<00i> Schach-Magazin
Schach Magazin
Archiv 2009 ::

Deizisau


Deizisau
Foto: H.Metz

Fernando Peralta. Der dreifache panamerikanische Meister aus Argentinien, der seit 2001 in Spanien lebt, trug sich in die Siegerliste des Neckar Open ein

… Sicher ist nur: Weder der Argentinier noch sein Großmeisterkollege aus der Ukraine haben den 40. Zug innerhalb der Spielzeit geschafft! Beide Uhren zeigen nach dem 37. Zug nur noch Nullen an. Die auf Fedortschuks Seite zeigt zusätzlich ein Minuszeichen. Zeitüberschreitung? 0:1 oder 1:0? Protest! Der Ausgang sollte, wie man drei Runden später wusste, entscheidend sein für den Turniersieg beim 13. Neckar-Open in Deizisau.

Ein kurzer Rückblick: In der sechsten Runde saßen sich Fedortschuk und Peralta auf der Bühne an Brett eins gegenüber. Der bis dahin souverän agierende Favorit, der hinter Arkadij Naiditsch an Position zwei gesetzt war, schickte sich an, dem einen halben Punkt zurückliegenden Argentinier die erste Niederlage beizubringen und seinen sechsten Sieg in Folge einzufahren. Einziges kleines Problem in der Stellung mit Mehrbauer: Fedortschuk hatte im 22. Zug nur drei Minuten für 18 Züge, während Peralta über deren elf verfügte. Soweit hatte das Schwarz noch schriftlich festgehalten. Doch das Geschehen wurde hektischer, kurze Striche nahmen überhand. In kritischer Lage näherte sich Peralta immer mehr dem Remagener Bundesligaspieler zeitlich an bis auf 10 gegen sieben Sekunden – und unterbot ihn! Dem Großmeister aus Südamerika verblieb nach einer zu langen Denkphase für 34. …Tc8 nur eine Sekunde für fünf Züge, nachdem der Springer endlich nach f4 galoppiert war! Wie ein Wilder drosch Peralta auf die Uhr ein, im Stakkato warf er die Züge aufs Brett. Einmal mit der einen Hand, als der Läufer wiederzunehmen war, während die andere schon zur Uhr jagte. Eine Sekunde für fünf Züge! Unmöglich zu schaffen, doch Fedortschuk machte das Unmögliche möglich: Mit sechs Sekunden auf dem Zeitmesser verfiel der ukrainische Bär im 37. und 38. Zug in einen verspäteten kurzen Winterschlaf, ehe hektisch die Dame nach d3 und später der Bauer zu langsam von c3 nach c4 flog. Bis Schiedsrichter Holger Moritz angesichts der Zeitüberschreitung einschreiten konnte, war auch bei Peralta auf der Anzeige die Null dominierend. Fedortschuk hatte allerdings das Minuszeichen vorne dran, weshalb Moritz auf Sieg für Schwarz entschied. Der Unterlegene des Dramas mochte dies in der Hitze des Gefechts nicht akzeptieren und beschwerte sich – trotz der Nervenanspannung in vertretbarem Ton – über das Ziehen mit beiden Händen. Der Referee hätte einschreiten müssen. Der Fall ging vor das Turniergericht, einstweilen schrieben sich die beiden Kampfhähne den Sieg selbst zu.

Das fast sechsminütige spannende Video von Georgios Souleidis über den Vorfall kann unter www.neckar-open.de/11no/wordpress/?p=435 mattmore-435 betrachtet werden. Hier die Partie:

