<00i> Schach-Magazin
Schach Magazin
Archiv 2009 ::

Vor hundert Jahren


Vor hundert Jahren
Foto: Olms Verlag

Die Spieler mit dem Organisationskomitee.
Hintere Reihe v. l. : E. Cohn, L. Forgacs, E. A. Snosko-Borowski, R. Spielmann.
Mittlere Reihe: S. N. von Freymann, O. Duras, A. M. Levin, S. Snosko-Borowski, J. Sossnitzky, E. P. Fürst Demidow San Donato, P. P. Saburow, V. Tschudowski, Dr. J. Perlis, S. Tartakower, R. Teichmann.
Vordere Reihe: M. Vidmar, Dr. O. S. Bernstein, Dr. E. Lasker, A. Burn, C. Schlechter, A. K. Rubinstein, J. Mieses, G. S. Salwe, A. Speiier

…oder aber auch zu den vielen europäischen Ligen, internationalen Mannschaftsmeisterschaften oder zu Schnellschachveranstaltungen. Und dann zieht – oder besser fliegt – die Karawane weiter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah die Schachszene grundlegend anders aus. Die nationalen Schachverbände trugen keine Ligen aus, diese entstanden – mit der erhöhten Mobilität der Menschen einhergehend – erst Jahrzehnte später. Dem Schachspiel frönte man zumeist in Klubs oder Cafés. Es gab noch keinen Weltschachbund (der wurde erst 1924 gegründet) oder andere internationale Schach­organisationen, folglich auch keine Olympiaden, Europameisterschaften oder ähnliche Turniere. Die Höhepunkte des internationalen Schachgeschehens markierten allein privat organisierte Einzelturniere, die – im Gegensatz zu heute – nicht sehr oft ausgetragen wurden, dafür war das Teilnehmerfeld viel größer als es heutzutage üblich ist, und die Spieler kamen fast ausschließlich aus Europa. In unseren Tagen ist der Weltmeister ein Inder, und die Chinesen sind eine Schachgroßmacht. Vor einhundert Jahren gab es in Asien keine nennenswerten Schachaktivitäten, eher schon in Amerika, aber die dortigen Meister kamen nur selten über den „Großen Teich“. Flugverkehr gab es damals noch nicht, wer über den Atlantik wollte, nahm halt einen Ozeandampfer. Am 1. Oktober 1909 – just an dem Tag, mit dem Lasker das Vorwort zu seinem berühmten Buch, von dem noch die Rede sein wird, datierte, vermeldeten Telegrafen, die „Mauretania“ habe mit vier Tagen, 14 Stunden und fünf Minuten für die Atlantiküberquerung zwischen New York und Dover einen Rekord aufgestellt und damit das „Blaue Band“ gewonnen. Drei Jahre später versuchte ein anderes Schiff namens Titanic diese Trophäe zu gewinnen, das Ende ist bekannt.

[…]

Der Turnier-Etat setzte sich aus vielen Posten zusammen, verschiedene Kosten für die Ausrichtung, Antrittsgelder (100 Rubel für ausländische, 50 Rubel für russische Teilnehmer), Turnierpreise (gestaffelt von 1000 für den Sieger, 750 für den Zweiten, aber nur 30 Rubel für den Zehnten), sowie etliche Spezialpreise, deren Übergabe auf eine besonders stilvolle Art erfolgte: „Diese Summen waren in Saffianbrieftaschen eingelegt, auf denen sich ein silbernes Täfelchen mit der Inschrift ‚Internationaler Schachkongreß zum Gedenken an M. J. Tschigorin, St. Petersburg 1909‘ und dem eingravierten Familiennamen des Spielers befand.“

Der erste Preis wurde geteilt, aber der Rang in der Tabelle nach Wertung ermittelt. Sieger in diesem wahren Elitefeld (von den fünfzehn weltbesten Spielern der damaligen Zeit spielten zehn mit) wurde Akiba Rubinstein, der spätestens ab 1909 bis zum Beginn des ersten Weltkrieges dem Weltmeister Lasker ebenbürtig war. Ausschlaggebend für Rubinsteins Wertungssieg war sein Gewinn in der direkten Begegnung mit dem zweiten dominanten Teilnehmer.

[…]

Lasker titelte eines seiner Werke „Der gesunde Menschenverstand im Schach“. Auf sein Spiel im Allgemeinen und auf das in der folgenden Partie im Besonderen trifft dieser Wahlspruch hervorragend zu. Es erwartet Sie keine Superkombination, sondern die klare Lösung eines oft auftretenden Problems: wie sichere ich eine gut stehende Figur.

Spanisch C 66
E. Lasker – E. Cohn
St. Petersburg 1909
1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0–0 Le7 5. Sc3 d6 6. d4 Ld7 7. Lg5 exd4 8. Sxd4 0–0 9. Lxc6 bxc6 10. Dd3 Sg4 11. Lxe7 Dxe7 12. Tae1 Dh4 13. Sf3 Dh5 14. h3 Se5 15. Sxe5 Dxe5 16. f4 Dc5+ 17. Kh2 Le6 18. b3 f5? Lasker plädierte hier für …f6. 19. e5 d5 20. Sa4 De7 21. Dd4 Tfb8 22. Sc5 a5 23. a3 Kf7

Schachzug

Die Eröffnung ist dem Nachziehenden nicht sonderlich gelungen, er überließ dem Gegner den idealen Springerposten vor dem eigenen Doppelbauern. Doch mit 0815-Spiel hätte Weiß seinen Vorteil hier nicht behaupten können; es droht ja …Tb5 mit Hinauswurf des soeben gepriesenen Springers, und falls 24. a4 (gegen …Tb5 gerichtet), so lebt der Schwarze mit …Tb4 auf. Laskers überzeugende Lösung lautet 24. Ta1! Tb5 25. b4! mit der Idee 25. …axb4 26. axb4 Txa1 27. Txa1, und der Vorposten c5 ist bestens gesichert. 25. …Tab8 26. c3 Mit dem Riesenspringer sicherte sich Weiß einen lange anhaltenden Vorteil. Er hätte sich im Weiteren gewiss auf den Durchbruch g4 konzentriert. Doch dazu kam es nicht mehr: Cohn handelte nach der Devise „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“: 26. …Txc5 27. bxc5 Tb5 28. Tab1 Dxc5 29. a4 1:0

Aus Partien wie dieser oder auch der nachfolgenden kann man mehr über Schach lernen, als aus einem Dschungel von computergenerierten Varianten.
 
Auszug aus
"Ein Blick zurück – Die Schachwelt vor 100 Jahren * Das berühmte Turnier St. Petersburg 1909 * Laskers Turnierbuch nachgedruckt"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 7/2009

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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