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Kallithea


Kallithea
Foto: V.Nagel

Ein Großteil des Siegerteams von Ural Swerdlowskaja (v.l.): Alexej Drejew, Teimur Radjabov, Alexander Grischuk, Wladimir Malachow, Gata Kamsky mit Kapitän Raschkowski. Auf dem Bild fehlen Alexej Shirov und Alexander Motylew.

… (der drei) deutschen Vertreter, SV Mülheim Nord, nach Mannschaftspunkten gleichziehen und aufgrund der Brettpunkte den diesjährigen Europapokal der Vereinsmannschaften gewinnen konnte. Auf die Schlüsselpartie des Turniers werden wir gleich näher eingehen, vorab einige Informationen zur Veranstaltung.

Der European Club Cup (Europäische Pokal für Vereinsmannschaften) – so der offizielle Name, gemeinhin ist vom Europacup die Rede – wird zu Recht als die (nach der Schacholympiade) zweitstärkste Schachveranstaltung der Welt bezeichnet. Konkrete Zahlen von der diesjährigen Auflage untermauern diese Einschätzung. So war beispielsweise der frühere Europameister Bartolomiej Macieja, ein Spieler mit einer Elozahl von immerhin 2600, nur die Nummer 79 der Spielerrangliste, ein Spieler mit Elo 2703 (Gashimov) kam auf Rang 22!

Wie bei der Olympiade spielen auch beim Europacup Sechsermannschaften, pro Team können zwei Ersatzspieler gemeldet werden; an dem parallel ausgetragenen Frauenwettbewerb nehmen Viererteams mit zwei Ersatzspielerinnen teil.

Das Feld setzt sich zusammen aus den jeweiligen Mannschaftsmeistern der europäischen Länder, die eine nationale Mannschaftsmeisterschaft durchführen, qualifiziert sind zudem zwei weitere Mannschaften pro Land. Besonders starke Schachländer, wo in der höchsten Liga mindestens 20 Großmeister mitspielen bzw. 20 Spieler mit einer Elozahl über 2600 (dies trifft auf Russland, Deutschland, Frankreich und Spanien zu) dürfen neben dem Meisterteam je drei Vereinsvertretungen entsenden. Schachverbände, die keine eigene Liga ausrichten (z. B. Andorra, Monaco, Wales) können mit einer Mannschaft teilnehmen.

Gespielt werden sieben Runden Schweizer System. Die Tabelle wird analog der Bundesliga nach den erzielten Mannschaftspunkten geordnet; bei (oft vorkommender) Punktgleichheit entscheidet die Ausbeute an Brettpunkten.

Die diesjährige Auflage wurde vom 17. bis zum 23. Oktober im nordgriechischen Kallithea ausgetragen. Im Frau-enwettbewerb spielten nur 18 Teams mit, in der viel stärkeren allgemeinen Klasse 64 Mannschaften. Mit dem letzteren, erheblich größeren und um Längen stärker besetzten Turnier beginnen wir unseren Bericht; mehr über den Frauen-Cup steht auf Seite 16.

Der Verlauf des Turniers bis hin zur entscheidenden Schlussrunde ist schnell erzählt. Der OSG Baden-Baden, der zwar nicht in Bestbesetzung antreten konnte, da Anand wegen seines WM-Matches unabkömmlich war, und Carlsen sowie Shirov anderen Vereinen den Vorzug gaben (das alte Problem mit der erlaubten Mehrfachspielberechtigung), war dennoch stark besetzt und hoch motiviert. In den ersten fünf Runden lief alles nach Plan und das Team gewann alle Matches. In der sechsten Runde verbuchte man gegen das starke Team aus Kiew ein 3:3; sechs Remisen, wobei niemandem ein Vorwurf gemacht werden kann; mehr war einfach nicht drin. Währenddessen verbuchte das Star-Ensemble von Ural Swerdlowskaja, die Nummer 1 der Setzliste, mit fünf hohen Siegen und einem „Unfall“ (2,5:3,5) gegen Jerewan (darauf kommen wir noch zurück) 10 Mannschaftspunkte, Baden-Baden (in der Setzliste auf dem dritten Rang) hatte also einen Vorsprung und hätte bei einem Sieg in der Schlussrunde den Europacup nach Deutschland holen können. Und der Sieg war zum Greifen nah …

Gegner war Bosna Sarajevo. Das Team nahm Platz acht der Startrangliste ein, kommt aus einem kleinen Land, wird aber von einer großen Bank unterstützt und kann auf Verstärkung aus dem Ausland zurückgreifen.



Die Sichtung des großen Partiebulletins zwecks einer Partienachlese wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Eine Begegnung wollen wir Ihnen aber jetzt schon zeigen, ein nicht alltägliches taktisches Duell.

