Schach-Magazin
Schach Magazin
Ausgabe 8 mit diesen zentralen Themen ::

Schlauheit und Schönheit gepaart


Carlsen - G-Star
Foto: G-Star

Die Zusammenarbeit mit dem Hollywood-Star Liv Tyler gestaltete sich völlig unkompliziert und angenehm, äußerte Carlsen bei der Pressekonferenz.

Ab Herbst 2010 wird uns Magnus Carlsen weltweit begegnen - in Straßenbildern und Verkaufsläden werben dann grimmige Posen des 19-Jährigen für die Jeansmode der niederländischen Marke G-Star RAW. An der Seite des Norwegers steht die amerikanische Schauspielerin Liv Tyler, die bereits seit 2009 Werbeträgerin des Denim-Herstellers ist und das weiche Pendant bildet, um jugendlichen Käufern die Markeneigenschaften mit "einzigartiger und unorthodoxer Ausstrahlung" (firmeneigener Anspruch) nahe zu bringen. Eine ungewöhnliche Personalkombination, die den Schachsport in ein neues Rampenlicht führt und nicht nur das. Am 7. 7. 2010, dem Tag, an dem bei der Fußball-WM Deutschland den Einzug in das Finale verpasste, wurde auf der bekannten Modemesse Bread & Butter Berlin die lange Zeit wie ein Staatsgeheimnis gehütete Imagekampagne öffentlich gemacht. Schach-Magazin 64 war als einziges deutsches Fachblatt vor Ort.

Schach und Werbung


Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Produkte mit weltweiter Vermarktung Superstars aus dem Film-, Musik- oder Sportgeschäft suchen, doch der Schachsport bekam davon kaum etwas ab. Zu wenig charismatisch sind viele Spitzenspieler. Und selbst Schachlegenden wirkten eher wie Staffagen für eine witzige Verballhornung des Denkspiels: 2001 wurde Garry Kasparow in einem Werbeclip von einem Pepsi-Getränkeautomaten veräppelt, nachdem er sich zuvor abfällig über die Intelligenz von Maschinen äußerte; Viktor Kortschnoi wirkte recht überzeugend als er gegen einen tierisch starken Gegner die Figuren vom Brett fegte - die Kamera schwenkte und gegenüber saß eine schwarz-weiße Kuh mit Namen "Lovely", nach solch einem Sieg muss die Milch frisch sein! Im Frauenbereich durfte sich Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk bereits für einige namhafte Frauenmagazine räkeln und auch Schweizer Luxusuhren warben mit der Russin. Aber selbst diese Aktionen blieben der breiten Masse verborgen. Man fand sich bereits ab, dass Schach möglicherweise zu verkopft ist, um damit flächendeckend Werbebotschaften zu transportieren. Und plötzlich zaubert ein namhafter Jeansmode-Hersteller, der seit 1989 auf dem Markt ist und seit 1996 die Herstellungsmethode auf möglichst unbehandelte Stoffverarbeitung umgestellt hat, den einzigen Shooting-Star als Verkörperung des Zeitgeistes der Winterkollektion 2010 aus dem Hut. Das klingt aus Sicht der Schachszene ein wenig nach Aschenputtel-Geschichte, denn nicht das Management von Carlsen fädelte den Deal ein; nein, die in Amsterdam beheimatete Firma stieß auf ihn - im Januar 2010 in einer TV-Sendung über das Corus-Turnier in Wijk aan Zee. Carlsen präsentierte sich wie stets als unverkrampfter Typ, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Doch interes-sierte die Werbeleute weniger der Schachinhalt als vielmehr die Wirkung der Person. Es kamen zwei Umstände zum richtigen Augenblick zusammen, betont G-Star-Marketing-Direktor Joris Aperghis: "Nach Liv Tyler wollten wir nun ein männliches Model, jemanden der einen Kontrast bildet und der der Marke einen Erinnerungswert gibt." Der Stolz über die unerwartete Personalunion ist auch ein halbes Jahr später noch spürbar: "Wir haben Magnus in einer Fernsehshow entdeckt und gemerkt, was für ein unglaublich talentierter Kerl er ist. Er hat sein einzigartiges Talent, seinen eigenen Stil und kommt natürlich rüber. Und er besitzt diesen ‚harten', charakteristischen Blick."

Carlsen und LIv Tyler
Foto: Harald Fietz

Solche Werbeflächen wird man im Herbst und Winter 2010 allerorten sehen: Schachgenie in modischem Look.


Für die Werbebranche ein Rohdiamant, und aus Sicht des Weltranglistenersten keine besondere Aufregung: "Abgesehen vom Schach bin ich ein ganz normaler Typ." Vielleicht zieht gerade das in Bann. Ein Spitzenkönner im Schach, der völlig ohne Dachschaden, der extremen Begabungen oft nachgesagt wird, daherkommt. Ein offener Typ und leicht für ein Experiment zu begeistern: "Als G-Star mich wegen der Promotionskampagne ansprach, fühlte ich, dass es eine einzigartige, aufregende Möglichkeit ist und natürlich musste ich mich zunächst über die Firma informieren, denn ich kannte mich in der Welt der Mode nicht aus," meinte Carlsen auf der Pressekonferenz und führte später im Einzelgespräch aus: "Gerade weil Mode und Schach zwei so völlig verschiedene Sphären sind, war ich neugierig, wie das zusammengeht. Kaum ein Schachspieler hat Erfahrung damit. Ich wollte einfach versuchen, so authentisch wie möglich zu wirken. Ich habe mir keinen Kopf gemacht. Auch wenn es Vorgaben vom G-Star-Team gab, hatte ich genug Spielraum, meine eigenen Ansichten einzubringen." Den gleichen Tenor findet man im G-Star eigenen RAW-Magazin für Herbst-Winter 2010. Im Gespräch mit Peter Lyle meinte Carlsen über diese Art der Arbeit vor der Kamera: "Es war neuartig für mich. Wenn ich Schach spiele, dann sind die Kameras auch da, aber ich schere mich nicht darum, denn wir müssen spielen. Lächeln liegt mir nicht so, daher mache ich in witzigen Situationen bisweilen etwas seltsame Gesichtsausdrücke. Bei den Modeaufnahmen war es anders; ich versuchte mehr oder weniger natürlich auszusehen."

