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Archiv 2008 ::

Biel


Biel
Foto: C. Rogers

Die Revanchepartie Pelletier-Carlsen aus der Rückrunde beginnt

… Auch das Gesamtbild hat sich nicht geändert: ausgetragen werden diverse Open und Begleitveranstaltungen, sowie – als Sahnehäubchen – ein kleines Großmeisterturnier.

Gerade die offenen Turniere haben sowohl in Bezug auf die Quantität (Teilnehmerzahlen) als auch auf die Qualität (Beteiligung starker Spieler) schon bessere Zeiten gesehen. Das hat jedoch weniger mit etwaiger nachlassender Attraktivität der Bieler Turniere zu tun, sondern ist in der Konsequenz eine Folge der veränderten politischen Landschaft. In Ostdeutschland und in Tschechien waren offene Turnier früher praktisch unbekannt, heutzutage machen die fast zeitgleich ausgetragenen Open in Dresden und vor allem in Pardubice den Bielern Konkurrenz. Deutsche, in den siebziger und achtziger Jahren Dauergäste in Biel, bleiben im Land und fahren nach Dresden oder wählen die preiswerteren Unterkünfte und die große Auswahl unter fünf Open in Pardubice. Auch deshalb waren in Biel diesmal nur 120 Teilnehmer im Meisterturnier und 157 im Allgemeinen Turnier gemeldet, während beim ZMD Open in Dresden 307 Schachfreunde mitmachten und in Pardubice waren es über 1500.
[…]
Der Titelverteidiger Carlsen nähert sich dem 18. Lebensjahr (geb. am 30. 11. 1990) und wird allmählich „flügge“. Zum ersten Mal wurde er bei einem Turnier nicht von seinem Vater begleitet, sondern reiste mit einer Gruppe gleichaltriger, allesamt Schach spielender Freunde an. Der junge Star fühlte sich in dieser Gruppe sichtlich wohl, die junge Meute analysierte mit viel Gejohle ihre Partien aus den unteren Etagen des Festivals und verbrachte auch die Freizeit gemeinsam.

Es hat nicht viel gefehlt und die jungen Freunde hätten Carlsen im Krankenhaus besuchen müssen. In Runde zwei lief Carlsen, in Gedanken versunken, auf der Bühne auf und ab, kam dabei dem Rand zu nahe, ein falscher Schritt – und schon fand sich der junge Großmeister auf dem Hallenboden wieder. Zum Glück fiel er aber so, dass er keine ernsthafte Verletzung davon trug, Ähnliches passierte übrigens Iwantschuk beim Turnier in Dortmund, wo er ebenfalls von der Bühne segelte, aber glücklicherweise mit leichten Prellungen davonkam.

Mit Fortuna im Bunde war Carlsen auch auf dem Schachbrett. In der ersten Runde schenkte ihm der Schweizer Yannick Pelletier einen halben Punkt: Damenindisch E 15
M. Carlsen – Y. Pelletier
GM-Turnier (1), Biel 2008
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 b6 4. g3 La6 5. Dc2 Lb7 6. Lg2 c5 7. d5 exd5 8. cxd5 Sxd5 Dieses Gambit ist jetzt groß in Mode. Die letzte Partie zu diesem Thema zwischen hochklassigen Gegnern war die Begegnung Kramnik-Leko, Dortmund 2008. Dort geschah 9. Db3 Sf6 10. Se5 d5 11. Sc3 Le7 12. Da4+ Sbd7 13. Sc6 Lxc6 14. Dxc6 Tc8 15. Da4 d4 16. Sb5 0–0 17. 0–0 Se5 18. Dxa7 Sc6 19. Db7 Sa5 20. Da7 Sc6 21. Db7 Sa5 22. Da7 Sc6 23. Db7 remis. Carlsen spielte im 9. Zug anders, viel erreichte er aber auch nicht. 9. 0–0 Le7 10. Td1 Sc6 11. Df5 Sf6 12. e4 d6 13. e5 Dd7 14. Dxd7+ Sxd7 15. exd6 Lf6 16. Te1+ Kf8 17. Sc3 Sb4 18. Lg5 Bei den Kandidatenkämpfen in Elista konnte Polgar gegen Barejew nach …Lxf3 nicht ganz ausgleichen. Pelletier spielte 18. …Sc2 und Carlsen entkorkte 19. Te7!? Pelletier traute dem Braten nach 19. …Lxe7 20. Lxe7+ Kg8 21. Tc1 Sb4 22. Td1 f6 23. a3 Sc6 24. Lh3 nicht so recht, und er spielte auf Sicherheit 19. …Lxf3 20. Lxf3 Lxg5 21. Txd7 Td8 22. Txd8+ Lxd8 23. Td1 Sd4 24. Lg2 h5 25. a4 a6 26. Lb7 Th6 27. d7 Td6 28. Lc8 Sf3+ 29. Kg2 Txd1 30. Sxd1 Se1+ 31. Kf1 Sf3 32. h4 Ke7 33. Se3 g6 34. Lxa6 Kxd7 35. Ke2 Se5 36. f4 Sg4 37. Lb5+ Ke7 38. Sd5+ Kd6 39. Lc4 Sh6 40. Se3 Lf6 41. Ld3 Ld8 42. Kf3 Sg4! Dies hätte definitiv zum Remis führen sollen. 43. Sxg4 hxg4+ 44. Kxg4 Ke6 45. Lc4+ Ke7 46. Kf3 f5 47. Ke2 Kf8 48. Kd3 Lf6 49. b3

