Schach-Magazin
Schach Magazin
Ausgabe 7 mit diesen zentralen Themen ::

Das neue K & K-Paar


Kasparow, von Weizsäcker, Karpow
Foto: Harald Fietz

Ein einmaliger Schulterschluss! Zwei Weltmeister und ein Fernschach-Olympiasieger verbünden sich, um die Schachwelt neu zu gestalten: (von links) Garry Kasparow, Robert von Weizsäcker und Anatoli Karpow.

Es sind Kämpfe der Führungsstile; Macht und Gestaltung der Schachwelt im kommenden Jahrzehnt stehen auf dem Spiel. Es geht um die Glaubwürdigkeit des königlichen Sports in der Gesellschaft und das Potential, mehr Menschen dafür zu begeistern und neue Sponsoren zu gewinnen. Während der Schacholympiade in Chanty-Mansijsk wird im September die neue Führung des Weltschachverbandes FIDE und der Europäischen Schachunion ECU gewählt. Und anders als in Turin 2006, wo es um das FIDE-Amt bereits ein heftiges Tauziehen zwischen Kirshan Iljumschinow und Herausforderer Bessel Kok gab, scheint die Zeit reif für einen Wechsel. Vor vier Jahren unterlag der niederländische Geschäftsmann, der als Schachorganisator 20 Jahre lang viel für das Top-Schach tat, mit 54:96 Stimmen. Bereits damals war die Mannschaft des FIDE-Präsidenten sichtlich nervös, ihren Einfluss und ihre Pfründe zu verlieren. Mit vielen Versprechungen in Richtung Dritte-Welt-Länder gelang es, den bürokratischen Apparat zu erhalten. Die Aktion, Kok danach mittels der Vermarktungsfirma Gobal Chess ins Boot zu holen, schien einen Burgfrieden zu bringen, aber Eskapaden um den Welt-Cup und ständiges Hickhack um WM-Modus und WM-Sponsoren zeigten, wie schwierig es mit diesem Image ist, Geld zum Schach zu locken. Inzwischen agiert in Moskau mit Chess Network Company eine neue Marketing-Firma der FIDE; doch deren Aufgaben und Ziele bleiben schwammig. Ob sie jemals viel Aktion zeigen wird ist ungewiss, denn seit März tobt ein Wahlkampf neuer Dimension. Anatoli Karpow will auf den höchsten Posten der FIDE. Und der 12. Schachweltmeister hat diesen Zug gut vorbereitet: sein prominentester Unterstützer ist der 13. Schachweltmeister, Garry Kasparow. Die einstigen Erzfeinde, die im letzten Jahrzehnt der Sowjetunion stellvertretend für divergierende politische Strömungen standen, starteten eine Liaison, die sie selbst vor kurzem noch undenkbar hielten. Doch ein Bündnis von Elite-Spielern gewinnt noch lange keine Wahlen, zumal Funktionäre über Funktionäre, und dann eben Spieler als Funktionäre, abstimmen. Und alles geschieht in einem Wirrwarr von Personalkonstellationen und mit extrem unterschiedlichen Verständnissen von demokratischen Gepflogenheiten. Bei einer Stippvisite der beiden Schach-Genies am 21. Mai in Berlin gab es einen Vorgeschmack. Anlass war aus deutscher Sicht die Auftakt-Pressekonferenz der Kandidatur von Robert von Weizsäcker zum Präsident der ECU. Ein Ansinnen, welches eng mit Karpows Anlauf verbunden ist.

Karpow, der Mann des Westens


Wie schon vor vier Jahren scharrt sich die Mehrzahl der westeuropäischen Schachföderationen hinter die Alternative zu Iljumschinow, selbst wenn es sich um den weit im Osten, im Ural geborenen Karpow handelt, der in den 70er und 80er Jahren Liebling der kommunistischen Partei war und seine Ausnahmestellung in der sowjetischen Schachhierarchie auch mit Seilschaften zum Geheimdienst festigte (Überwachtes Schach - damals und heute, S. 47). Solche Umstände scheinen Historie zu sein. "Diese Box ist geschlossen", meinte Kasparow in Berlin auch angesichts der Tatsache, dass ihr Nostalgie-Mini-Match 2009 zum 25-jährigen Jubiläum des ersten ihrer fünf großen Matches 1984-1990 ein Kapitel Schachgeschichte ad acta legte. "Damals kämpften wir um die Weltmeisterschaft. Heute kämpfen wir um die Seele des Schachs", bringt es Agitator Kasparow auf eine griffige Formel. Nunmehr gilt es, in Allianz den gegenwärtigen Kurs des Durchwurstelns zu beenden: "Sobald man gegenüber Sponsoren bloß den Namen Iljumschinow mit seinem ‚Team' nennt, dann kann man jede Sponsorensuche vergessen. Vor allem Reputation muss in der Schachführung wieder zurückkehren. Robert von Weizsäcker und Anatoli Karpow stehen dafür ein. Die Leute sind des momentanen Unsinns überdrüssig. Es ist Zeit zurückzuschlagen." Solche Sätze hämmert der in Baku geborene Superstar wie in Stein gemeißelt in die Runde. Karpow kommen eher unverbindliche Parolen in Diplomaten-Art über die Lippen. De facto will er aber das Gleiche: eine Führerschaft, die die Schachwelt nicht mit dubiosen Geldquellen und unausgegorenen Konzepten bzw. mit wenig transparenten Entscheidungsmechanismen leitet. Es soll eine Abkehr von Cliquen-Herrschaft sein, wie diese heute in vielen Teilen Russlands im politischen Tagesgeschäft praktiziert wird. Das Ideal früherer FIDE-Präsidenten beschwört Karpow: "Nach Euwe wäre ich der zweite Weltmeister im Amt als FIDE-Präsident." Und auch der Name Fridrik Olafsson (FIDE-Chef von 1978-1982), Großmeister, WM-Kandidat und früherer Parlamentsvorsitzender in Island, steht für Seriosität und dem Agieren im Sinne der Spieler.

 
Auszug aus
"Das neue K & K-Paar | Anatoli Karpow und Garry Kasparow schmieden mit Robert von Weizsäcker Machtkonstellationen für eine andere Zukunft des königlichen Spiels"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Juli 2010

Schach-Magazin a a a
Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

Designelement  :: Aktuelles Designelement
  Aktuelles Heft
Aktuelles Heft
Im Heft blättern
 

Designelement  :: Jahrgangsschuber Designelement
  Jahrgangsschuber
Aktuelles Heft
Der Preis pro Stück für 12 Ausgaben – inklusive Porto und Schutz-Verpackung beträgt € 14,90
Bestellungen bitte unter
Tel.: (0421) 36 90 325