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Sofia


Sofia
Foto: M-tel

… Spitzenturnier in Sofia war zwar um einen Zähler kürzer, versetzte aber trotzdem die Fachwelt wie auch die Zuschauer ins Staunen. Erst als Iwantschuk in der Rückrunde des doppelrundig ausgetragenen Turniers etliche Remisen einstreute, weilte er sozusagen wieder unter den Normalsterblichen, dennoch war ihm ein souveräner Turniergewinn nicht mehr zu nehmen.

Von Iwantschuks unglaublichem Lauf in der Hinrunde veröffentlichen wir alle fünf Partien, jedoch je eine – der Thematik wegen – in den Rubriken „Endspiele“ und „Raus aus dem Schlamassel“ auf den Seiten 32-34. Seine drei Gewinnpartien aus den Runden 2 bis 4 werden hier aufgeführt. Und die erste ist gleich die Schlüsselpartie des Turniers.

Französisch C 11
V. Topalov – W. Iwantschuk
M-Tel Masters (4), Sofia 2008


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Sc6 7. Le3 a6 8. a3 Dies ist eine wenig bekannte Idee. Zwar sieht a3 fast wie ein Verlegenheitszug aus, funktioniert aber gut gegen die viel gespielte Expansion am Damenflügel 9…b5, worauf 9. dxc5 Lxc5 10. Lxc5 Sxc5 11. b4 (der Sinn von 8. a3) 11. …Sd7 12. Se2 nebst Sed4 folgt. Die weiße Stellung ist offensichtlich angenehm zu spielen, wovon die Statistik der weißen Ausbeute (3,5 aus 4!) ein beredtes Zeugnis ablegt. Iwantschuk reagierte besser: 8. …cxd4 9. Sxd4 Lc5 10. Le2 Diese Stellung hatte Topalov schon einmal auf dem Brett, nämlich gegen Kortschnoi in Dos Hermanas 1999. Damals geschah 10…Db6 11. Sa4 Da5+ 12. c3 Lxd4 13. Lxd4 Sxd4 14. Dxd4, und Weiß stand einen Tick besser (remis/61. Zug). Iwantschuks Zug vermeidet solche Verflachung des Spiels. 10. …0–0

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Vorsicht ist nicht nur die Mutter der Porzellankiste, sondern auch dieser Variante, zumindest aus weißer Sicht. Nach dem automatischen Zug 11. 0–0? spielt Schwarz 11. …Db6! (der Punkt d4 ist überlastet) 12. Sa4 Lxd4! 13. Sxb6 Lxe3+ 14. Kh1 Sxb6. Diese Stellung, meist in der Form ohne die Züge a3 und …a6, kam in der Praxis schon wiederholt vor, und fast jedes Mal setzten sich die drei schwarzen Leichtfiguren gegen die weiße Dame durch. In der Rubrik „Endspiele“ behandeln wir in dieser Ausgabe ein ähnliches Thema (dort: Dame gegen zwei Türme und einen Läufer), aber in Endspielen kann die Dame leichter auf Bauernjagd gehen als in dieser geschlossenen Stellung, wo sie kaum Angriffspunkte ausmachen kann, während ein Pulk aus schwarzen Leichtfiguren ausschwärmt wie die Hornissen. Also: nicht rochieren, erst 11. Dd2 spielen. 11. …Dc7 12. Lf3 Weiß plant Se2, um d4 zu stärken. 12. …Sxd4 13. Lxd4 Sb6 14. Se2 Lxd4 Nach der sinnlosen Machtdemonstration 14. …Sc4 spielt Weiß einfach 15. Dc3! und treibt in der Folge mit b2-b3 den Springer wieder zurück. Nach dem Partiezug …Lxd4 erscheint 15. Sxd4 nahe liegend, aber dann ist der Punkt e5 nicht genügend gedeckt und Schwarz kann mit 15. …f6! stören. Da 16. exf6 Txf5 nebst 17. …e5 schon den Nachziehenden in Vorteil bringt, muss 16. 0–0 geschehen. Ob Weiß dann nach 16. …fxe5 17. fxe5 Sc4 18. Dc3 Dxe5 19. Tae1 Dd6 genug Kompensation für den Bauern hat, erscheint zweifelhaft. Vor diesem Hintergrund kann man Topalovs Zug 15. Dxd4 gut nachvollziehen. 15. …Ld7 Falls Weiß nun rochiert, spielt Schwarz einfach …Lb5, tauscht später auf e2 und ist seinen schlechten Läufer los. Danach ist die Stellung wohl ausgeglichen. Das gefiel Topalov nicht und er spielte 16. b3 Lb5 Laut Iwantschuk war nun 17. Dc3 richtig 17. Sc3?!

