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Ausgabe 1 mit diesen zentralen Themen ::

„Posträuber“ holt die letzte DDR-Medaille“


Fritz Baumbach
Foto: Archiv Baumbach

Heute gehört der Computer wie selbstverständlich dazu. Briefmarkensammler, von denen es viele unter den Fernschachspielern gab und gibt können an Postkarten- Turnieren teilnehmen. Die Fernschachkarte, die Dr. Baumbach hier präsentiert – mit einem Zug und Neujahrsgrüßen – kam aus der Slowakei.


Dr. Fritz Baumbach ist die Fernschach-Legende: Seine Meriten in der Denk-Disziplin, bei der die Züge früher per Post und heute meist per E-Mail versandt werden, sind Legion. Der promovierte Chemiker wurde 1988 Weltmeister, fünf Jahre zuvor Vizeweltmeister und stand zweimal mit der deutschen Mannschaft als Olympiade-Sieger auf dem obersten Treppchen. Mit einer Bronzemedaille sorgte der Patentanwalt aber am meisten für Aufsehen: Sie schrieb Geschichte und war nach der Wende 1995 (!) die letzte, die die DDR gewann. Auch im Nahschach trumpfte Baumbach als DDR-Einzelmeister 1970 und als Nationalspieler auf. Bei der Schacholympiade im selben Jahr in Siegen remisierte der gebürtige Weimarer gegen den früheren Weltmeister Wassili Smyslow. Seit 1993 ist der Berliner Präsident des Deutschen Fernschachbundes (BdF) - wegen gestiegener Arbeitsbelastung gibt er dieses Amt jedoch am Jahresende vorzeitig ab. Ein Anlass für Hartmut Metz, um mit dem 75-Jährigen, dessen Stimme noch immer so frisch wie vor Jahrzehnten klingt, zu sprechen.

SM64:: Herr Baumbach, wird es noch jemals wieder einen solchen Medien-Rummel um Fernschach geben wie bei der letzten Medaille der DDR - wegen der langen Postlaufzeiten fünf Jahre nach dem Ende des Arbeiter- und Bauernstaates?

Baumbach: Das ist sicher nicht mehr zu übertreffen. Ich werde noch heute darauf angesprochen. Im Zusammenhang mit meinem 75. Geburtstag im September gaben sich die Medien wieder mit Blick darauf bei mir die Klinke in die Hand. Die DDR war schon viereinhalb Jahre matt, als wir im März 1995 die Bronzemedaille überreicht bekamen. Die Olympiade begann 1987. Wir beendeten unsere letzten Partien 1991. Doch die Postlaufzeiten in die Sowjetunion wurden nach der Wende noch schlimmer, weshalb sich das Turnier hinauszögerte. Nach acht Jahren gewannen die Sowjets knapp vor England und uns. Platz vier sicherte sich die CSSR - drei von vier Staaten gab es zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr (lacht)! Staaten kommen und gehen, Schach bleibt, pflege ich dazu immer zu sagen. Die letzte DDR-Medaille lieh ich dann vor der Schach-Olympiade in Dresden 2008 gerne dem Postmuseum in der Elbestadt aus, die sie eine Zeit lang ausstellte.

SM64: Ums Fernschach ranken sich ja viele weitere heitere Episoden. Um 1988 zum WM-Titel zu gelangen, wären Sie fast zum Post-räuber geworden, schreiben Sie in Ihrem Fernschach-Klassiker "52-54-Stop".

Baumbach: Ich warf meinen Zug gegen Gennadi Nesis am Abend in den Briefkasten ein. In der Nacht schreckte ich plötzlich auf und fragte mich verzweifelt, ob ich nach einem Springeropfer von ihm mit nachfolgendem Angriff auf meine zwei Läufer nicht sofort verliere. Ich sprang aus dem Bett und analysierte bis morgens um 6 Uhr am Brett die Folgen - kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Ich musste also die Postkarte zurückhaben! Die Briefkasten-Leerung erfolgte vor meiner Wohnung stets um 8 Uhr. Also postierte ich mich eine halbe Stunde vorher vor diesem und wartete auf den Postbeamten - mit einem Geldschein in der Tasche für alle Fälle!

SM64: Wenn selbst die Bestechung nicht geholfen hätte, wären Sie zum Posträuber geworden?

