Schach Magazin
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Marienbad


Marienbad
Foto: Veranstalter

Nostalgie pur beim Veteranenteam, das sich bei der Eröffnung im Stil der 30er Jahre ablichten ließ (v. l.): Anatoli Karpow, Wolfgang Uhlmann, Vlastimil Hort und Fridrik Olafsson

… wurde diese Tradition in einem etwas kleineren, aber sehr schönen Rahmen wiederbelebt. Als Austragungsort fanden die Ausrichter um den Organisator Pavel Matocha das vozüglich geeignete Hotel Cristal Palace im schönen westtschechischen Kurort Marienbad, gesponsert wurde das Ereignis von dem offenbar schachfreundlichen Energiekonzern Czech Coal, der u. a. im Vorjahr ein GM-Turnier in Karlsbad finanzierte.

Die Veteranen traten mit dem früheren Weltmeister Anatoli Karpow (Russland, Jahrgang 1951), sowie den WM-Kandidaten Vlastimil Hort (Deutschland, 1944), Fridrik Olafsson (Island, 1935) und Wolfgang Uhlmann (Deutschland, 1935) an. Die jungen Damen wurden von Viktorija Cmylite (Litauen), Anna Uschenina (Ukraine) sowie den Tschechinnen Jana Jackova und Katerina Nemcova repräsentiert.

Zwei der Teilnehmer verknüpfen besonderen Erinnerungen mit Marienbad: 1960 sollte das Zonenturnier in den Niederlanden ausgeragen werden. Doch es war die Zeit des Kalten Krieges, und der DDR-Vertreter, Wolfgang Uhlmann, erhielt kein Visum für die Einreise, woraufhin auch die Qualifizierten aus fünf weiteren Ostblockstaaten ihre Teilnahme absagten. Dieses stark dezimierte Zonenturnier wurde dann von Fridrik Olafsson gewonnen. Bei dem kurze Zeit später abgehaltenen Kongress des Weltschachbunds FIDE wurde beschlossen, das Zonenturnier von Berg en Dal zu annullieren und im Sommer 1961 erneut auszutragen, und zwar in Marienbad, diesmal mit Uhlmann und allen Spielern, die zuvor abgesagt hatten. Das nunmehr erheblich stärker besetzte Zonenturnier wurde erneut von Olafsson gewonnen. „Und so bin ich wohl der einzige Spieler, der jemals das gleiche Turnier zweimal gewonnen hat“, kommentierte der Isländer anno 2008 am selben Ort, wo er 47 Jahre zuvor eines seiner besten Ergebnisse erzielte. Aber auch Uhlmann erinnert sich gerne an Marienbad, schließlich konnte er sich damals als Dritter für eine weitere Etappe im WM-Zyklus qualifizieren.

Diesmal aber spielten diese Herren nicht gegeneinander, sondern zusammen in einer Mannschaft gegen die jungen Damen. Das Match wurde als „klassischer Scheveninger“ ausgetragen, sprich, jedes Mitglied des einen Teams spielte gegen jedes des anderen Teams mit Farbwechsel je zwei Partien. Es gab also acht Runden und am Ende standen die Veteranen mit 17,5:14,5 als Sieger fest.

Ergebnisse

Vlastimil Hort (Elo 2478) 6,5
Anatoli Karpow (2651) 5,5
Viktorija Cmilyte (2512) 4,5
Jana Jackova (2360) 4,0
Anna Uschenina (2496) 4,0
Fridrik Olafsson (2440) 3,5
Katerina Nemcova (2369) 2,0
Wolfgang Uhlmann (2417) 2,0


Das Ereignis des Turniers war zweifellos der Sieg der 26-jährigen Tschechin Jana Jackova gegen Exweltmeister Anatoli Karpow. Einen um fast 300 Elopunkte stärkeren Gegner in einer Turnierpartie zu bezwingen, ist für sich genommen bereits von Seltenheitswert, die Art wie das geschah, war einfach überwältigend.

