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Ausgabe 6 mit diesen zentralen Themen ::

Topalovs Alleingang in Linares


WM 2010 in Sofia
Foto: Cathy Rogers

Das Match zwischen dem Inder Viswanathan Anand (r.) und Veselin Topalov entwickelte sich zu einem der spannendsten Weltmeisterschaftsduelle der neueren Geschichte

Von diesem Match hatte sich die Schachwelt viel versprochen. Zum einen war das Duell Anand-Topalov beileibe fällig, wie im Editorial erläutert, zum anderen war aufgrund der ungefähr gleichen nominellen Spielstärke der Ausgang ungewiss. Schließlich sind gerade die Partien dieser Kontrahenten vom Kampf geprägt, blutleere Kurzremisen kennen beide nicht.

Die Erwartungen wurden erfüllt. Schon in der ersten Partie ging der Herausforderer in Führung, der Weltmeister revanchierte sich postwendend und ging wenig später in Führung. Die zweite Matchhälfte sah den unverdrossen kämpfenden Topalov gegen Anands Verteidigungswälle anrennen, bis schließlich in Runde 9 der "Ausgleichtreffer" fiel. Nach zwei ausgekämpften Remisen folgte schließlich bei einem 5,5:5,5-Gleichstand in der 12. und letzten Partie der große Showdown. Bei einem Remis wäre es zu einem Stichkampf im Schnellschach gekommen, und da wäre Anand - der unumstrittene König in den "schnellen Schachdisziplinen" - schon im Vorteil gewesen. Also verschärfte Topalov das Spiel und lief dem Gegner ins offene Messer. Anand bleibt Weltmeister und gewinnt auch den 1,2 Millionen Euro Siegerpreis.

Wir sahen ein Match zweier Ausnahmekönner, ein (in spieltechnischem Sinn) wirklich besserer Protagonist war da nicht auszumachen. Für Anands Matchgewinn dürfte von Bedeutung gewesen sein, dass er mental stark war und in kritischen Momenten cool blieb.
Schon Monate bevor es zu dem großen Duell in Sofia kam, gingen sich die beiden Stars tunlichst aus dem Weg und nahmen an unterschiedlichen Turnieren teil. Über ein Jahr lang mussten sie kein einziges Mal die Klingen kreuzen, das ist bei der heutigen Schachelite - da spielen fast immer die gleichen Spieler gegeneinander - ziemlich selten. Und zwei Monate vor dem Matchbeginn gingen beide auf Tauchstation, sprich ins Trainingslager. Anand und sein Team bewahrten Funkstille, während aus dem Lager der Gastgeber ein Störfeuer zu vernehmen war, der Weltmeister sei "alt", "konservativ", nur um einige der kleinen Seitenhiebe und Spitzen zu nennen. Solche Psycho-Mätzchen kennt man von früher, und sie funktionieren manchmal, aber nicht bei Anand, der eigener Aussage zufolge im Trainingslager alle Medien inklusive Internetblogs ignorierte. Seine Helfer lasen, sagten ihm aber nichts, und das war auch gut so.

[…]

Die Entscheidung

Viele Journalisten hatten ihre Hotels bis zum 13. Mai gebucht; für den 11. und 12.Mai waren ja die Stichkämpfe angesetzt, mit denen die meisten Kollegen (wir auch, das geben wir unumwunden zu) gerechnet hatten. Doch es kam anders. Topalov überzog eine remisliche Stellung und wurde von Anand brillant ausgepunktet.

Damengambit D 56
V. Topalov - V. Anand

12. Matchpartie, Sofia 11. 05. 2010
1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 Le7 5. Lg5 h6 6. Lh4 0-0 7. e3 Se4 8. Lxe7 Dxe7 9. Tc1 c6 10. Le2 Sxc3 11. Txc3 dxc4 12. Lxc4 Sd7 13. 0-0 b6 14. Ld3 c5 15. Le4 Tb8 16. Dc2 Sf6 17. dxc5 Sxe4 18. Dxe4 bxc5 19. Dc2 Lb7 Anands Partieanlage, die übrigens nachträglich von seinem Gegner hochgelobt wurde, ist eigentlich relativ einfach: Schwarz nimmt eine Bauernschwäche in Kauf, stellt dafür aber mit seinem Läufer immer wieder taktische Drohungen auf. In vielen Varianten kann Weiß den c-Bauer gewinnen, muss aber den Übergang in ein remisliches Endspiel zulassen (zum Beispiel 19. …Lb7 20. Txc5 Lxf3 21. gxf3 Txb2 22. Dxb2 Dxc5), was Topalov gar nicht behagte. Bei 6:6 wäre ein Stichkampf gefolgt, und zwar im Schnellschach, Anands ureigenster Domäne. 20. Sd2 Tfd8 Hier verbietet sich 21. Txc5?? schon vollends (21. …Txd2!). Aber auch 21. Sb3 führt nicht zum erwünschten Ergebnis: 21. …La6 22. Tc1 c4 mit aktivem Spiel, man beachte Tricks wie 23. Sd2 Dd6 24. Sxc4? Lxc4 25. Txc4 Txb2! 26. Da4 (26. Dxb2?? Dd1+ und Matt) 26. …Txa2! 21. f3 La6 22. Tf2 Td7 23. g3 Tbd8 24. Kg2 Ld3 25. Dc1 La6

