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Budva


Budva
Foto: J.Asik

Skurriles Ende eines nervenaufreibenden EM-Tie-Breaks: der neue Champion Jewgeni Tomaschewski zeigt an, dass Dd2 nicht geht und nach dem Damentausch hat er einen Turm mehr.

… , was dem Russen im Titel-Stichkampf gegen seinen Landsmann Wladimir Malachow zum 1,5:0,5-Sieg gereicht hätte.

War es Unerfahrenheit oder ein Moment der Unachtsamkeit, vielleicht war die Anspannung zu groß, der Druck zu stark? Gleichwie, der 21-Jährige aus Saratow musste in die Blitzentscheidung. Konnte man die beiden Schnellschachpartien als „nor-mal“ bezeichnen, dann war die endgültige Entscheidung „speziell“. Weiß mit fünf Minuten, Schwarz eine weniger, aber für die Entscheidung reicht ihm ein Remis. Fünf Schiedsrichter observierten die beiden ernsthaft blickenden Brillenträger. Der sieben Jahre ältere Malachow ist promovierter Physiker, sein Gegner wirkte wie der Assistent im Labor, aber tatsächlich studiert Tomaschewski Betriebswissenschaften.

Es wurde ein Drama: Malachow übersah ein Matt in sechs Zügen und stellte einen Turm ein.

Grünfeldindisch D 94
J.Tomaschewski – W.Malachow
EM-Stichkampf, Budva 2009

1.c4 c6 2.Sf3 d5 3.Sc3 Sf6 4.e3 a6 5.Le2 g6 6.0–0 Lg7 7.d4 0–0 8.Ld2 e6 9.Tc1 Sbd7 10.Db3 Se4 11.Tfd1 f5 12.Le1 Kh8 13.Lf1 g5 14.Sd2 g4 15.Se2 Sdf6 16.Sxe4 Sxe4 17.Sf4 Tf6 18.cxd5 exd5 19.f3 gxf3 20.gxf3 Sg5 21.Lg2 Th6 22.Lg3 De7 23.Tf1 Le6 24.Tce1 Tg8 25.Dd3 Lc8 26.Kf2 Df7 27.Th1 Se6 28.Teg1 Sxf4 29.Lxf4 Tg6 30.Lf1 Lf6 31.Txg6 Dxg6 32.Da3 Dg7 33.Dd6 Td8 34.Db4 Tg8 35.a4 h6 36.b3 Kh7 37.Dd2 De7 38.Dc2 Lg5 39.Lxg5 Dxg5 40.Dd3 Kh8 41.Dc3 f4 42.exf4 Dh4+ 43.Ke3 Te8+ 44.Kd2 Dxf4+ 45.Kc2 Te3 46.Da5 Lf5+ 47.Kb2 Dxd4+ 48.Ka2

Schach-Kombination

Zum Matt führt 48.…Lb1+ 49.Kxb1 Dd1+ 50.Ka2 Dxb3+ 51.Ka1 Dd1+ 52.Ka2 Dc2+ 53.Ka1 Ta3 matt. 48.…Te1? 49.Dxe1 Lg6 50.Da1 Malachow hatte wohl seinen König auf h8 aus den Augen verloren und spielte den nun regelwidrigen Zug …Dd4-d2+. Auf dem Foto deutet Tomaschewskis die Fesselung auf der Diagonale an. 1:0

Tomaschewskis Freunde sprangen aus den Sitzen und skandierten: „Jewgeni ist der Größte, Jewgeni ist der Größte“. Der neue Champion des alten Kontinents vergrub den Kopf erneut zwischen den Händen, diesmal vor schierem Glück. Unfassbar für ihn diese Wendungen der Schachgöttin. Er stand auf und wollte nach links entschwinden, wechselte nach rechts, links zurück, rechts zurück. Wendete sich an seinen Kontrahenten, um Trost zu spenden, als beide von den Schiedsrichtern zum Unterzeichnen des Protokolls gebeten wurden. Am Ausgang einige Wort mit dem Dritten, Baadur Jobava; Bekannte und Unbekannte gratulierten. In der Hotel-Lobby umringten ihn die Freunde und ich konnte erstmals einige Fragen stellen.

Wie liefen die beiden letzten Partien? Wie fühlte man sich in dieser Dramatik? „Es war absolutes Glück“, wiederholte er mehrfach. Und woher kam die Energie nach der Zeitüberschreitung in der zweiten Schnellschachpartie? Ich verstand nur Teile seiner Antwort, denn er war zu erregt, um richtig zu sprechen: „Ich stand komplett auf Verlust … Ich konnte nach dem Schock davor nicht mehr spielen; es war ein so einfaches Remis, und dann brach die Welt für mich zusammen – Zeitüberschreitung! … Ich hatte die Zeit einfach vergessen … am Ende dieses Glück.“ Er war außer Atem. Dann zogen ihn seine Bewunderer weg.

Im Organisationsraum traf ich Alexander Chalifman, der sich nach dem Transfer zum Flughafen erkundigte. Was ist Ihre Meinung zur Zeitüberschreitung, einfach Unerfahrenheit? „Nein, nein, das hat nichts mit Unerfahrenheit zu tun“, meinte der Exweltmeister. „Das kann jedem passieren. Es ist die Anspannung im entscheidenden Moment; man konzentriert sich auf das Brett, und die Zeit befindet sich plötzlich in einer komplett anderen Dimension.“ Überrascht Sie der Sieg Tomaschewskis? „Man kann nicht sagen, dass es ein überlegener Gewinn war. Am Ende hatten ja elf Spieler die gleiche Punktzahl. Dennoch glaube ich, dass er den Gewinn verdient hat, da sein Spiel von großer Ernsthaftigkeit geprägt war, und Stichkämpfe sind stets ein wilder Dschungel. Man konnte sehen, dass er gute Nerven hat.“
 
Auszug aus
"Dramatischer Ausgang der Europameisterschaft – Spektakuläre Blitzpartie entscheidet das Titelmatch"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 4/2009

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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