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Archiv 2008 ::

Straubing


Straubing
Foto: H.-J.Lais

Freizeitaktivitäten gibt es neben Schach,das als erstes in der offiziellen JVA-Broschüre genannt wird, Musik, Theater, Religion, Meditation, Bücherei, Basteln, Sport: Tischtennis, Fußball, Handball, Volleyball, Basketball, Leichtathletik, Kraftsport, Schwimmen..

… Hochsicherheit, denke ich, was soll das heißen? Nur fünf Minuten später ahne ich es. In der Schleuse erwarten mich bereits Schachlehrer Max Holzmann, der niederbayrische Bezirksvorsitzende Klaus Kreuzer, JVA-Lehrer Friedolin Resch und der SC-Straubing-Vorsitzende Josef Reiseck. Nachdem die Papiere kontrolliert sind, soll ich alles Überflüssige in einem Schließfach ablegen. Ich werde gefragt, ob ich Messer, Waffen oder ähnliches bei mir trage und das ist keineswegs scherzhaft gemeint. Ich erinnere mich an einen beiläufigen Scherz eines Fluggastes, den ich mal bei der Flughafenkontrolle etwas von „Da hab ich die Bombe drin“ murmeln hörte und der daraufhin eine Stunde lang gefilzt wurde. Während ich mir die Schuhe ausziehe, in denen oft auch Metall verarbeitet wird und die sich nach der Erfahrung der Beamten häufig als geeignetes Drogenportal entpuppen, gehen die anderen schon mal durch den Detektor. Nachdem sich die Schleuse nach innen öffnet, betreten wir gemeinsam den ersten Hof.

Die Eindrücke, zwischen solch hohen Mauern umherzugehen, sind überwältigend. Man verlangsamt unweigerlich seinen Schritt. Doch Friedolin Resch hat einen flotten Gang drauf und umso weniger kann man sich auf die Fakten konzentrieren, mit denen er uns routiniert bewirft: „Sechs Meter Mauer, dazu Zaun und Stacheldrähte, 72 Kameras, 870 Insassen, davon etwa 200 Mörder, 200 Sexualstraftäter, 200 wegen Rauschgiftdelikten“, rasselt er herunter. „Da drüben“, zeigt er uns, „haben wir ein neues System der Herzfrequenzmessung bei der Ausfahrt von LKWs. Die hören sogar den Herzschlag einer Maus. Seitdem gibt es keine Ausbrüche mehr“. Ausbrüche?? – denke ich. Wie kommst Du hier raus? Selbst ohne dieses Herzfrequenzding?

„Vor 10 Jahren versuchte es mal einer über die Mauer, der wurde auch beschossen und vor 11 Jahren kam einer mal im Container einer externen Firma hier raus“. Beschossen, denke ich. Langstrafige. Das kann ja heiter werden bei dem Vokabular. Weiter geht’s: „Ansonsten teilen sich die übrigen Gefangenen auf in Delikte wie Totschlag, Raub in großem Stil, Banküberfälle und solche Sachen.“

Der gelernte Maschinenbauingenieur ist ein offenherziger Typ, man kann fast gar nicht anders, als den stets konzentriert wirkenden Lehrer direkt zu mögen. Seit 1978 ist er hier, das ist ein ganzes Berufsleben hier „im Betrieb“. Resch ist einer von vier Lehrern, die neben der schulischen und beruflichen Ausbildung außerdem ein großes Freizeitprogramm betreuen, über Sport, Theater und Chor, dort sind etwa 500 bis 600 von über 800 Gefangenen engagiert.

Wir marschieren geradewegs in den Schachraum, der sich in der zweiten Etage in einem der hinteren Gebäude befindet. Der TSV Massing ist heute in der JVA zu Gast. Nach der Eröffnung durch Alfon B., mit dem ich später noch ein Interview führe, werden die Gäste begrüßt und ich erkläre den Grund meines Besuchs. Ein paar Worte zum DSB, zur Schacholympiade. Während ich rede, schießt es mir durch den Kopf, dass keiner der Insassen hier auch nur den Hauch einer Chance hat, die Olympiade zu sehen. Also breche ich hastig ab, was ich begann und erkläre, dass ich über die „kleine Schachpost“ von der Schachgruppe weiß. Dass es toll ist, was hier geschieht, obwohl ich nicht den blassesten Schimmer vom Knastalltag habe.

Während der Runde ziehen wir uns dann zurück zum gemeinsamen Gespräch: Max Holzmann, Klaus Kreuzer, Josef Reiseck und Friedolin Resch antworten auf meine Fragen.

Mit Kreuzer kläre ich Organisatorisches. Schließlich dürfte es bundesweit einmalig sein, dass Insassen am Spielbetrieb der Liga teilnehmen. Gutmütig erklärt er mir ein ums andere Mal, dass es tatsächlich keine Probleme mit der Akzeptanz der JVA gäbe. Auch als ich es nicht so recht glauben will, versichert mir der passionierte Wanderfreund und Maschinenbautechniker immer wieder, wie tolerant sich der Bezirksverband und dessen Mitglieder verhalten. Dies mache auch 50% des Anteils am Erfolg des Projekts aus: Die mitspielenden Teams verzichten aufs Heimrecht und auf die DWZ-Auswertung aus Datenschutzgründen. Sie müssen die Unannehmlichkeiten am Tor über sich ergehen lassen und am Samstagmorgen spielen. Die TO musste entsprechend ergänzt und Beschlüsse gefasst werden, um die Teilnahme am Ligabetrieb zu garantieren. Beispielsweise darf die JVA nicht aus der Bezirksliga aufsteigen, weil sie dann in die Zuständigkeit des Landesverbandes fiele.

„Wir drängen auch darauf, dass die Toleranz erhalten bleibt. Einmal im Jahr kommt man hier rein und das ist auf alle Fälle zumutbar“, ergänzt Kreuzer, der nebenberuflich noch VHS-Kurse für Anfänger gibt. „Manche kommen hier auch richtig gern her, das sind wunderbare Spielbedingungen und samstags spielen die meisten auch lieber als sonntags. Trotz der Sicherheitsvorkehrungen“. Aber ich kenne meine Pappenheimer und bleibe hartnäckig: „Beschweren sich die Leute nicht, wenn sie sich nicht auf die Gegner vorbereiten können, nicht wissen, gegen wen sie spielen und auch keine Wertungszahlen dadurch erreichen?“ „Nein, man muss die positive Seite sehen: Hier wird Schach in Reinkultur gespielt und wenn man verliert, verliert man eben auch keine DWZ-Punkte, hier steht der Mannschaftssport allein im Vordergrund. Klar ist es beklemmend, wenn man hier das erste Mal reinkommt. Aber das vergeht auch wieder.“
 
Auszug aus
"Kein Alkohol, keine Waffen, keine Frauen!“ – Besuch der Schachgruppe der JVA Straubing"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 1/2009

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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