Stellung nach 25....La6

"Ich wich der Zugwiederholung aus, weil ich keinen Schnellschachstichkampf spielen wollte", verriet Topalov, "das war mein Fehler." 26. Ta3?! Lb7 27. Sb3 Tc7 28. Sa5 La8 29. Sc4 e5 30. e4 f5! 31. exf5? "Als er den Bauern nahm, traute ich meinen Augen nicht", erzählte Anand. "Es war mir klar, entweder habe ich etwas übersehen, oder er bricht zusammen. Zum Glück war es das Letztere." Übrigens war 31. Sd2 richtig, damit hält Weiß die Stellung. 31. …e4 32. fxe4?! Etwas besser, aber auch nicht erstrebenswert war 32. Kg1 exf3 33. Te3 Df6 34. Dc2. 32. …Dxe4+ 33. Kh3 Td4 34. Se3 De8! 35. g4 h5! 36. Kh4! g5+ Spätere, computerunterstützte Analysen wiesen einen noch rascheren Gewinn mit 36. …Dd8+! nach. 37. fxg6 Dxg6 38. Df1! Txg4+ 39. Kh3 Te7! 40. Tf8+

Stellung nach 40.Tf8+

Gleich nach der Partie berichtete Anand, er habe beinahe einen Herzinfarkt bekommen, als er 40…Kh7 41. Th8+ Kxh8 42. Df8+ Dg8 43. Dxe7 bemerkte. Später (vgl. das Interview) wurde ihm auch klar, dass er auch in diesem Fall gewonnen hätte, zum einen mit 43. …Dc8+, aber auch (bzw. noch spektakulärer) mit 43. …Lg2+ 44. Sxg2 Dc8 (es droht ein Turmabzug nebst Matt) 45. Sf4 Tg6+ 46. Se6 Txe6. Alles sehr schön, aber unnötig! Wie hatte es ein Altmeister ausgedrückt: "Ein Punkt reicht mir!" Der Partiezug 40. …Kg7 schont das indische Herz und gewinnt sogar einfacher. 41. Sf5+ 41. Txa8 lässt den schönen Schlussangriff 41. …Txe3+! 42. Txe3 Th4+! 43. Kxh4 Dg4 matt zu. 41. …Kh7! Ja nicht 41. …Kxf8? 42. Sxe7+ Kxe7 43. Txa7+ - und Topalov wäre Weltmeister geworden! 42. Tg3 Txg3+ 43. hxg3 Dg4+ 44. Kh2 Te2+ 45. Kg1 Tg2+ 46. Dxg2 Lxg2

Stellung nach 46.…Lxg2

47. Kxg2 Schon bei der Vorausberechnung seines 41. Zuges sah Anand, dass er nach 47. Tf7+ mit 47. …Kg6! 48. Tg7+ Kxf5 49. Txg4 hxg4! 50. Kxg2 Ke4 51. Kf2 Kd3 in ein für ihn gewonnenes Bauernendspiel abwickeln kann. 47. …De2+ 48. Kh3 c4 49. a4 a5 50. Tf6 Kg8! Wie Anand in dem Interview erläuterte, hätte auch …Dxb2 gewonnen, der Partiezug ist noch genauer. 51. Sh6+ Kg7 52. Tb6 De4! Nimmt den weißen Figuren alle sicheren Felder. 53. Kh2 Kh7! 54. Td6 54. Sf7 kostet nach 54. …De2+ und weiteren Schachgeboten entweder den Turm, oder den Springer. 54. …De5 55. Sf7 Dxb2+ 56. Kh3 Dg7 und wegen z. B. 57. Sd8 Dg4+ 58. Kg2 h4 - 0:1

Das war sie also, die Schlacht von Sofia. Anands Fans freuten sich, Topalovs Anhänger weniger, doch allen - und der gesamten Schachöffentlichkeit - wird dieses große Duell zweier Ausnahmekönner unvergessen bleiben. Das Schlusswort gebührt einem Leser: "Das war toll. Und jetzt freue mich schon auf das Match Anand-Carlsen".

 


Auszug aus
Die Schlacht in Sofia | Das Match Anand-Topalov wurde zu einer der spannendsten Weltmeisterschaften der neueren Geschichte
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, Juni 2010

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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