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Liverpool


Liverpool
Foto: O.Borik

Jan Werle, Sieger die Meisterschaft der Europäischen Union

… an der Austragung dieser Veranstaltung nicht gerade Schlange standen, nahm man gern das erneute Angebot aus der „Beatles-Stadt“ an, zumal die Austragung erneut in dem renommierten Haus des World Museums angeboten wurde. In dem 1860, in der Blüte Großbritanniens erbaute Haus kann man Geschichte geradezu atmen. Bei der Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes hätte man sich wiederum mehr Aktuelles gewünscht, aber die EU-Erweiterung scheint sich hier noch nicht herumgesprochen zu haben. Von den 140 Teilnehmern waren über 90% aus den alten EU-Ländern. Kein Bulgare spielte mit, kein Ungar, kein Slowake, nur ein Pole, und auch bei den drei Tschechen kann man schwerlich von einem nationalen Kontingent sprechen. Dies gilt allerdings auch für „alteingesessene“ EU-Bürger. Aus Österreich war nur Eva Moser vor Ort, vier Franzosen und fünf Deutsche waren auch mit von der Partie. Von den nichtbritischen Spielern waren nur die Holländer etwas zahlreicher vertreten, sie waren mit neun Mann angereist und einer von ihnen schlug den Favoriten ein Schnippchen.

Die besagten Favoriten waren Inländer, angeführt von dem Weltklassemann Michael Adams und dem einstigen WM-Herausforderer Nigel Short. Allenfalls den starken Franzosen Etienne Bacrot und Maxime Vachier-Lagrave hätte man einen Überraschungserfolg zugetraut. Drei von diesem Quartett, das die Setzliste anführte, gaben zu viele Remisen ab, Short spielte obendrein das „Nokia Gambit“: sein Handy klingelte, der Unglücksrabe wurde genullt. Besonders gemein: Short war mit der Bedienungsanleitung seines neuen Mobiltelefons (ein Geschenk des Turniersponsors ) noch nicht vertraut und wusste nicht, dass es bei diesem Modell nicht ausreicht, es einfach auszuschalten. Das elektronische Biest bimmelt nämlich auch, wenn seine Akkuleistung erschöpft ist, eine an sich gute Funktion, aber bei Schachturnieren eben gefährlich … So kassierte Short gegen die schottische Spitzenspielerin Arakhamia-Grant eine Niederlage, konnte aber noch ganz schön aufholen, zum Turniersieg reichte es jedoch nicht mehr.

Nach acht der zehn Runden lagen mit je 6,5 Punkten drei Spieler vorn; neben Adams zwei 21-Jährige: der Tscheche Viktor Laznicka und der Holländer Jan Werle. Ihre sehenswerte Partie in Runde 9 entschied das Turnier.

Katalanisch E 04
V. Laznicka (Tschechien)
J. Werle (Niederlande)


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. g3 d5 4. Sf3 dxc4 5. Lg2 c5 6. 0–0 Sc6 7. Se5 Dies ist an dieser Stelle, neben 7. Da4, die meistgespielte Fortsetzung. Auf den damit verbundenen Trick – 7. …Sxd4? verliert nach 8. e3 mindestens die Qualität – fallen schon gelegentlich Spieler herein, aber nicht die an den Spitzenbrettern solcher Turniere. 7. …Ld7 8. Sa3 cxd4 Auch hier ist 8. …Sxd4 schlecht, nach 9. Lxb7 Tb8 10. Lg2 holt sich Weiß auf c4 den Bauern zurück und steht augenscheinlich besser. 9. Saxc4 Lc5 10. Db3 Schwarz kann den Bauern b7 nicht gut decken. Nach 10. …Tb8? folgt 11. Lf4; 10. Db3 Dc8 ist schon eher möglich, aber nach 11. Lf4 0–0 12. Tac1 ist der Druck auf der c-Linie unangenehm. 10. …0–0 11. Dxb7 Sxe5 12. Sxe5 Tb8 13. Df3 Ld6 14. Sc6 Lxc6 15. Dxc6

