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Ausgabe 11 mit diesen zentralen Themen ::

Sprintstark auf den letzten Metern:Wladimir Kramnik holt die Trophäe




Kramnik, Iljumschinow, Anand
Foto: Peter Doggers (www.chessvibes.com/)



Beide Partien zwischen Kramnik (l.) und Anand endeten unentschieden. In der Mitte der wiedergewählte Präsident des Weltschachbunds, Kirshan Iljumschinow.


Es hat nicht viel gefehlt und der Sieger des Grand Slam 2010 hätte gar nicht im Finale mitgespielt. Sie erinnern sich an den Bericht über das letzte Turnier dieser Serie in Shanghai? Buchstäblich in den letzten Sekunden der Stichkampf-Blitzpartie konnte Kramnik den Spieß noch umdrehen, die Partie gewinnen und die Fahrkarte zum Finale nach Bilbao lösen.

Tabelle

Dort aber agierte der baumlange Exweltmeister souverän. Mit einem Sieg in der Auftaktrunde gegen den angeschlagenen Weltranglistenersten Magnus Carlsen übernahm Kramnik bereits die Führung (das Duell der anderen Finalisten, Anand und Shirov, endete remis) und konnte mit einem weiteren vollen Punkt gegen Alexej Shirov die Konkurrenten auf Distanz halten und den diesjährigen Grand Slam gewinnen. Der amtierende Weltmeister Viswanathan Anand kam auf Platz zwei, der in den Niederungen eines Formtiefs watende Magnus Carlsen wurde Dritter und für den strahlenden Sieger von Shanghai, Alexej Shirov gab es die Rote Laterne - das Leben eines Profis gleicht einer Achterbahnfahrt.

Magnus Carlsen lernte die Achterbahn zum ersten Mal kennen. Bis vor kurzem ähnelte seine Karriere eher der Flugbahn einer Rakete. Jahr für Jahr, manchmal sogar Monat um Monat reihte der Norweger einen Erfolg an den anderen, seine Elo-Zahl kletterte unaufhörlich, zu Jahresbeginn wurde er zum jüngsten Weltranglistenersten aller Zeiten. Sein Leben, auch das außerschachliche, begann mehr und mehr zu pulsieren, seine Reisen, sein Engagement als Model, auch eine hübsche Norwegerin soll bei der Olympiade eine Rolle gespielt haben … Das junge Schachgenie verlor innerhalb von nur drei Wochen (bei der Olympiade und in Bilbao) insgesamt fünf Partien, mehr als in den vergangenen zwei Jahren. Auch junge Sportstars müssen von Zeit zu Zeit erfahren, dass sie nur Menschen sind und dass eine Rückkehr zur harten Arbeit unumgänglich ist. Mehr sollte man in das Abschneiden von Carlsen nicht hinein interpretieren.

Wegen der geringen Anzahl an Partien wirkte das Finalturnier im Vergleich zu normalen Turnieren wie ein Snack im Vergleich zu einem Dinner, meinte der Schachpublizist Michael Greengard treffend. Bei solchen "Kurzstrecken" spielt ein gelungener Anfang bzw. ein verpatzter Start eine besonders große Rolle. So war es auch in Bilbao. In dem bereits erwähnten Erstrundenduell legte Kramnik den Grundstein zu seinem Erfolg:

Damenindisch E 15
W. Kramnik -M. Carlsen
Grand Slam Masters (1), Bilbao

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 b6 4. g3 La6 5. Da4 Lb7 6. Lg2 c5 7. dxc5 bxc5 8. 0-0 Le7 9. Sc3 0-0 10. Td1 Db6 11. Lf4 Td8 Von dem Bauern b2 lässt Schwarz besser die Finger, nach …Dxb2 12. Tab1 Dxc3 13. Txb7 kann sich die schwarze Dame nicht retten, es droht sowohl Le5, als auch Ld2. 12. Tab1 h6 Im Vorjahr spielte Kramnik gegen Bacrot 13. a3 (Idee b2-b4) und nach 13. …a5 bot er mit 14. Db5 den Damenabtausch ab. Diesmal macht er das sofort:13. Db5 Lc6 14. Dxb6 axb6 15. b3 g5 16. Lxb8 Taxb8 17. Se5 Lxg2 18. Kxg2 Tbc8 19. e4 d6 20. Sd3 Kf8 21. h3 Sd7 22. f4 Sb8 23. Sa4 Sd7 24. Sf2 Ta8 25. Td2 Ta5 26. Sc3 Sb8 27. Tbd1 Sc6 28. Sb5 gxf4 29. gxf4 Der Bauer d6 hängt. Schwarz hätte ihn mit 29. …Sd4 retten können, z. B. 30. Sxd4 cxd4 31. Txd4 (31. a4 Lf6 32. Sg4 Lg7) 31. …Txa2 32. e5 Lh4 33. T4d2 Ta3 34. Td3 d5. Doch Carlsen gefiel das Endspiel nicht so recht, und er initiierte ein kleines taktisches Geplänkel, aus dem er jedoch mit einigen Blessuren herauskam.29. …d5? 30. exd5 exd5 31. cxd5 Txb5 32. dxc6 Tc8 33. Sg4 Txc6 34. Se5 Te6 35. Kf3

Stellung nach 35.Kf3

Es wird ungemütlich für den schwarzen König, mittelfristig droht Tg2, Tdg1 und Tg8 matt. Falls Schwarz jetzt 35. …f6 zieht, so gerät er nach 36. Sg6+ Kf7 37. f5! in eine Verluststellung, 37. …Tc6 scheitert ja an 38. Td7. Carlsen versuchte 35. …Ta5 36. Tg2 f6 denn jetzt käme auf 36. …f6 37. Sg6+ Kf7 38. f5 das rettende 38. …Td6. Doch der weiße Springer kann sich auch woanders gut postieren: 37. Sc4 Ta7 38. f5! Tc6 39. a4 Tb7 40. Tg6 h5 41. Tdg1 Ke8 42. Se5! Tc8 43. Tg8+ Lf8 44. Sg6 Tf7 45. Td1! – 1:0

So machtlos hatte man den Weltranglistenersten schon lange nicht mehr gesehen. Er kann sich nicht entfesseln, und seiner letzten noch ungebundenen Figur gehen bald die Züge aus, z. B. 45. …Ta8 46. Td6 Tb8 47. Ke4 h4 48. Kd5 Tc8 (48. …Tbb7 kostet nach 49. Te6+ den Läufer) 49. Ke6, und Weiß gewinnt in jeder Variante, am elegantesten nach 49. …Tb8 50. Td7!

In der zweiten Runde fiel eine weitere Vorentscheidung:

 


Auszug aus
Sprintstark auf den letzten Metern:Wladimir Kramnik holt die Trophäe | Grand Slam-Turnierserie 2010 entschieden
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, November 2010

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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