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Wijk aan Zee


Wijk aan Zee
Foto: T. MacGowran

Schachvolk wohin das Auge reicht. Dieses Mal sollen es weit über eintausend Schachfreunde gewesen sein, die an den verschiedenen kurzen und langen Turnieren teilgenommen haben.

… (an den vielen kleinen Amateurwettbewerben nehmen in der Regel über eintausend Schachfreunde teil), und in Hinsicht auf die Stärke der Profiturniere kann sich mit dem Corus-Schachfestival (benannt nach dem Sponsor, einem multinationalen Stahlunternehmen) niemand ernsthaft messen. Zwar liegt der Elo-Durchschnitt bei einigen wenigen Turnieren (z. B. Linares, Sofia, Bilbao) ein paar Pünktchen über dem in Wijk, doch dies sind alles kleine Veranstaltungen mit sechs oder acht Protagonisten, in Wijk werden drei Großmeisterturniere mit insgesamt 42 Teilnehmern ausgetragen.

Und noch etwas Gravierendes sichert den Vorsprung der holländischen Spitzenveranstaltung auf der Attraktivitäts-Skala. Während bei den Miniturnieren à la Sofia alle (sechs) Teilnehmer auch in einem Wohnzimmer Platz genug hätten, wird in Wijk eine große Halle benötigt, wo das Schachvolk zusammen mit den Großmeistern unter einem Dach spielt, alle die gleiche Luft atmen und wo die Amateure den Profis über die Schulter schauen können. Nicht ganz wörtlich, eine Brüstung verhindert, dass der nahe Kontakt zu einem körperlichen wird, aber immerhin entsteht auf diese Weise das Gefühl einer gemeinsamen Teilnahme, während bei vielen anderen Veranstaltungen die Trennung „Die-da-oben-wir-da-unten“ gepflegt wird.

Dass diese Superveranstaltung in den traditionell schachfreundlichen Niederlanden ausgetragen wird, überrascht niemanden, eher wundert sich der erstmalige Besucher, wieso nicht die Weltstadt Amsterdam, sondern ein kleiner Küstenort schon seit 71 Jahren so viele und so gute Schachspieler zu Gast hat. Die Antwort gibt die typische Kulisse bei einem Blick landeinwärts: Ein gewaltiger Industriekomplex qualmt da gen Himmel, heutzutage weniger dunkel als noch vor Jahrzehnten, und dieser heißt (bzw. hieß) Hoogovens. Der holländische Stahlkocher sponserte diese bedeutende Schachveranstaltung 61 Jahre lang, sogar in den mageren Kriegs- und Nachkriegszeiten. Seit dieser Zeit gilt übrigens die Tradition, beim Schlussbankett des Turniers Erbsensuppe (und sonst nichts) zu servieren, so wie sie schon 1940 Max Euwe als erster prominenter Teilnehmer und in den Jahren darauf zehn weitere Weltmeister bzw. Exweltmeister (sowie eine dreistellige Anzahl von Großmeistern) löffelten, Seite an Seite mit vielen Amateurspielern.

Im September 1999 fusionierten zwei Großunternehmen, British Steel und Hoogovens, zu einem neuen Giganten der Stahlbranche namens Corus, dem Sponsor und Namensgeber der neueren Austragungen. Die 62. Austragung im Januar 2000 war zugleich die erste für den Corus-Konzern, der inzwischen im Zuge der Globalisierung zur indischen Gruppe Tata Steel gehört, was sich jedoch auf das Sponsoring des Schachfestivals nicht weiter auswirkte.

[…]

Die Abwesenheit der genannten Stars hatte aber auch etwas Gutes, denn in den ersten sieben Runden bis zum Redaktionsschluss kristallisierte sich niemand als bevorstehender Sieger heraus. Man kann höchstens erfolgreich darauf tippen, wer nicht gewinnen wird, zum Beispiel Morosewitsch (die Nummer 3 der Setzliste), der bereits vier Niederlagen kassierte, oder Iwantschuk (drei Nullen für die nominelle Nummer 2). Bei Carlsen weiß man es nicht so genau, aber sieben Remisen in den ersten sieben Runden lassen eine gehörige Ladehemmung vermuten, er spielte in der letzten Zeit (zu) viel und bräuchte allmählich eine kreative Pause. Nach der Halbzeit (sieben der 13 Runden) führten Karjakin und Movsesian mit je 4,5, vor Aronian, Dominguez und Radjabov mit 4 und einem ganzen Pulk mit je 3,5 Punkten. Kurzum, alles kann passieren, lassen wir uns überraschen und schauen uns nun die besten Partien der ersten Turnierhälfte an.

Sizilianisch B 48
S. Karjakin – A. Morosewitsch
Corus A (1), Wijk aan Zee 2009
1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sc6 5. Sc3 Dc7 6. Le3 a6 7. Dd2 Sf6 8. 0–0–0


Schach-Kombination

Irgendwann in den 80er Jahren setzte der große Boom des weißen Aufbaus mit Le3, Dd2 und 0–0–0 ein, zunächst in anderen Varianten von Sizilianisch (insbesondere in der Najdorf-Variante, mit …d6/…a6), später wurde dieser, aus englischen Schachkreisen stammende Aufbau (deshalb „englischer Angriff“) auch auf die Varianten mit …e6 ausgedehnt. Hierbei muss Weiß zwei gegnerische Möglichkeiten beachten bzw. zwei Gegenmittel kennen:

Die eine Möglichkeit ist die Fesselung 8…Lb4 (droht …Sxe4) 9. f3 Se5, mit der Absicht …Lxc3 und Entwertung der weißen Bauernstellung. Aus diesem Grund ließen Weißspieler früherer Generationen auch die Finger von dem weißen Aufbau, bis Anfang dieses Jahrhunderts Kasparow und Anand einfach ungerührt 10. Sb3 spielten. Wenn Schwarz nicht sofort auf c3 schlägt, spielt Weiß Ld4, deckt c3, lässt a3 folgen und wirft die schwarzen Kräfte zurück. Und falls 10. …Lxc3, so 11. bxc3 d5 (11. …b6 12. Dd6!) 12. Ld4 0–0 (12. …dxe4?? 13. Lxe5 mit Figurengewinn, da 13. …Dxe5 an 14. Dd8 matt scheitert) 13. Dg5 Sfd7 14. exd5 exd5, und allmählich wird klar, dass der weiße Doppelbauer keine Rolle spielt, die weißen Figuren stehen gut.

Die zweite Möglichkeit für Schwarz ist der Standardausfall 8. …Sg4, der Beginn einer Variante, die man besser kennen sollte, da sie nicht mit reiner Logik am Brett irgendwie entwickelt werden kann. Zeitweise hängen gleich mehrere Figuren: 9. Lf4! e5 10. Sd5 Dd8 11. h3! Sf6 (11. …Sh6 12. Sxc6 bxc6 13. Lg5 f6 14. Sxf6+ gxf6 15. Lxh6 mit klarem Vorteil für Weiß.) 12. Sxf6+ Dxf6 13. Lg5 Dd6 14. Sf5, und angesichts der schwarzen Felderschwächen auf der d-Linie steht Weiß besser.

Nachdem diese Erkenntnisse in den Profikreisen zum Allgemeingut geworden waren, verschwanden die Anrempelungen 8. …Sg4 und 8. …Lb4 fast vollständig aus der Turnierpraxis. 8. …Le7 9. f3 0–0 10. g4 b5 11. g5 Se8 12. h4 Se5

Schach-Kombination

Morosewitsch konnte mit dieser Stellung bereits gute Erfahrungen sammeln. In Sarajewo 2008 legte Dominguez los mit 13. h5 Lb7 14. g6, aber Morosewitsch spielte cool 14. …Tc8 15. Kb1 b4 16. Sa4, und konterte dann 16. …Sxf3! 17. Sxf3 Lxe4 mit Doppelangriff auf f3 und c2. Nach den weiteren Zügen 18. Sb6 Lxf3 19. Sxc8 Dxc8 20. Dxd7 Dxd7 21. Txd7 Lxh1 22. gxh7+ Kxh7 23. Ld3+ Kg8 24. Txe7 Sf6 ergab sich eine unklare Stellung, in der die Zeitnot geplagten Kontrahenten lieber schnell remis machten. Karjakin hatte sich diese Partie genau angeschaut und eine Schwachstelle in Morosewitschs Konzept entdeckt. 13. Kb1 Lb7 14. h5 Tc8 15. Dg2! Eine deutliche Verbesserung der vorher zitierten Partien. Die weiße Dame steht auf der g-Linie ideal, sie deckt f3, so dass taktische Tricks mit …Sxf3 nicht mehr aufgehen, und sie kann mitunter dort bei tollen Kombinationen mitwirken. 15. …b4 16. Sa4 Weiß droht g5-g6 mit Öffnung der Linien am Königsflügel. Morosewitsch fand zunächst den noch besten Plan: 16. …f5 17. gxf6 Sxf6 18. Ld3 Tf7 19. b3 Tcf8 20. Tdg1 Se8 21. Th3 Lf6 Jetzt ist der Punkt g7 gesichert. Schwarz hätte jedoch nach dem nächsten Zug 22. Sb2 sofort auf d3 schlagen müssen. Sicherlich wäre die aktive weiße Stellung auch danach leichter zu spielen gewesen, aber der Ausgang der Partie wäre offen geblieben. Morosewitsch unterschätzte womöglich die Wirkung, die der Ld3 noch entfalten wird. 22. …Sc6? 23. Sxc6 Dxc6 24. Sc4 Droht e4-e5. Falls 24…d6, so trotzdem 25. e5! Lxe5 26. h6 g6 27. Lxg6 hxg6 28. Dxg6+ Kh8 29. Dg7+! (die Pointe) 29. …Txg7 30. hxg7+ Kg8 31. Th8+ Kf7 32. gxf8D matt 24. …d5 25. exd5 exd5

Schach-Kombination

26. h6!! – 1:0

Ein Zug mit der Wucht einer Abrissbirne. Die so sicher wirkende schwarze Königsstellung wird nun auseinanderbrechen:

Nach der Annahme des Springeropfers 26. …dxc4 folgt 27. Lxh7+ Kh8 (…Kxh7 28. hxg7+ und Matt) 28. hxg7+ Txg7 29. Le4+ Kg8 30. Lxc6, und Weiß gewinnt mindestens einen Turm.

Die g-Linie zu versperren, gelingt nicht: 26. …g6 27. Lxg6 hxg6 28. Dxg6+ Lg7 29. Dh7+!! nebst Matt. Diese Kombination erinnert an die aus der Partie Bacrot-Leko, vgl. Seiten 14-15.
 
Auszug aus
"Stelldichein der Stars, Treffpunkt der Amateure – Corus-Schachfestival in Wijk aan Zee hat begonnen"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 2/2009

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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