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Bilbao


Bilbao
Foto: E.van Reem

Hier gab es für den interessierten Zuschauer Carlsen nicht so viel zu sehen; das zweite Duell zwischen Anand und Topalov endete mit einem wenig aufregenden Remis

… So war ursprünglich beabsichtigt, die Sieger der großen Spitzenturniere zu einem Finalturnier, nämlich zu dem in Bilbao, einzuladen. Die Gewinner der Veranstaltungen in Wijk aan Zee (Aronian), Morelia/Linares (Anand) und Sofia (Iwantschuk) standen relativ früh als Teilnehmer fest. Doch dann wurde das geplante neue Superturnier in Mexiko City aus Mangel an Sponsoren abgesagt, und der Sieger des Dortmunder Turniers, der eigentlich dazugehören sollte, war, aus welchem Grund auch immer, auch nicht dabei. Also wurden kurzerhand drei weitere Spitzenspieler eingeladen, die zusammen für einen Teilnehmerdurchschnitt von 2768 Elopunkten sorgten. Das ist in der Tat der höchste je in einem Turnier erreichte, deshalb ist die Werbeaussage („stärkstes Turnier der Schachgeschichte“) nicht unwahr, dennoch kann man sich mit ihr nicht leicht anfreunden. Es waren nur sechs Spieler mit von der Partie, demnächst kommt noch jemand auf die Idee, Aronian und Radjabov rauszuschmeißen und mit den restlichen vier einen neuen Rekord aufzustellen. Manchmal ähnelt das ganze Werbetrommeln mit dem Turnierniveau einem Tanz um das Goldene Kalb, und man fragt sich: Brauchen wir das wirklich? Wen will man damit beeindrucken?

Ein ganz kleines Turnier war es, aber ein extrem starkes, keine Frage. Und bei einem solchen kann leicht das passieren, was auch passiert ist, nämlich dass der Weltmeister die Rote Laterne trägt. Zu diesem „weltmeisterlichen GAU“ gibt es Aussagen aus berufenem Munde, nämlich von Anand selbst in seinem Interview im Anschluss an diesen Beitrag. Zu dieser subjektiven Betrachtungsweise gesellten sich andere Kommentare und Erklärungsversuche, allerdings kein einziger von Anands Konkurrenten. Sie alle wissen, dass sie im Glashaus sitzen: in jedem Turnier muss irgendjemand Letzter werden, und dass es das nächste Mal den Häme-verbreitenden Kritiker ebenso erwischen kann.

[…]

Ganz und gar nicht ins Stolpern kam dagegen Exweltmeister Veselin Topalov, der insbesondere in den folgenden vier Partien mehr als überzeugte.

[…]

Hier ist eine der Schlüsselpartien des Turniers. Der Sieg gegen Anand gab Topalov einen großen Auftrieb, während der Weltmeister aus dem Tritt geriet.

Damenindisch E 15
V. Topalov – V. Anand
Grand Slam Finale (4), Bilbao 2008


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 b6 4. g3 La6 5. Dc2 Lb7 6. Lg2 c5 7. d5 Dieses Gambit kommt zunehmend in Mode. Auch Kramnik spielt es mit Weiß, während Anand die schwarze Seite vertritt. Mal sehen, ob dieses wilde Zeug auch bei der WM in Bonn aufs Brett kommt. 7. …exd5 8. cxd5 Sxd5 9. 0–0 Le7 10. Td1 Dc8 11. a3 Sf6 12. Lg5 Beim Tal-Memorial in Moskau spielte Kramnik gegen Leko 12. Sc3, erreichte aber nach …d5 13. Lg5 Sbd7! nicht viel. Warum Topalovs Zugfolge besser ist, sehen wir sofort. 12. …d5 13. Lxf6 Das ist es! Weiß beseitigt den Springer, bevor Schwarz zu …Sbd7 kommt und ggf. auf f6 mit dem Springer zurückschlagen kann. Jetzt wird der Punkt d5 schwach. 13. …Lxf6 14. Sc3

Schach-Kombination

14. …Lxc3 Erzwungen. 14. …d4? ermöglicht 15. Sb5 Dd7 (Oder …Le7 16. Sbxd4! mit günstigem Rückgewinn des Bauern; …cxd4? scheitert an 17. Dxc8+ Lxc8 18. Sxd4, und der Turm a8 geht flöten.) 16. Sfxd4! Lxg2 17. Sf5 Dc6 18. Sbd6+ Kf8 19. Dc4 Dc7 20. Kxg2, und nach dieser bemerkenswerten Abwicklung steht Weiß besser. 15. bxc3 Sa6 16. Sh4 g6 16. …Sc7 schützt den Bauern d5, ermöglicht aber 17. Sf5 Kf8 18. Sd6 De6 (…Db8 verliert nach 19. Df5 Ke7 20. Sxb7 Dxb7 21. Txd5!) 19. Sxb7 Tb8 20. Sxc5 bxc5 21. Da4 mit klarem Vorteil für Weiß. 17. Lxd5 Lxd5 18. Txd5 0–0 Die Eröffnung ist beendet, das Material wieder ausgeglichen und die weißen Figuren stehen viel aktiver. Anand wird für die WM in Bonn die Variante gründlich überarbeiten müssen. 19. Tad1 Sc7 20. Td7 Se6 21. De4 De8 22. Sf3 c4? Kann es sein, dass Anand die einfache Kombination 22. …Sd4! übersehen hat? Kaum, aber das Endspiel nach 23. Se5 (23. Dxe8? Sxf3+ 24. exf3 Tfxe8 wird wohl remis) 23. …Sc6 24. f4 Sxe5 25. fxe5 wird ihm nicht zugesagt haben. In der Partie kommt es jedoch viel schlimmer. 23. Dh4 Sc5 24. Te7 Mit der Absicht 24. …Da4 25. Td6 Dc2 26. Sg5 h5 27. Tf6 (droht Sxf7) 27. …Tae8 28. Txe8 Txe8 29. Dxc4 Db3 30. Txg6+ Kf8 31. Dxb3 Sxb3 32. Sh7+ Ke7 33. Tc6, und klarem Endspielvorteil. 24. …Td8 Anand hofft auf 25. Txe8 Txd1+ 26. Kg2 Txe8 27. Sg5 h5, aber 25. Tf1! machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. Nach z. B. 25. …Dc6 26. Sg5 h5 27. Sxf7 Td5 (27. …Txf7 28. Txf7 Kxf7 29. Dxd8) 28. Df4 sollte Weiß gewinnen.
1:0
 
Auszug aus
"Weltmeisterlicher GAU in Bilbao – Anand belegt den letzten Platz im Finale des Grand Slam * Topalov mit tollem Comeback"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 10/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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