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Foto: C.Rogers

Weltmeister 2008: Viswanathan Anand

… Kramnik kämpfte tapfer weiter und konnte den Rückstand um einen Zähler verringern, ohne jedoch an dem Ausgang des Wettbewerbs etwas ändern zu können. Nach 11 Spielen war das Unternehmen Titelverteidigung für Anand erfolgreich beendet.

Es war ein Duell, auf das die Welt seit langem gewartet hat. Der amtierende Weltmeister und Weltranglistenerste gegen den Bezwinger von Kasparow und Topalov. Zwar konnte sich Anand bei der letzten Weltmeisterschaft (2007 in Mexiko City) vor Kramnik durchsetzen, doch das war eben ein Rundenturnier mit sechs weiteren Beteiligten. Dies schmälert Anands Triumph keineswegs, doch die rund 120 Jahre währende Geschichte der Schachweltmeisterschaften ist untrennbar mit Zweikämpfen verbunden. Da kann man noch so viel davon reden, dass Rundenturniere dem neuzeitlichen Geist eher entsprechen (mag sein) und mehr hochklassige Partien mit sich bringen (ganz sicher), aber in der Krone des Schachkönigs – die Anand erstmalig 2000 in einem Wettbewerb nach K.-o.-System, dann erneut 2007 in einem klassischen Rundenturnier erringen konnte – fehlte noch ein Juwel, und das hat er sich jetzt geholt.

Von Experten wurde Kramnik als leichter Favorit angesehen, denn in den bisherigen 51 untereinander ausgetra-genen Partien lag der Russe leicht im Plus (26,5:24,5). Selbst Kasparow, nicht unbedingt ein großer Fan von Kram-nik, sah vor dem Match seinen Landsmann als leichten Favoriten an. Das „Schachvolk“ aber erwartete in einer Inter-netabstimmung auf der Veranstalter-Homepage www.uep-chess.com (mit über 7 000 Stimmen) im Verhältnis von 64:36 den Sieg des Titelverteidigers. Wie inzwischen bekannt ist, behielten die Amateure mehrheitlich Recht.

Zu seinem Sieg äußert sich Anand im Anschluss dieses Artikels selbst, dann noch in einem ausführlicheren Inter-view auf den Seiten 48-49. Lassen wir zunächst die Partien des Matches Revue passieren.



3. Matchpartie Damengambit D 49 W. Kramnik – V. Anand Bonn, 17. 10. 2008

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 e6 5. e3 Sbd7 6. Ld3 dxc4 7. Lxc4 b5 8. Ld3 a6 Im Vorjahr spielte Anand gegen Kramnik 8. …Lb7. 9. e4 c5 10. e5 cxd4 11. Sxb5 axb5 12. exf6 gxf6 13. 0–0 Db6 14. De2 Lb7!? „Eine Neuerung, zumindest für mich.“ (K) Es ist keine Neuerung, aber eine wenig beachtete Idee aus einigen Amateurpartien. Bislang wurde bevorzugt 14. …b4 und 14. …La6 gespielt. 15. Lxb5 Ld6