[…]

Mode und Schach gemeinsam

So leicht wie im Video wird es am 10. September 2010 in New York nicht werden, wenn es zu einem "globalen Schach-event" (Aperghis) kommt. Nichts anderes kann einer Modemarke mit weltweitem Vertrieb dienlich sein - natürlich in der Weltmetropole und natürlich am Vorabend einer großen Fashionveranstaltung. Schach erfüllt dabei ein Alleinstellungsmerkmal mit hohem Aufmerksamkeitsgrad und durchweg positiven Qualitäten. Aperghis fasst zusammen, warum man diese ungewöhnliche Bühne im Zuge der Zusammenarbeit konzipierte: "Wir sind Fans von Magnus geworden, und wir sind von Schach allgemein inspiriert. Schach besitzt diese althergebrachten Werte und repräsentiert ein analoges Spiel in einer digitalen Welt. Wir wollen es daher auch unter jungen Leuten mehr popularisieren. Und mit Carlsen als weltbestem Spieler musste es ein Format sein, welches den Anspruch einer weltweit beachteten, einzigartigen Herausforderung bietet. Daher haben wir die Schachlegende Garry Kasparow um seinen Rat und die Schirmherrschaft gebeten. Die ganze Veranstaltung wird als Fernseh-Show aufgemacht werden, und man wird bei jedem Zug die Vorschläge der drei Großmeister sehen. Maurice Ashley wird aus seiner Warte als Großmeister hervorragend geeignet sein, die Züge für die Allgemeinheit zu erklären." Carlsen meinte angesichts von drei Top-Spielern als Ratgeber für das Welt-Team dazu: "Ich kann meine Chancen nicht einschätzen, aber ich spiele ohnehin jede Partie auf Sieg." Freitag, den 10. September 2010, sollten Schachfans als Termin im Kalender haben, denn die Güte des Matches steht außer Frage: Hikaru Nakamura (Elo 2729, USA), Maxime Vachier-Lagrave (Elo 2723, Frankreich) und Judit Polgar (Elo 2682, Ungarn) bilden das Unterstützer-Trio für die Weltgemeinschaft - und jeder Schachfan kann sich über die G-Star-Webseite anmelden, um an der Abstimmung zu jedem Zug teilzunehmen. Mit dem Weltranglisten-19., dem Weltranglisten-22. und der besten Schachspielerin aller Zeiten im Boot sind die Chancen gar nicht so schlecht. Auf alle Fälle erwartet den Schachsport ein Rampenlicht, welches so nur Kasparow zu seinen besten Zeiten entfachen konnte. Es wird eine Erfahrung für beide Seiten, denn Carlsen sieht sich - wie er im G-Star-Magazin offenbart - selbst noch in der Entwicklung: "Bei jedem Turnier habe ich das Gefühl, dass ich noch dazulerne. Es sind keine großen Entdeckungen, aber immer kleine Verbesserungen. Ich bin noch nicht auf dem Niveau, dass ich mir die Partien anderer Spieler anschauen und meine: ‚Daraus kann ich nichts mehr lernen.' Das Spiel ist so reichhaltig. Ich fühle, dass meine ganze Spielanlage praktisch und intuitiv ist - ich bin nicht versessen, den perfekten Zug zu finden. Ich will einfach spielen und gewinnen." Welche Rolle bei einem solchen Showevent Schachengines spielen, bleibt abzuwarten. Vielleicht wird Carlsen ja ganz wagemutig sein und sein Risiko auch dann nicht drosseln, wenn auf der anderen Brettseite möglicherweise elektronische Schachflüsterer sitzen. Seine Gedanken über den Gebrauch von Computern verdienen Gehör in einer Welt, in der die Abhängigkeit von Maschinen zunimmt: "Durch den Computereinsatz kann man die Fähigkeit verlieren, kreativ zu denken. Denn wenn man seine intuitiven Einfälle mit dem Computer überprüft, werden Pläne widerlegt. Man sollte nicht wie ein Computer denken. Computer werden das ausschließen, was gefährlich und falsch erscheint, und dies mag für gewöhnlich der richtige Ansatz sein, aber manchmal sollte man diesen anderen Weg gehen."

 
Auszug aus
"Schlauheit und Schönheit gepaart | Auch als Modemodel soll Magnus Carlsen Weltklasse verkörpern | Jeansmodehersteller G-Star setzt im Herbst 2010 einen Imagekontrapunkt zum Einheitsglamour à la Hollywood und plant eine Schachherausforderung"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, August 2010

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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