Sizilianisch B 43
J. Jackova – A. Karpow
Marienbad, 1. Runde

1. e4 c5 In den letzten zehn Jahre verteidigte sich Karpow mit den schwarzen Steinen gegen 1. e4 in insgesamt 144 Partien, und in 139 vertraute er entweder auf 1. …e5 oder auf Caro-Kann. Sizilianisch verteidigte er sich in nur vier Fällen und auch das nur im Schnellschach. Ebenso wie viele der alten Kämpen hat auch der Exweltmeister keine Lust, sich von den Theorie-beflissenen Jungprofis irgendeine Computeranalyse vorführen zu lassen. In Marienbad wich er von diesem Grundsatz ab. Anscheinend hielt er die junge tschechische Großmeisterin für nicht so gefährlich. Er sollte sich irren … 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 a6 5. Sc3 Dc7 6. Ld3 Sf6 7. 0–0 Ld6 8. f4 Lc5 Erfahrene Spieler locken damit weniger Erfahrene aufs Glatteis. 9. Le3 Db6 10. Sa4 sieht nahe liegend aus, aber nach 10. …Lxd4! 11. Sxb6 Lxe3+ 12. Kh1 Lxb6 entsteht ein, den Routiniers vertrauter Stellungstyp, in dem die weiße Dame – die bei vollem Brett keine Ziele findet – mit den drei gegnerischen Leichtfiguren in der Regel nicht fertig wird. 9. Sce2 Sc6 10. c3 d6 11. Kh1 Ld7 Der anwesende Meister Michail Podgajez, Karpows Freund seit Kindesbeinen und Sekundant in der großen Zeit des früheren Weltmeisters, kritisierte diesen Zug und meinte, dieser Läufer gehöre auf die lange Diagonale, also nach b7. Karpow selbst hielt in der nachträglichen Analyse eher seinen übernächsten Zug für verbesserungswürdig. 12. De1 0–0 13. Dh4

Schach-Kombination

13…Tfe8?! Vorzuziehen war sofort 13. …d5 (Karpow) 14. e5 Se4 15. Le3 (Das hyperscharfe 15. f5?! ergibt gutes Spiel für Schwarz nach den weiteren Zügen 15. …exf5 16. Sxf5 Dxe5 17. Seg3 Le7.) 15. …Sxd4 16. cxd4 Lb5!! Tja, der Mann war früher ja mal Weltmeister … 17. Lxb5 Le7 18. Dg4 axb5 19. f5 exf5 20. Txf5 Dd7 nebst …g6. 14. Sf3 e5 Die Konsequenz von …Tfe8. Auf 15. f5 folgt …d5. 15. b4 Lb6 16. fxe5 dxe5 17. Sg5 h6 17. …Dd6 lässt 18. Sg3! zu, drohend Sf5. Falls 18. …Dxd3, so 19. Txf6! 18. Txf6 Die nachträgliche Analyse belegte die Stärke des Opfers 18. Sxf7!, aber der Turmeinschlag auf f6 führt in der Folge zu einem schönen Abschluss. 18. …hxg5 Nach 18. …gxf6 kommt 19. Sf3 mit starkem Druckspiel in Betracht, dagegen ergibt 19. Dxh6 fxg5 20. Dxg5+ „nur“ ein Remis. Nun ja, nicht das schlechteste Ergebnis gegen einen Karpow … Jackova spielte Txf6 mit der Intention, mit Remis in der Tasche nach eventuellen anderen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Und Karpow wollte zu diesem Zeitpunkt noch kein Remis, also verzichtete er auf das Schlagen auf f6. 19. Lxg5 Gut, den Turm darf man nicht schlagen, und es droht 20. Txf7, mit der Idee …Kxf7 21. Dh7! nebst 22. Tf1+. 19. …Le6

Schach-Kombination

20. Sf4!! Das vorherige Opfer auf f6 hatte so ziemlich jeder im fachkundigen Publikum gesehen (und mancher mit dem erwähnten Dauerschach gerechnet, was an sich schon eine Sensation darstellt), jetzt aber gerieten die Beobachter aus dem Häuschen. Dieser Riesenzug hebt die schwarze Stellung tatsächlich aus den Angeln:

a) 20…exf4 21. e5 (droht Txe6 nebst Dh7+ und aus) 21. …Se7 22. Dh7+ Kf8 23. Dh8+ Sg8 24. Lh7 Ke7 25. Td1 (versperrt dem König die Flucht über die d-Linie) 25. …Dxe5 (was sonst?) 26. Tg6+ Dxg5 27. Txg5 mit entscheidendem Materialvorteil.

b) 20…Sxb4 ist die Computerverteidigung. Aber auch sie reicht nicht aus: 21. cxb4 Dc3 22. Sh5!! Dxa1+ 23. Tf1 Dd4 24. Sf6+ Kf8 25. Sg4 (droht Dh8 matt) 25. …Kg8 26. Sh6+ Kf8 27. Sxf7! mit Gewinn.

20. …Se7 21. Sd5 Dd7 Nach …Lxd5 22. exd5 droht Dh7+. 22. Th6! Sg6 und gleichzeitig, wegen 23. Sf6+ mit Damengewinn oder Matt 1:0
 
Auszug aus
"Ein bemerkenswertes Match – Berühmte Veteranen traten gegen ein Großmeisterinnen-Quartett an"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 1/2009

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spieler der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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