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Für den nächsten Zug verbrauchte Kramnik eine halbe Stunde Bedenkzeit. Es gab einiges zu rechnen, da er sich auf für ihn weniger bekanntem Terrain bewegte. Interessant ist z. B. der Computervorschlag 16. Sxd4!? Dxd4 (spielbar ist auch 16. …Tg3 17. g3) 17. Td1, der aber gut mit 17. …Lxh2+ beantwortet werden kann (Nach 17. …Dc5 18. Le3 Dc7 19. Tac1 Db8 20. Lxd7+ Kxd7 21. Db5+ mit Gewinn zeigt sich, dass das Springeropfer auf d4 nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf.) 18. Kxh2 Dh4+ 19. Kg1 Lxg2!, und Schwarz hat mindestens remis: 20. Lxd7+ Ke7 21. Kxg2 Thg8+ 22. Kf3 Dh5+ 23. Ke3 Dc5+ 24. Kf3 (24. Kd2 Tad8 kann für Weiß auch schief gehen) 24. …Dh5+ 25. Ke3 Dc5+ mit Zugwiederholung. 16. Td1 Tg8 17. g3 Es gab einen Vorläufer, Partie D’Israel-Gerbelli (Americana 2000), dort zog Schwarz 17. g3 Lc5? und kam nach 18. b4 unter die Räder: 18. …Lxb4 19. Sxd4 Ld5 20. Tb1 Dc5 21. Le3 Txa2 22. Dd3 Ta3 23. Dxh7 Tf8 24. Sxe6 – 1:0. 17. …Tg4! 18. Lf4!! Auch dieser starke Zug kostete Kramnik eine halbe Stunde, deshalb wurde gegen Ende die Zeit für ihn knapp. Internet-Kiebitze schrien nach 18. Sd2, weil ihre Computer dies anzeigten (nicht jeder gibt das zu …), doch nach einigen Minuten meldeten die schnellsten Rechner auch die Widerlegung: 18. …Ke7!! 19. Lxd7 (19. Dxg4 Dxb5 mit exzellentem Spiel auf den weißen Diagonalen) 19. …Tag8!!, und bald knallt es auf g3, z. B. 20. Lb5 d3 21. Dxd3 (21. Lxd3 Lxg3!) 21. …Txg3+ 22. hxg3 Txg3+ 23. Kf1 Txd3 24. Lxd3 Dd4, und die schwarze Dame, evtl. auch der schnell vorrückende h-Bauer, sorgen für Ärger. „Ich fand keine Widerlegung von Anands Neuerung und spielte eben unternehmungslustig. Mir gefiel meine Stellung.“ (K) 18. …Lxf4 „Ich habe mich lange mit 18. …Txf4 19. gxf4 Ke7 beschäftigt, aber nach 20. Sh4! stehe ich, glaube ich, besser.“ (K)

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19. Sxd4! Am Ende der wilden Variante 19. Txd4 Kf8! 20. Lxd7 21. Tad1 Txd7! 22. Txd7 Lxg3! 23. hxg3 Txg3+ 24. Kh2 Lxf3 25. Dc2 Tg2+ 26. Kh3 Lc6 hat Schwarz nichts zu befürchten, z. B. 27. T7d6 (27. Dxh7? verliert nach 27. …Th2+!!) 27. …Txf2 28. Td8+ (28. Dxc6?? De3+ und Matt) 28. …Ke7 29. Dd3 Th2+ 30. Kxh2 Df2+ 31. Kh3 Dg2+ 32. Kh4 Dg5+ 33. Kh3 Dg2+ remis. 19. …h5 „Ich habe praktisch jeden legalen Zug überprüft“, begründete Anand sein 40-minütiges Nachdenken, „und ich kam zu dem Schluss, es sei nützlich, den Bauern auf h5 zu haben.“ 20. Sxe6! Das andere Opfer, 20. Lxd7+ Kxd7 21. Sxe6+ Ld6 führt aus der Sicht von Weiß in eine Sackgasse. 20. …fxe6 21. Txd7 Kf8! Umgeht die Falle 21. …La6?!, was nach 22. Td6+ Dxb5 23. Dxe6+ Kf8 24. Td7 die Dame kostet. 22. Dd3 Tg7! Auch hierfür grübelt Anand lange, so dass sich die Bedenkzeitbilanz wieder angeglichen hatte; die Kontrahenten verfügten jeweils über rund 40 Minuten bis zur Zeitkontrolle. Also keine Zeitnot, aber nur wenig Zeit für eine derart verwickelte Stellung, in der es viel zu berechnen gibt, z. B. 22. …Lxg3 23. hxg3 h4 24. Dd6+ Dxd6 25. Txd6 Tb4 26. Lc6 Lxc6 27. Txc6 Txb2 28. gxh4 Ke7, was garantiert remis geworden wäre. 23. Txg7 Kxg7 24. gxf4 Td8! 25. De2 A tempo gespielt. In Betracht kam Db3. 25. …Kh6 26. Kf1 Tg8

