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Mar del Plata


Mar del Plata
Foto: Archiv D. Lima

Nach getaner Arbeit ließ es sich das siegreiche Team Brasiliens gut schmecken (links von vorn): Vanessa Feliciano, Andre Diamant, Juliana Terao, Giovanni Vescovi, rechts Kapitän Darcy Lima, Rafael Leitao und Alexandr Fier.

…Das Wort ist eine Abkürzung aus Mercado Común del Sur (spanisch für „Gemeinsamer Markt des Südens“) und weist viele gemeinsame Züge mit der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) in deren Gründungsphase auf. Es wurde ein Binnenmarkt gebildet, der mehr als eine Viertelmilliarde Menschen auf über 70% der Fläche Südamerikas umfasst.

Allein diese Zahlen belegen, dass diese in Europa vielleicht noch nicht gemeinhin bekannte Organisation schon jetzt bereits bedeutend ist und in Zukunft vielleicht noch bedeutender wird, wenn sich alle lateinamerikanischen Staaten anschließen werden. Gegenwärtig sind die Länder Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay Vollmitglieder, assoziiert sind ferner Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien und Peru. Verhandlungen über weitere Mitgliedschaften laufen.

Nachdem innerhalb von Mercosur einige große Sportveranstaltungen durchgeführt waren, zogen nun auch die Schachspieler nach. Zwischen dem 19. und 27. Juni wurde in der Stadt Mar del Plata an der Atlantikküste Argentiniens, im Rahmen eines großen Schachfestivals mit einer Schulschachmeisterschaft und drei offenen Turnieren, die erste „Mercosur-Schacholympiade“ ausgetragen. Die Mitgliedsländer wählten als Spielmodus ein vollrundiges Mannschaftsturnier mit Sechserteams, wobei jedem Team vier Männer und zwei Frauen angehörten. Davon versprachen sich die Gastgeber einiges, denn die beste Spielerin Südamerikas kommt zwar aus Ecuador (Martha Fierro Baquero, Elo 2394), dann aber folgen zwei Argentinierinnen (Carolina Lujan, Elo 2360, und Claudia Amura, 2339), während der Hauptkonkurrent Brasilien in Bezug auf die Frauenbretter zwar viel Ausstrahlung (vgl. Foto), aber wenig Elopunkte (2154 und 2112) zu bieten hatte. Also war die Marschroute für Argentinien klar: gegen das starke Männerquartett der Brasilianer bestehen, die Frauen machen das schon.

Es kam aber anders. Zu Recht hebt Brasiliens Kapitän GM Darcy Lima (bei dem wir uns für das zur Verfügung gestellte Foto bedanken) darauf hin, dass die jungen Brasilianerinnen ihren südlichen Kolleginnen nicht nachstanden (sie erzielten nur einen halben Punkt weniger), und an den Männerbrettern hatten die Argentinier klar das Nachsehen. Am Ende wuchs Brasiliens Vorsprung auf stattliche 5,5 Punkte. Trotz des Verständnisses für die Enttäuschung der Argentinier muss man sich schon etwas wundern, dass die offizielle Internetseite nach der fünften Runde einfach nicht mehr aktualisiert wurde! Nach dem Motto: schlecht gelaufen, lass uns die Brocken hinschmeißen und nach Hause gehen … Und so waren wir bei den Ergebnissen auf die Hilfe des entgegenkommenden Kapitäns des Siegerteams angewiesen.

Endstand
1. Brasilien 30,0
2. Argentinien A 24,5
3. Argentinien B 19,5
4. Uruguay 16,5
5. Chile 15,0
6. Bolivien 13,0
7. Peru 7,5

Das Siegerteam Brasilie:
Giovanni Vescovi 4,5/6
Alexandr Fier 6/6
Rafael Leitao 5,5/6
André Diamant 4,5/5
Darcy Lima 1/1
Juliana Terao 4/6
Vanessa Feliciano 4,5/6


Wie der Kapitän Darcy verriet, engagierte die brasilianische Schachföderation den weltbekannten russischen Trainer Mark Dworetzki für einige Training-Sessions mit dem Olympiateam. „Die Ausgabe von [umgerechnet] 3000 Euro hat sich gelohnt“, so Darcy.

Das erste Wertungskriterium waren die Brettpunkte, bei gutem Brett-Score kann man sich also durchaus eine Mannschaftsniederlage leisten, dennoch war das Match zwischen den beiden Erstplatzierten von einer besonderen Bedeutung, insbesondere psychologisch. Es ging ja um die führende Rolle im südamerikanischen Schach.

