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Ausgabe 9 mit diesen zentralen Themen ::

Hut ab, Gata Kamsky!


Kosteniuk, Skripchenko
Foto: Otto Borik

Gespräche am Rande. Veranstaltungen wie die in Mainz sind immer auch eine Informationsbörse … So hatten sich die frühere Europameisterin Almira Skripchenko (r.) und Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk, seit Jahren eng befreundet, einiges zu erzählen....



"Hut ab, Gata Kamsky!" Der US-Meister Gata Kamsky gewann die Schnellschach-WM in Mainz mit fantastischen 10:1 Punkten und einem halben Zähler Vorsprung vor dem Aserbaidschaner Vugar Gashimov, Titelverteidiger Levon Aronian (Armenien) und Jewgeni Barejew (Russland) - allesamt Spieler, die mindestens schon einmal in ihrer Karriere in der Weltrangliste unter den Top 6 standen. Doch egal, wer ihm aus dem 701 Teilnehmer großen Feld gegenübersaß: Unter der umgekehrt aufgesetzten Schildmütze wurde stets der bessere Zug ausgebrütet.

Kamsky erwarb kurz vor seinem Abflug in New York eine Kappe. Keine Glückskappe, wie der 36-Jährige betonte, "ich liebe Mützen. Die kaufte ich aber nur, um hier amerikanisch zu wirken". Ursächlicher für seinen grandiosen Start mit neun Erfolgen hält der gebürtige Tatare seine erfrischenden Spaziergänge zwischen den Runden entlang des Rheins. "Die Luft tat gut", erklärte Kamsky, wie er zwischen den elf Runden abschaltete - den Genuss wusste der 36-Jährige vermutlich auch deswegen zu schätzen, weil er zuvor in Moskau seine Freundin besucht hatte und die russische Hauptstadt wegen der Waldbrände unter einer Aschewolke lag.

Den Siegeslauf im Open setzte der ehemalige Vizeweltmeister in der "entscheidenden Partie, die ich gegen Rustam Kasimdzhanov überlebte, glücklich fort, da hätte ich verlieren müssen". Dank zäher Verteidigung drehte der Amerikaner noch das Duell in der neunten Runde.

[…]

Seine Klasse konnte Kamsky in Durchgang acht unter Beweis stellen: "Die Partie gegen Karjakin war meine beste", geriet er regelrecht ins Schwärmen, als er von seinem Damenopfer für Turm und Figur berichtete (siehe Diagramm 1) - und besonders von dem Bauernopfer auf g2 (Dia 2). "Das erkennt der Computer zunächst auch nicht mit der Mattdrohung", schwelgte der 36-Jährige beim Herunterrasseln der Varianten.

Spanisch C 91
G. Kamsky (USA, 2713)
S. Karjakin (UKR, 2747)
1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 0-0 9. d4 Lg4 10. d5 Sa5 11. Lc2 Dc8 12. Sbd2 c6 13. b4 Sb7 14. dxc6 Dxc6 15. Lb2 Sd8 16. Sf1 Db7 17. Sg3 Te8 18. h3 Ld7 19. Lb3 Se6 20. Sf5 Lc6 21. Sxd6 Lxd6 22. Dxd6 Sxe4 23. Dxe5 S6c5


Stellung nach 23.S6c5!

Auf diesen Abzug hatte sich der Nachziehende verlassen, als er den Bauern e5 opferte. Rettet sich nun die weiße Dame, z. B. 23. …S6c5 24. Df5, so folgt 24. …Sd3 25. Te2 g6 26. Dg4 Sxb2 27. Txb2 Sxc3 mit Rückgewinn des Bauern und aktivem Figurenspiel für Schwarz. Aber das Damenopfer 24. bxc5! verschafft dem Weißen exzellente taktische Chancen. 24. …Txe5 25. Sxe5 Der Punkt f7 wird bedroht und kann nicht gut geschützt werden, z. B. 25. Sxe5 Tf8 26. Tad1 (droht Sxc6 nebst Ld5) 26. …Sf6 27. Sxf7!, mit klarem Vorteil für Weiß, da 27. …Txf7 an 28. Td8+ Le8 29. Texe8+ Sxe8 30. Txe8 matt scheitert. Auch 25. Sxe5 Ld5 26. c6! Lxc6 27. Tad1 bringt den Nachziehenden in eine bedenkliche Lage. Und so spielte Karjakin 25. …Sxc5 26. Lxf7+ Kh8 27. Tad1!


Stellung nach 27.Tad1!

Erneut riesenstark gespielt. Der Bauernverlust auf g2 wiegt nicht so schwer wie die vollständige Aktivierung der weißen Kräfte. 27. …Lxg2 28. Td4! Kamsky kontrolliert das Spiel völlig. Auf 28. Td4 Lxh3, was …Dg2 matt droht, folgt 29. Sg6+! hxg6 30. Th4 matt. 28. …h6 29. La3 Lxh3 Rettet sich der Springer, 29. …Sa4, so geht nach 30. Td7 der Läufer g2 verloren. 30. Ld5 Dc8 31. Lxc5 Dxc5 32. Lxa8 Lf5 33. Te3 Mit einer Mehrfigur ausgestattet, fährt Weiß bald die Ernte ein.33. …Da3 34. Ld5 Kh7 35. Kg2 De7 36. Sf3 Df6 37. c4 bxc4 38. Lxc4 a5 39. Td5 Lb1 40. Txa5 Df4 41. Le6 Db4 42. Tae5 Da4 43. a3 Df4 44. Ld5 Dg4+ 45. Kf1 Dh3+ 46. Ke2 Dc8 47. Le4+ Lxe4 48. T5xe4 Dc1 49. a4 Db1 50. Sd2 Da1 51. Tg3 Df6 52. a5 h5 53. Tb3 h4 54. Tb6 Dg5 55. Sf3 Dxa5 56. Txh4+ Kg8 57. Tb8+ Kf7 58. Tf4+ Kg6 59. Tbb4 Da6+ 60. Tbc4 Db5 61. Kf1 Dd5 62. Kg2 – 1:0

Ungeachtet eines "Superjahrs" mit all seinen Erfolgen hob der neue Schnellschach-Weltmeister zum Loblied auf Chess960 an, bei dem ja vor der Partie eine von 960 möglichen Figurenaufstellungen ausgelost wird, und bei dem man ganz ohne das Studium von Eröffnungsvarianten auskommt. Leider fiel der Wettbewerb in dieser Spielart heuer in Mainz aus. Das herkömmliche Spiel sei verkommen, so Kamsky. "In den 90ern hatte ich ein gutes Team um mich herum, da war ich besser vorbereitet. Heute haben Anand, Aronjan&Co. eine große Mannschaft und jede Menge starke Hardware. Das ist keine Sache mehr der Spielkunst, sondern eine der Ressourcen. Chess960 halte ich dagegen für perfekt: Da braucht man keine Sekundanten. Das ist etwas für faule Leute, wenn es Mann gegen Mann geht!" Ressourcen hin oder her: Kamsky hätte nichts dagegen, wenn es 2011 im normalen Schnellschach zum Match gegen den elffachen Chess-Classic-Rekordsieger Anand käme. Der Inder verzichtete erst zum zweiten Mal auf eine Turnier-Teilnahme, nachdem er von den 17 Auflagen nur die von 1998 wegen seiner Hochzeit verpasst hatte.

 
Auszug aus
"Hut ab, Gata Kamsky! | US-Meister entthront Aronian als Schnellschach-Weltmeister"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, September 2010

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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