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„Ich plante zuvor 27. f5, verwarf es aber wegen 27. …Lg2+ 28. Ke1 und 28. …Lh3. Ich wusste nicht, wie das jetzt für Weiß funktionieren soll.“ (K) Kramniks Intuition hat ihn nicht getrogen, auch wenn er die falsche Variante befürchtete, 28. …Lh3 ist nichts wegen 29. Td1!, aber 28. …Lc6!! hebt die weiße Stellung aus den Angeln: 29. Dd2+ Kh7! 30. Lxc6 Dxc6, und der weiße König kommt nicht zur Ruhe. Nach 31. Ke2 Db5+ 32. Kf3 Tg4 33. Te1 Dc6+ 34. Ke2 Dc4+ 35. Kf3 Td4! 36. Dxd4 Dxd4 37. fxe6 Dg4+ 38. Ke3 Dxe6+ gewinnt Schwarz leicht.

27. a4! Lg2+ 28. Ke1 Lh3! 29. Ta3? „Das ist vielleicht der entscheidender Fehler“, klagte Kramnik, „ich erwog auch 29. Td1 und weiß nicht, was daran verkehrt ist.“ Nach 29. Td1! hätte Anand 29. …Tg1+ spielen müssen (Das Endspiel nach 29. …Lg4 30. De3 Dxe3+ 31. fxe3 Lxd1 32. Kxd1 Tg2 33. Kc1! Txh2 34. Lc6! bietet dagegen eher dem Anziehenden Chancen) und weiter 30. Kd2 Tg2 31. De3 Txf2+ 32. Le2 Da5+ 33. Dc3 Df5 34. Db4! nebst Df8+ und Dauerschach. 29. …Tg1+ 30. Kd2 Dd4+ 31. Kc2 Lg4!? „Nach 29. Ta3 habe ich keinen forcierten Gewinn entdecken können, und ich habe mich wirklich sehr bemüht, falls 31. …Lf5+, so 32. Kb3 Tc1 33. a5! Tc2 34. Dxc2 Lxc2+ 35. Kxc2 Dc5+ 36. Kb1 Dxb5 37. a6!, und so beschloss ich, zuerst …Lg4 zu spielen.“ (A) 32. f3 „Nach 32. Td3!? Lf5 33. Kb3 habe ich die Qualität weniger, aber gute Remischancen“, meinte Kramnik. Die Stellung nach 33. …Lxd3 34. Lxd3 Dxf4 35. Dxe6 Dxf2 wird nicht leicht zu verteidigen sein, sie ist für Schwarz aber auch nicht leicht zu gewinnen. 32. …Lf5+

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33. Ld3?! In Zeitnot unterläuft Kramnik der entscheidende Fehler. Notwendig war 33. Kb3! Kramnik befürchtete dann 33. …Tc1 34. a5 e5!?, aber Anand vertrat die Meinung, dass 35. Ta4! die Stellung hält. „35. …Dc5 ist schwierig für Weiß, aber ich bin mir nicht sicher, ob es für mich einen forcierten Gewinn gibt.“ In der Tat, 36. Lc4! hält die Stellung. Anand verriet, er hätte wohl 34. …Tc2 gespielt. Auch 34. …Dd5+! sei ihm in den Sinn gekommen, berichtete er, was wohl die beste Lösung gewesen wäre. Weiter könnte folgen 35. Lc4 Db7+ 36. Lb5 (36. Ka4 Tc2 mit Vorteil für Schwarz.) 36. …Tc2!! 37. a6 Db6 38. Df1 De3+ 39. Ka2 Dd2! 40. Da1 (Oder 40. Tb3 Tc1! mit Damenfang) 40. …Dd5+ 41. Tb3, und jetzt, nach überstandener Zeitkontrolle, hätte Anand bestimmt 41. …Tc5!! gefunden, was den Kampf beendet hätte. 33. …Lh3 Einfacher war 33. …Lxd3+ 34. Txd3 (34. Dxd3 Tg2+) 34. …Dc4+ mit Damengewinn oder 35. Kd2 Dc1 matt 34. a5 Tg2 35. a6 Txe2+ 36. Lxe2 Lf5+ 37. Kb3 De3+ 38. Ka2 Dxe2 39. a7 Dc4+ 40. Ka1 Df1+ 41. Ka2 Lb1+ 0:1
 
Auszug aus
"Chennai-Express in Bonn – Anand verteidigt im Eiltempo den WM-Titel"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 11/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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