Blicken wir etwas zurück. Während der Schacholympiade in Buenos Aires 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, viele namhafte Spieler aus europäischen Nationen blieben in Argentinien (der bekannteste war der Weltklassespieler Najdorf) und verstärkten die einheimische Meistergarde ungemein. In den 50er Jahren war Argentinien sogar mehrmals auf Medaillenrängen bei Schacholympiaden, und auch in den folgenden Jahrzehnten zumindest in Südamerika noch führend. Aber mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts drehte sich der Wind, und die Brasilianer landeten bei den Schacholympiaden wiederholt einen oder zwei Mannschaftspunkte vor den südlichen Nachbarn. Nun geschah dies irgendwo im Bereich des 30. oder 40. Platzes, dafür gibt es zu Hause keinen großen Bahnhof. Das Ergebnis der Mercosur-Schacholympiade klingt aber gut, zwar keine Weltmeisterschaft, aber immerhin Nummer eins Südamerikas.

Den Siegestreffer schoss für Brasilien Alexandr Fier. So steht sein Name in der Weltrangliste und diese Schreibweise ließ einen Einwanderer vermuten, doch Alexandr Hilário Takeda Sakai dos Santos Fier (Brasilianer lieben lange Namen, gut dass man sich bei Edson Arantes do Nascimento später nur „Pele“ merken musste) kam am 11. März 1988 in Brasilien zur Welt. Erst 21 Jahre alt und schon 2604 Elopunkte „schwer“, gilt Fier als das größte Schachtalent Brasiliens seit dem legendären Henrique Mecking, der in den 70er Jahren zur Topten der Welt gehörte. Bei der Mercosur-Schacholympiade war Fier mit seinen sechs Punkten aus sechs Partien der beste Einzelspieler.

Nimzowitschindisch E 43
F. Peralta (Argentinien)
A. Fier (Brasilien)
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 0–0 5. Ld3 c5 6. Sf3 b6 7. 0–0 Lb7 8. Sa4 cxd4 9. exd4 Te8 10. a3 Lf8 11. Te1 d6 12. Lg5 Sbd7 13. Tc1 Tc8 14. Sc3 a6 15. b4 Tc7 16. Sd2 Da8 17. f3 d5 18. c5 bxc5 19. dxc5 e5 20. Sb3 h6 21. Lh4

Schachzug

Der bisherige Partieverlauf war auch ohne viel Kommentar verständlich. Der Vorstoß 17. …d5 legte die Ausrichtung des Spiels fest. Weiß wird versuchen, seine Bauernmehrheit am Damenflügel zur Geltung zu bringen, d. h. den Punkt c5 zu sichern und später a4 und b5 durchzusetzen. Schwarz hat wiederum die Bauernmehrheit im Zentrum, und auf die setzte der Brasilianer unverzüglich: 21. …d4 22. Se4 Sd5 23. Sa5 Se3 23. …f5 fällt ins Auge, ist aber wegen 24. Db3! verfehlt. Weiß erlangt dann einen großen Vorteil, z. B. 24. …fxe4 (…Kh8 25. Sxb7 Dxb7 26. c6! Txc6 27. Dxd5) 25. Lxe4 Kh8 26. Sxb7 Dxb7 27. Lxd5 Db8 28. Lg3. 24. Dd2 Ld5! Weicht dem Abtausch auf b7 aus und droht jetzt wirklich …f5. Für Weiß war nun das Qualitätsopfer auf e3 am besten, nach 24. …Ld5 25. Txe3 dxe3 26. Dxe3 kompensieren der Bauer und die recht gute Figurenstellung die Qualität, es hätte sich ein kompliziertes Spiel mit verteilten Chancen ergeben können. Der Argentinier setzte aber auf das falsche Pferd: 25. Sd6? Lxd6 26. cxd6 Txc1 27. Txc1

Schachzug

Peralta hatte sich wohl nur mit 27. …Te6 beschäftigt, worauf 28. Tc7! folgt, drohend Dc1. Der Bauer d6 ist unbekömmlich: 28. …Txd6? 29. Le7 mit Materialgewinn auf d6 oder d7. Aber Schwarz muss nicht auf d6 schlagen. 27. …e4! 28. fxe4 Lxe4 29. Lxe4?! Das kleinere Übel ist 29. Lf1, aber Weiß befindet sich so oder so in der Defensive. 29. …Dxe4 Die Doppeldrohung …Dxe4 und …Sxb2 ist nicht zu parieren. 30. Le7 Sxg2! Mit der Absicht 31. Dxg2 De3+ 32. Df2 Dxc1+. 31. Dc2 d3 32. Dc6 Dxc6 und wegen 33. Sxc6 Se3, gefolgt von …d2 0:1
 
Auszug aus
"Erste Mercosur-Schacholympiade – Brasilien siegt überlegen vor Argentinieni"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 8/2009

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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