen Jacken leicht erkennbar. Es wird geordnet gekämpft und die Führenden lavieren auf engem Terrain zwischen Spitzenplatz und Abgleiten aus den Topten. Der Vorjahressieger Le Quang Liem lag auf Platz 19 der Rangliste, und kaum einer traute ihm ein ähnliches Husarenstück wie im letzten Jahr zu, wenngleich seine Partien in der Regel für hohes Schachverständnis bürgen.

[…]

Wenn Sie ein schönes Beispiel für ein "Spiel auf den schwarzen Feldern" suchen, dann finden Sie hier ein geradezu famoses!

Sizilianisch B 38
L. Lenic (SLO, 2613)
Le Quang Liem (VIE, 2664)
1. Sf3 g6 2. c4 Lg7 3. e4 c5 4. d4 cxd4 5. Sxd4 Sc6 6. Le3 Sf6 7. Sc3 0-0 8. Le2 d6 9. 0-0
Weiß wählte den sogenannten Maróczy-Aufbau, der durch die Bauern auf c4 und e4 charakterisiert ist. Dieses Bollwerk erschwert zwar das Gegenspiel im Zentrum mit …e6 und …d5, dafür sind die schwarzen Felder c5, e5 und evtl. später auch d4 für die schwarzen Figuren gut zugänglich, darauf baut Schwarz auch in der vorliegenden Partie, die zunächst bekannten Vorbildern folgt. 9. …Ld7 10. Tc1 Sxd4 11. Lxd4 Lc6 12. f3 Sd7 13. Le3 In der Praxis kam auch schon 13. Lxg7 Kxg7 14. Dd4+ Kg8 15. Kh1 Db6 16. Dxb6 vor, und hier ist 16. …axb6!? eine beachtliche Idee. Der Doppelbauer ist nicht schwach, da b7 und b6 gut gedeckt sind, und die offene a-Linie kommt dem Schwarzen zupass. 13. …a5 14. b3 Sc5 15. Dd2 Db6

Stellung nach 15...Db6

Schwarz segelt weiter auf den schwarzen Feldern, auch im Falle von 16. Sd5 Lxd5 17. cxd5 Tfc8 18. Tc4 Dd8 19. Tfc1 b5 20. T4c2 b4 21. Lb5 Lc3!? 22. De2 e5 mit vollwertigem Spiel für Schwarz. In der Diagrammstellung ist die Möglichkeit …a5-a4 für Weiß unangenehm, deswegen spielte Karpow vor vielen Jahren einmal und der Slowene folgte diesem Beispiel. 16. Sb5 In der Tat ist …a5-a4 jetzt nicht mehr spielbar, es käme b3-b4 mit Springergewinn, aber Schwarz kann woanders aktiv werden. Das dauert allerdings noch etwas. 16. …Tfc8 17. Kh1 Dd8 18. Sd4 Ld7 19. Tfd1 h5 20. Lf1 Kh7 Weiß hat ein Problem, er kann weder am Damenflügel vorgehen (a2-a3 geht wegen …Lxd4 und …Sxb3 nicht gut), und auch im Zentrum und am Königsflügel ist im Moment nicht viel zu holen. Auch Schwarz muss sich zunächst in Geduld üben. "Ein Taktiker weiß, was es zu tun gibt, wenn es etwas zu tun gibt. Ein Stratege weiß, was es zu tun gibt, wenn es nichts zu tun gibt." Dieses alte Bonmot umschreibt auf nette Weise eine gediegene Taktik des Abwartens. Manövrieren, nichts schwächen und immer im Voraus schauen, wo könnte es etwas geben?
Le legte sich einen Plan zurecht, der im Wesentlichen in der Partie verwirklicht wird. 21. Se2 Lc6 22. Sf4 Lh6 23. Df2 Dh8 24. Tc2 Df6 25. Sd5?! Weiß verliert als erster die Geduld. Abwarten (Dd2) und Tee trinken war angesagt. 25. …Lxd5 26. Txd5 Lxe3 27. Dxe3

Stellung nach 27.Dxe3

Was hat Weiß eigentlich vor? Offenbar dachte Lenic an etwas wie g3, Lh3 und e4-e5. Ob das jetzt so großartig gewesen wäre, sei dahingestellt, in der Partie kommt er nicht dazu. 27. …Da1! Natürlich ist dies auch eine Drohung (…Dxf1+), aber das war nicht der alleinige Zweck, vielmehr wollte Schwarz das Feld f6 für den Springer frei räumen. 28. Kg1 Sd7! Ein Bauernverlust? Nein, ein tief durchdachtes Bauernopfer! 29. Dg5 Die Bauern e7 und a5 sind angegriffen, aber das hatte Le mit ins Kalkül gezogen. 29. …Sf6 30. Txa5 Dd4+ 31. Tf2 Tc5 32. Dxc5 Das ist erzwungen. 32. Txc5? hätte nach 32. …Txa2 33. Dg3 dxc5 verloren, denn Weiß kann sich nicht befreien, z. B. 34. h4 e5. 32. …dxc5 33. Txa8 Zwei Türme plus Bauer sind mehr als genug für die Dame, aber die positionellen Faktoren sprechen für Schwarz. Die Fesselung des Turms f2 ist sehr unangenehm. 33. …h4

Stellung nach 33...h4

Hier gab es die letzte Chance, den eingeschnürten Königsflügel zu befreien mit 34. g3 hxg3 35. hxg3 Sh5 36. g4 (Nach 36. Kg2 De5 holt sich Schwarz auf g3 oder e4 einen Bauern, verbunden mit einem Schachgebot.) 36. …Sf4, dennoch ist es nicht sicher, ob die weiße Festung hält. Ein (nahe liegendes) Beispiel dafür, wie sie eben nicht hält: 37. Ta7 Da1 droht …Sh3+) 38. Kh2 Df6 39. Kg1 Db6 40. Ta8 Dd6 41. Ta7 b6 42. Tb7 Kh6! (Der Beginn des Einmarschs auf den schwarzen Feldern, das Ziel ist g3.) 43. Ta7 Kg5 (droht …Dd4 nebst …Kh4-g3) 44. Th2 Dd4+ 45. Kh1 Dd1 46. Kg1 Dxf3 47. Txe7 Dg3+ 48. Kh1 De1 49. Kg1 f6, gefolgt von …Kxg4. In der Partie versuchte es Weiß mit 34. b4?! cxb4 35. Ta5 Sh5 36. Td5 De3 37. Td3 Da7 38. Td5 Sg3! Mit der Idee 39. hxg3 hxg3 40. Tdd2 e5! (gegen gelegentliches f3-f4 gerichtet) 41. Tc2 (will c4-c5 spielen) 41. …Dc5 42. Tcd2 Kh6, und allmählich wird klar, was Schwarz will: sein König soll nach f4 kommen, dann entscheidet …gxf2+ nebst …Kf2. 43. f4 hilft nicht, dann folgt 43. …exf4 44. Ld3 gxf2+ 45. Txf2 Dd4 46. Lf1 Kh5, und schon wieder ist der Monarch nach g3 unterwegs. 39. c5 e6 40. Td7 Dxc5 41. Txf7+ Kh6 42. Txb7

Stellung nach 33...h4

42. …Sh1! Das ist nicht mehr schwer, aber trotzdem schön. 0:1

 


Auszug aus
Aeroflot Open - altes Format, ungewisse Zukunft
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, April 2011

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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