Schach-Kombination

49. …Lb2?! Eine unglückliche Idee, bald strandet der Läufer auf a5. Nach der Partie zeigte Pelletier, dass 49. …Ke7 50. Lg8 Ld4! zum Remis führt, z. B.
  1. 51. Kc4 Lf2 52. Kb5 Kd6 nebst …Kc7 remis. Weiß darf ja wegen …c4+ nicht auf b6 schlagen.
  2. 51. b4 Lf2 52. a5 cxb4 53. a6 b5 mit leicht zu erreichendem Remis

    1. 54. Lh7 Kf6 55. h5 gxh5 56. Kc2 Ke6 57. Kb3 Kd7 58. Lxf5+ Kc7 59. Lh3 Lxg3 60. f5 Kb6 remis
    2. 54. Kc2 Kd6 55. Kb3 Kc7 56. Kxb4 Kb6 57. Lf7 Lxg3 58. Lxg6 Lxh4 59. Lxf5 Lg3 remis
50. Ld5 Die letzte Notbremse bestand in 50. …Ke7! 51. Kc4 Ld4!

Schach-Kombination
Analysediagramm

und nun:
  1. 52. b4 Lf2 53. bxc5 Lxc5 54. a5 Kd6! remis; wenn es Weiß übertreibt und nun 55. a6? spielt, verliert er sogar noch: 55. …b5+ 56. Kxb5 Kxd5 57. g4 fxg4 58. f5 g3 usw.
  2. 52. Kb5 Kd6 53. Lf7 Kc7 54. Lxg6 Lf2 55. Lxf5 Lxg3 56. h5 Lxf4 remis. Weiß könnte nur gewinnen, wenn er ohne gegnerische Gegenwehr seinen König nach g6 stellen könnte, aber das klappt nicht: 57. Lg4 Lh6 58. Ld1 Ld2 59. Kc4 Kd6 60. Kd3 Lh6 61. Ke4 Ke6 62. Le2 Kf6 63. Kd5 Ld2 64. Kc6 La5 nebst …Kg5-h6, remis.
In der Partie geschah jedoch 50…La3? 51. Kc4! Lb4 52. Kb5 La5 53. Lc4 Ke7 54. Kc6 Kf6 55. Ld3

Schach-Kombination

Schwarz ist im Zugzwang. Nach z. B. 55. …Ke6 entscheidet 56. g4! fxg4 (56. …Kf6 57. g5+ Kf7 58. Le2 Kg7 59. h5 gewinnt ähnlich wie in der Partie.) 57. Lxg6 g3 58. Le4 Kf6 59. h5 Kg7 60. f5 Kg8 61. Ld5+ Kg7 62. Kb5! Kf6 63. h6 Ld2 64. h7 Kg7 65. Kxb6 Kxh7 66. a5 usw. 55. …Kf7 56. h5 gxh5 Oder 56. …Kg7 57. hxg6 Kxg6 58. g4 +–. 57. Lxf5 Kf6 58. Le4 Kg7 59. Lf3 Kh6 60. Kb5 Kg6 61. Ld1 Kh6 62. Le2 Kg6 63. Lf3 Kh6 64. Lc6 und wegen 64…Kg6 65. Le8+ Kh6 66. Kc6 usw. 1:0

Pelletier war die tragische Figur des ersten Durchgangs. Nicht nur, dass er Carlsen einen halben Punkt schenkte, über ein kleines Punktgeschenk durfte sich ebenfalls Leinier Dominguez freuen. Nach einer kraftvoll vorgetragenen Eröffnungs- und Mittelspielphase erreichte Pelletier ein klar besseres, wenn nicht schon gewonnenes Endspiel, und da ließ er den Kubaner entschlüpfen.
 
Auszug aus
"Startschuss in Biel – Erster Durchgang des Großmeisterturniers"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 8/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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