Schach-Kombination

Das Geschehen in Liverpool verfolgten via Internet einige Tausend Menschen. Im Jahre 1996 sahen Millionen Menschen diese Stellung, obwohl das Internet zu dieser Zeit noch nicht so stark verbreitet war. Aber damals spielte Kasparow ein Match gegen den IBM-Computer Deep Blue ein Match, und die Öffentlichkeit interessierte damals noch brennend, ob der Mensch standhalten könne. Inzwischen ist die Frage beantwortet. In der zweiten Matchpartie wurden alle diese Züge gespielt, und der Computer entschied sich für 15. …e5 16. Tb1 Tb6 17. Da4 Db8 18. Lg5 Le7 (Nach 18. …Txb2? 19. Txb2 Dxb2 20. Lxf6 gxf6 21. Dd7 nebst Df5 und Le4 erhielte Weiß einen starken Angriff.) 19. b4! Lxb4 (Im Falle von …Txb4 20. Txb4 Dxb4 21. Dxa7 ist der a-Bauer gefährlich.) 20. Lxf6 gxf6 21. Dd7 Dc8 (sonst Df5) 22. Dxa7, und Weiß hatte aufgrund der gegnerischen Felderschwächen einigen Vorteil. Werle setzte anders fort: 15. …De7 16. Da4 16. Tb1 Tfc8 16. …e5 17. Tb1 h6 Im Gegensatz zu der Kasparow-Computer-Partie lässt Schwarz Lg5 nicht zu. 18. Ld2 Lb4! 18. …Tfc8 19. b4 19. Lxb4 Txb4 20. Da3 e4 21. Tfc1 Bereits in seinem Kommentar zu der erwähnten Partie wies Kasparow darauf hin, dass 21. b3? eine Schwäche auf c3 erzeugt, die mit 21. …Sd5 ausgenutzt werden kann. 21. …Td8 22. Tc2 Weiß rechnete mit 22. …d3 23. exd3 Txd3, wonach 24. Tc8+ Kh7 25. Da5 Td2 26. Tc7 das Spiel für den Weiß durchaus angenehm gestaltet. Aber Schwarz spielte stärker 22. …Sg4!

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Das Spiel wird zunehmend taktisch, nach 23. h3 d3 24. exd3 exd3 25. Td2 Se5 lässt Schwarz stark …Sc4 folgen, sogar nach 26. b3 ist dieser Springerzug möglich. 23. Tbc1?! d3! 24. exd3 e3! 25. Tc8? Ein Fehler in bereits schwieriger Stellung. 25. fxe3 kostet zwar nach …Dxe3+ 26. Kh1 Sf2+ 27. Txf2 Dxc1+ die Qualität, aber nach 28. Tf1 zappelt Weiß noch etwas, während er in der Partie bald alle Viere von sich strecken muss. 25. …Txc8 26. Txc8+ Kh7 27. Te8 Weiß hofft noch auf 27. …Dxe8? 28. Dxb4 exf2+ 29. Kf1 mit einer noch nicht direkt verlorenen Stellung. Aber 27. …exf2+ 28. Kf1 Dc5! blies das schwach flackernde weiße Licht definitiv aus. 0:1

Da Adams in den beiden Schlussrunden nicht über ein Remis hinauskam, genügte Werle nach diesem Sieg in der Schlüsselpartie eine Punktteilung in der Schlussrunde zum Gesamtsieg und dem ungeteilten ersten Preis von 6000 englische Pfund. Zweiter wurde Laznicka, der Kämpferqualitäten bewies und in der Schlussrunde den Deutschen Georg Meier niederringen konnte, der im Falle eines Sieges noch auf den geteilten 2. bis 5. Platz gekommen wäre, sich so aber mit dem 17. Rang begnügen musste. Erfolgreichster Vertreter des DSB war der amtierende Deutsche Meister Daniel Fridman auf Platz 8, gut auch das Abschneiden von Thomas Luther. Die erfolgreichste Nation war dennoch das Land der Tulpen und Windmühlen; vier Niederländer konnten sich in der 15-köpfigen Spitzengruppe platzieren und gewannen damit die inoffizielle, aber aufmerksam verfolgte Nationenwertung.

Spitzenstand:

1. J. Werle (NED, Elo 2591) 8,0
2. V. Laznicka (CZE, 2601) 7,5
3. M. Adams (ENG, 2735) 7,5
4. N. Short (ENG, 2655) 7,5
5. A. David (LUX, 2568) 7,0
6. E. L’Ami (NED, 2610) 7,0
7. M. Vachier-Lagrave (FRA, 2681) 7,0
8. D. Fridman (GER, 2637) 7,0
9. E. Berg (SWE, 2592) 7,0
10. E. Bacrot (FRA, 2691) 7,0
11. D. Howell (ENG, 2561) 7,0
13. T. Luther (GER, 2570) 7,0
14. J. Smeets (NED, 2593) 7,0
15. A. Beljawski (SLO, 2606) 7,0

vor weiteren 125 Spielern mit 6,5 oder weniger Punkten.

Bisherige Sieger der EU-Meisterschaften

2005 Zoltan Gyimesi (Ungarn)
2006 Nigel Short (England)
2007 Nikola Sedlak (Kroatien)
2008 Jan Werle (Niederlande)
 
Auszug aus
"Holländischer Triumph bei der EU-Meisterschaft – Jan Werle mit ungeteiltem Spitzenrang "
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 10/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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