Pirc-Verteidigung B 07
S. Fedortschuk (Ukraine)
F. Peralta (Argentinien)
1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. Sc3 g6 4. Le3 c6 5. h3 Sbd7 6. Sf3 e5 7. a4 Lg7 8. dxe5 dxe5 9. Sd2 0–0 10. Sc4 Sh5 11. a5 Lf6 12. Dd2 Le7 13. Le2 Sg7 14. 0–0 Se6 15. Tfd1 Dc7 16. Sa4 Sf6 17. Dc3 Sd7 18. b4 Lf6 19. Lf1 Sd4 20. Db2 Te8 21. c3 Sb5 22. Dd2 Weiß steht weit überlegen und hat alles, was man sich in einer Pirc-Stellung wünscht: Dominanz auf der d-Linie, den Bauern auf a5, den anderen auf b4, einen Springer auf c4 samt Läufer auf c3, und Schwarz kann deshalb nicht einmal b6 ziehen, um den Läufer auf c8 samt dem Turm a8 zum Leben zu erwecken. Lediglich drei gegenüber elf Minuten verbliebene Restbedenkzeit bis zum 40. Zug sorgen für leichte Sorgenfalten auf der Stirn des Anziehenden. 22. …Sf8 23. Sc5 Le6 24. Sd6 Ted8 25. Lxb5 cxb5 26. Sxb5 Dc6 27. De2 a6 28. Sa3 Le7 29. Sxe6 Sxe6 30. Dc4 Txd1+ 31. Txd1 Da4 32. Ta1 Td8 33. Da2 Schwarz hat sich unter Bauernopfer befreit – besitzt aber nun selbst keine Zeit mehr, weshalb ohne sonderliches Nachdenken umgehend 33. …Dc6 folgte. 34. Dc2 Tc8 35. Tc1

Schach-Kombination

35. …Sf4 Dafür brauchte Peralta zu lange: Neun Sekunden, die man nicht mehr hat, wenn nur noch zehn auf der Uhr stehen. 36. Lxf4 exf4 Hier griff der Argentinier mit beiden Händen zu und schlug mit der schnelleren Pranke auf den Zeitnehmer. 37. Dd3 Das kostete Fedortschuk die ersten seiner sechs Sekunden. 37. …Lf6 38. c4 Zeitüberschreitung Weiß! 0:1

Für Organisator Sven Noppes, der als renommierter Schiedsrichter auch im Turniergericht saß, war der Fall eindeutig: Peralta hatte das richtige Resultat notiert! „Das ist eine klare Sache: Peralta hat nur einmal mit beiden Händen gezogen. Fedortschuk hätte protestieren können, tat es aber nicht.“ Holger Moritz war es danach wieder zum Scherzen zumute: „Der DSB verbreitete am 1. April, die FIDE habe den Videobeweis im Schach eingeführt – wir haben ihn tatsächlich und nutzten das Video von Souleidis!“ Der bedauernswerte Fedortschuk nahm die Entscheidung sportlich hin. „Ich weiß gar nicht, wie Peralta überhaupt noch drei Züge schaffte mit einer Sekunde. Er zog einmal mit beiden Händen, so dass ich selbst nicht mehr richtig ziehen konnte. Ich hatte eine Gewinnstellung, schade um die gute Partie!“ Der Weltranglisten-70. (2656 Elo) verlor durch die abrupt beendete Siegesserie seine Linie. Mit drei Remis trudelte Fedortschuk nach neun Runden nur als 14. und Bester jener mit 6,5 Punkten ins Ziel.
 
Auszug aus
"Mit fünf Zügen in einer Sekunde zum Turniersieg – Peralta entscheidet Zeitnotdrama gegen Fedortschuk und gewinnt das Neckar-Open / Topstar Naiditsch auf Platz zwei / Rekordbeteiligung mit 713 Teilnehmern"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 5/2009

Schach-Magazin a a a
Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

Designelement  :: Aktuelles Designelement
  Aktuelles Heft
Aktuelles Heft
Im Heft blättern
 

Designelement  :: Jahrgangsschuber Designelement
  Jahrgangsschuber
Aktuelles Heft
Der Preis pro Stück für 12 Ausgaben – inklusive Porto und Schutz-Verpackung beträgt € 14,90
Bestellungen bitte unter
Tel.: (0421) 36 90 325