Baumbach: Auf jeden Fall! Der Mann zeigte sich zunächst widerspenstig und verwies mich darauf, dass ich mein Anliegen bei der Hauptpost vorbringen müsse. Aber dort hätte ich sie niemals mehr bekommen. Ich war zu allem bereit, auch zum kurzzeitigen Raub (lacht)! Den Rest der Weihnachtspost in dem Sack hätte ich natürlich wieder zurückgegeben, der interessierte mich ja nicht … Letztlich erbarmte sich der Postbeamte aber ohne Bestechung doch, und ich wühlte in dem kurz vor Weihnachten überfüllten hohen Postkasten nach meiner Karte, bis ich sie aus dem riesigen Stapel fischte. Die ganzen Weihnachtstage über analysierte ich die Stellung und kam zur Erkenntnis, dass mein Bauernvorstoß spielbar war. Daher sandte ich die Karte aufs Neue ab, nur meine verbrauchte Bedenkzeit änderte ich.

[…]

SM64: Welche Programme benutzen Sie? Und wie lange werden die eingesetzt?

Baumbach: Früher analysierte ich mit Fritz und Hiarcs. Für die 16.Mannschafts-Olympiade, auf die ich mich konzentriere, um mit dem deutschen Team zum dritten Mal Weltmeister zu werden, kaufte ich mir ein neues Laptop und einen schnelleren neuen PC. Darauf laufen nun Rybka und Stockfish. Meistens lasse ich diese zwei bis drei Stunden rechnen. Das reicht, so stark, wie die sind. Danach weiß man das Wichtigste. Dann gebe ich vielleicht ein, zwei weitere Züge ein, um sie erneut eine Variante untersuchen zu lassen. Mehr als einen Tag braucht man heutzutage nicht mehr für einen Erkenntnisgewinn.

SM64: Die Mitgliederzahlen gingen wegen der Computer seit den 90ern dramatisch zurück.

Baumbach: Nicht nur wegen dieser. Ich sehe auch gesellschaftliche Gründe. Die Kinder haben heutzutage kaum Zeit und Lust, eine normale Turnierpartie über vier Stunden zu spielen. Alles muss schnell, schnell gehen. Ich beobachte das an meinen Enkeln: Die Jugend von heute hat auch viel mehr Möglichkeiten als wir früher! Was konnte man in der DDR schon machen? Wir waren alle gleich arm, und Freizeitaktivitäten gab es kaum. Notiz von uns nahm ebenfalls keiner in der DDR. Als ich 1983 ungeschlagen Vizeweltmeister hinter dem Esten Tonu Oim wurde, bekam ich nicht einmal eine Zeile von einem Sportverband - die DDR hatte schließlich genug Weltmeister in allen olympischen Sportarten. Erst als ich 1988 den Titel eroberte, kürte man mich zum "Verdienten Meister des Sports". Jedenfalls scheint es heute undenkbar, dass sich ein Jugendlicher über Jahre bindet - ich mühte mich bei meiner längsten Partie gegen den Argentinier Pablo Buj noch fünf Jahre und elf Tage ab, bevor nach den letzten Zügen per Telegramm das Remis und mein WM-Gewinn feststanden.

SM64: Mittlerweile spielt man per E-Mail statt per Post. Das ist zwar schneller und billiger - Briefmarkensammler fielen aber ebenso als Klientel weg.

Baumbach: Das trifft sicher zu - allerdings fanden auch ein paar Spieler durch die E-Mail- und Server-Übertragungen zum Fernschach, weil es ihnen vorher zu lange ging oder zu teuer war. Briefmarkensammler können zudem an Postkarten-Turnieren teilnehmen, die es weiterhin gibt. Die 16. Mannschafts-Olympiade wird auch auf dem Postweg ausgefochten. Im Übrigen gibt es sogar "Non-Computer-Turniere". Da verpflichten sich wohl die Spieler ehrenhaft, keine Programme einzusetzen (lacht).

[…]

 
Auszug aus
"„Posträuber“ holt die letzte DDR-Medaille |Legende Fritz Baumbach tritt zum Jahresende als Präsident des Deutschen Fernschachbundes ab"
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SCHACH MAGAZIN 64, Januar 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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