Schottisch C 45
J. Najer (TPS Saransk)
A. Naiditsch (OSG Baden-Baden)


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Sxd4 Lc5 5. Le3 Df6 6. c3 Sge7 7. Lc4 Se5 8. Le2 Dg6 9. 0–0 d6 Wie man sich schon denken kann, ist die schwarze Punktausbeute nach 9. …Dxe4 10. Sb5 Dc6 (10. …Lxe3 11. Sxc7+) 11. Lxc5 Dxc5 12. Dd4 miserabel. 10. f3 0–0 11. Kh1 d5 Karpows alte Idee, worauf in vielen Partien 12. Sd2 folgte. Najer spielte aber 12. f4 was das Spiel extrem verschärft. 12. …Dxe4 Neu ist das Opfer nicht, es kam bereits in der tschechischen Liga 2001 vor. Damals, in der Partie Movsesian-Hracek, reagierte der Anziehende vorsichtig und zog den Läufer nach g1 zurück. Er hatte dann einen Bauern weniger, aber etwas Spiel (12. …Sc4 13. Lf3). Najer kannte diese Partie und verbesserte sie mit 13. b4!? Lb6 14. Lg1

Schach-Kombination

Jetzt wird klar, was Weiß im Schilde führt. Der Läufer c5 wurde nach b6 zurückgetrieben, deckt also nicht mehr den Punkt e7. Schwarz kann folglich nicht nach dem Vorbild der oben zitierten Partie spielen, nach 14…Sc4 15. Lxc4 dxc4 16. Te1 verliert er den Springer. Natürlich kann Schwarz (wie schon einen Zug zuvor) auf d4 tauschen, aber die Stellung nach 14. …Lxd4 15. Lxd4 Sd7 16. Ld3 De6 17. Dc2 h6 18. Sd2 nebst Tae1, ggf. auch f4-f5, sieht gut aus für Weiß. Deshalb spielte Naiditsch 14. …Lh3!? was einen taktischen Trick in sich birgt: 15. Sf3 Lxg2+!! 16. Kxg2 S5g6 17. Kh1 Sxf4 18. Lxb6 axb6 19. Tf2 Sf5. Angesichts der Drohungen …Sh4 und …Tae8 dürfte Schwarz in den Verwicklungen am längeren Hebel sitzen. Najer antwortete richtig 15. Tf2 Lxd4 16. cxd4 Sg4 17. Tf3! Nicht 17. Lxg4? Lxg4 18. Dxg4 Dxd4, und Schwarz bekommt das Material mit Zinseszins zurück. 17. …Lxg2+ 18. Kxg2 Sf5 Es sieht so aus, als habe sich Najers Eröffnungsidee bewährt. Nach dem richtigen 19. Kh1! hätte Schwarz mit seinen zwei Bauern bei etwas Aktivität kaum eine völlig ausreichende Kompensation für die Figur gehabt. Najer spielte aber 19. Dd2? und Naiditsch nahm seine Chance sofort wahr: 19. …Sh4+ 20. Kg3 Dg6! Möglicherweise hat Najer nur mit 20. …Sxf3 21. Lxf3 Dg6 gerechnet, wonach 22. f5 Dxf5 23. Df4 das Spiel unklar gestaltet. 21. Kxh4 Sf6

Schach-Kombination

Kann es möglich ein, dass nur zwei angreifende Figuren den weißen König zur Strecke bringen, wo der weiße Monarch doch mehrere Figuren zur Verteidigung in Reichweite hat und der Anziehende aufgrund seines momentan großen Materialvorteils (zwei Läufer mehr!) auch ruhig etwas Material hergeben kann? Nein, der König überlebt, aber die Materialverluste werden schmerzhaft sein, und zwar in allen Varianten. Die Drohung …Dg4 matt muss abgewehrt werden, wofür 22. Tg3?? nicht taugt (…Dh6+ und Matt), also prüfen wir die zwei Varianten:

22. h3 Se4! 23. f5 (Die Rettung der Dame 23. De3? führt zum Matt: 23. …Dh6+ 24. Kg4 f5 matt) 23. …Df6+ 24. Kg4 h5+ 25. Kxh5 Sxd2 26. Sxd2 Dh6+ 27. Kg4 Dxd2. Hier hat Weiß nicht zwei Läufer mehr, sondern nur zwei Läufer gegen die Dame, schlecht steht er auch noch.

22. Th3 (22. Tg3?? Dh6+ 23. Lh5 Dxh5 matt) 22. …Se4 23. De3 Dh6+ 24. Lh5 g6 25. Kg4 gxh5+ 26. Kf3 Dg6 (droht …Dg4) 27. Th4 Sd6 nebst …Sf5. Schwarz wirft auch noch seine Türme in die Schlacht, den Damenturm stellt er nach e8, den Königsturm (nach dem vorbereitenden …Kh8) wiederum nach g8. Es sieht trübe aus für Weiß.

Najer spielte 22. Te3 Dxg1 23. Lf3 Tae8 24. Te5 Se4! 25. Lxe4 25. Dg2 Dxd4 –+ 25. …Txe5! 26. dxe5 dxe4 Die Fesselung auf der ersten Reihe verwandelt die Figuren auf b1 und a1 in ein wahres „Holzlager“. Dieses könnte im Prinzip mit Db2 nebst Sc3 geräumt werden, doch bliebe dann der weiße König ungeschützt. Schwarz würde ganz konkret so gewinnen: 27. Db2 f5 (droht …Dg4 matt) 28. Db3+ Kh8 29. h3 (Oder 29. Dg3 Db6 – drohend …Dh6 matt – 30. Kh3 Td8 nebst …Td3.) 29. …e3 30. Sc3 Df2+ 31. Kh5 g6+ 32. Kh6 Dxf4 matt. 27. a4 e3 28. De2 Te8! Es droht …Te6-h6, und falls 29. f5, so 29. …Txe5, deshalb 0:1
 
Auszug aus
"Dramatischer Ausklang des Europapokals – Ural Swerdlowskaja zieht mit viel Glück an OSG Baden-Baden vorbei"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 11/2008

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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