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Ausgabe 12 mit diesen zentralen Themen ::

Ein Comeback wie ein Donnerhall




Anand, Carlsen
Foto: Cathy Rogers

Irgend wann einmal werden diese beiden Stars um die Schachkrone spielen: Weltmeister Viswanathan Anand (l.) und Weltranglistenerster Magnus Carlsen


Will man nach China reisen, sollte man sich beizeiten das Visum besorgen. Magnus Carlsen hatte sich rechtzeitig darum gekümmert, und das war auch gut so. Einen Tag nachdem er den Stempel im Pass hatte, wurde dem chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo der Friedensnobelpreis verliehen und die Beziehungen zwischen China und Norwegen fielen auf den Tiefpunkt. Dies musste auch der norwegische Popsänger Alexander Rybak (Sieger des Eurovision Song Contest 2009) erfahren, dessen Konzerte in China kurzerhand abgesagt wurden.

kreuztabell

Vor diesem Hintergrund entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet in der Phase der norwegisch-chinesischen Verstimmung ein Wikinger-Nachfahre im Reich der Mitte so auftrumpft, wie es Carlsen getan hat. Nach überstandener Schwächeperiode bei der Olympiade und in Bilbao (vgl. letzte Ausgabe) meldete sich der einstige "Wonderboy" - inzwischen ein junger Mann mit Modelabel-Vertrag - mit einem Comeback wie ein Donnerhall zurück. Bei seinem Start-Ziel-Sieg sah er die fünf Weltklassegegner sozusagen stets nur im Rückspiegel. Selbst der amtierende Weltmeister Anand, der in Nanjing durchaus in guter Form war, konnte nicht mithalten, ebenso wie der Exweltmeister Topalov, der obendrein 2:0 abgefertigt wurde. Carlsen ist als die Nummer eins der Welt wieder in der Spur.

Die Ergebnisse sprechen für sich, und Carlsens Sieg war auch in der Höhe verdient. Dennoch hatte er in zwei Partien gewisse Schwierigkeiten, andererseits verpasste er in zwei Partien Gewinnchancen. Dies bestätigt die Einschätzung des Weltklassespielers Michael Adams, der sich in einem Interview mit British Chess Magazine wortreich zu Carlsen äußerte, mit der Quintessenz: An Carlsens Spiel ist noch einiges zu verbessern, und er weiß das auch. Das zeigt aber auch, was für ein gewaltiges Potential er hat, wo er mit diesen Schwächen jetzt schon so erfolgreich spielt.

"Ich habe in den letzten Monaten so viel gespielt und bin sehr müde", meinte Carlsen, der täglich eine Stunde oder mehr, meist gegen seinen Vater oder einen norwegischen Freund Tischtennis spielte und damit seinen Kopf freizumachen versuchte. Trotz der Müdigkeit konnte er genug Kräfte für seinen überlegenen Sieg mobilisieren und am Ende, als er den 80 000-Euro Siegerscheck entgegennahm, wirkte er wieder ganz erholt.

[…]

Die Partieauslese beginnt natürlich mit den Glanzleistungen des Himmelsstürmers Carlsen. In der ersten davon gab es ein Déjà-vu. 2009 gewann Carlsen ebenfalls in Nanjing ein Spitzenturnier und er begann mit einem feinen Sieg gegen Leko mit der Schottischen Partie. Und was geschah anno 2010?

Schottisch C 45
M. Carlsen – E. Bacrot
Pearl Spring (1), Nanjing 2010

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Sxd4 Lc5 5. Sb3 Lb6 6. Sc3 Sf6 7. De2!? Seit 144 Jahren, seit Schottisch gespielt wird, wurde hier fast immer entweder mit 7. a4 oder mit 7. Lg5 fortgesetzt. Carlsen wählt einen Plan, der ihm schnell die lange Rochade ermöglicht. 7. …0–0 8. Lg5 h6 9. Lh4 a5 10. a4 Sd4 11. Dd3 Sxb3 12. cxb3 Te8 13. 0–0–0 d6 14. Dc2

Stellung nach 35.Kf3

14…Ld7? „Das ist klar ein Fehler“, meinte Carlsen. 14. …c6 ist spielbar, da auf 15. Lg3 ruhig …d5 folgen kann, und auch die Stellung nach 15. Lc4 De7 16. The1 Le6 ist für Schwarz unbedenklich, z. B. 17. Sd5 Lxd5 18. exd5 Dxe1 19. Txe1 Txe1+ 20. Kd2 Te4 21. Lxf6 Tf4! 22. f3 Txf6 mit verteilten Chancen. 15. Lc4 Für den Springerausfall 15. Sd5 ist es hier zu früh: 15. …g5, und Weiß muss auf f6 abtauschen, da 16. Sxb6? cxb6 17. Lg3 Tc8 18. Lc4 b5 19. axb5 a4 20. Kb1 Sxe4 nebst …Lf5 zu einem großen norwegischen Schlamassel geführt hätte. Nach dem Partiezug, der nicht nur eine Figur entwickelt, sondern auch die c-Linie schließt, droht Sd5 wirklich, eventuell vorbereitet mit The1 und f4. 15. …Le6 16. The1! De7 Nach 16. …g5 17. Lg3 Dc8 18. h4 hätte sich Schwarz bald um seinen König sorgen müssen. 17. e5! dxe5 18. Txe5 droht Sd5 18. …Df8 19. Lxf6 gxf6 20. Te2 Dg7 21. Lxe6! Txe6 22. Txe6 fxe6 23. Td3! Kh8 24. Tg3 Dh7 25. Dd2 Lc5 26. Se4! Le7 26. …Dxe4? scheitert an 27. Dxh6+ Dh7 28. Dxf6+. 27. Th3 Kg7 Das verliert forciert, aber auch die Stellung nach 27. …Kg8 28. Df4! f5 29. Txh6 Dg7 30. Th3! hätte nur einer von ihnen gern spielen wollen. 28. Dd7 Kf7

Stellung nach 35.Kf3

29. Sg5+! Eine schöne Kombination, gespielt für die Zuschauerränge. Zugegeben, das weniger spektakuläre 29. Sxf6 hätte auch gewonnen. 29. …fxg5 30. Tf3+ Kg8 30. …Kg6? ist noch schlechter wegen 31. Dxe6+ Kh5 32. Th3 matt. 31. Dxe6+ Kh8 32. Tf7 Ld6 33. Txh7+ Kxh7 34. Df7+ Kh8 35. g3 Ta6 Nach 35. …Tf8 36. Dg6 Txf2 37. Dxh6+ Kg8 38. Dxg5+ erledigt das weiße Freibauernpaar den Rest. 36. Kb1 Lb4 37. f4 gxf4 38. gxf4 Weiß lässt einfach seinen Bauern nach f6 laufen, wonach Dg7 matt droht. 1:0

In der dritten Runde trafen die WM-Gegner Anand und Topalov aufeinander, und der Weltmeister kreierte eine der besten Partien des ganzen Turniers.

 


Auszug aus
Ein Comeback wie ein Donnerhall | Magnus Carlsen ist wieder die Nummer eins
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Dezember 2010

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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