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17…Tfc8!! Es ist sicherlich nichts Geniales dabei, mit einem Turm offene Linie zu besetzen. Aber die langfristige Einschätzung, dass der nun auf b5 erscheinende, vereinzelte Bauer keine Schwäche darstellt und auch nicht verloren geht, dies erfordert eine ¬enorme Weitsicht. 18. Sxb5 Der lieben Ordnung halber sei der Verzicht auf das Schlagen auf b5 erwähnt; nach 18. Kd2!? (deckt c2) kann Schwarz mit …Le8 nebst …f6 – ein jedem Französisch-Anhänger vertrautes Manöver – gutes Spiel erlangen. 18. …axb5 19. Le2 Um den Bauern c2 kümmert sich Weiß nicht, …Dxc2 würde ja den Springer b6 kosten. Und was ist mit dem Bauern b5? 19. …Sd7! Der ist indirekt geschützt (…Da5+). 20. Ta2 Sb8! 21. 0–0 Die letzte Feinheit in Iwantschuks tiefdurchdachtemPlan sehen wir nach 21. b4 Sc6 22. Dc5 b6 (in Betracht kommen auch der Konter …f6 und sogar …g5) 23. Dc3 (23. Dxb5? verliert nach …Sd4 24. Dd3 Sxc2+ 25. Kf2 Sxb4) 23. …d4 24. Db3 Se7 25. Lf3 (25. Lxb5 Sd5 26. 0–0 Sc3 mit Materialgewinn.) 25. …Ta7 26. 0–0 Sf5. Die schwarzen Türme beherrschen alle offene Linien, auf e3 winkt dem Springer ein Wahnsinns-Vorposten. 21. …Sc6 22. Dd2 Db6+ 23. Kh1 Da5!

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Schwarz ist am Ziel. Sein Gegner kann dem Abtausch nicht ausweichen, auf 24. Dd1 käme verblüffend 24. …Sb4! 25. Tb2 (25. Ta1 Sxc2) 25. …Dxa3, und auf 24. c3 wiederum 24. …b4! 25. cxb4 (25. Tc1 bxa3) 25. …Sxb4 26. Taa1 Sc2 27. Dxa5 Txa5 28. Ta2 Txa3. Was für ein Triumph der schwarzen Strategie! 24. Dxa5 Txa5 Erwartet wurde nun 25. Tfa1 Sd4 26. Ld3 f6 27. exf6 gxf6 28. Kg1 e5, mit deutlich besserem Spiel für Schwarz. Topalov verteidigte sich anders: 25. Taa1 Tca8 26. Tad1 Txa3 27. Lxb5 Letztlich musste der Bauer b5 doch ins Gras beißen, aber aus schwarzer Sicht war es ein sehr gutes Geschäft. 27. …Sb4 Falls z. B. 28. Ld3, so 28. …Sxd3 29. Txd3 Tc8 30. Td2 Ta2 31. Tc1 g6 32. Kg1 Tb2 33. Kf1 Txb3, mit einem für Schwarz vermutlich gewonnenen Endspiel. 28. c4! Bis jetzt lieferte Iwantschuk eine Modelpartie für Lehrbücher. Hier geriet er aber in arge Zeitnot, wonach der Partie ihr logischer Fluss abhanden kommt. Mit mehr Bedenkzeit wäre wohl 28…Txb3 29. cxd5 exd5 gefolgt, wonach der Mehrbauer Schwarz gute Gewinnchancen versprochen hätte. Auch nach der Partiefortsetzung 28. …T8a5 bleibt Schwarz im Vorteil, es wird jedoch noch spannend. 29. f5! exf5 30. g4! Mit der Idee 30. …fxg4 31. Ld7! Txb3 32. e6!, und Weiß lebt auf. 30. …Txb3 31. gxf5 Te3?! Zeitnot. Besser ist 31. …Tb2!?, weiterhin mit Vorteil für Schwarz. 32. Tb1 Sd3?! 33. e6?! Topalov blitzt auf Iwantschuks Zeitnot mit und versäumt den besseren Zug 33. Ta1. 33. …d4 34. Le8? 34. Lc6 Tae5 35. Txb7 fxe6 36. Tb8+ Kf7 37. fxe6+ Kg6 unklar. 34. …Sc5 Für die restlichen Züge bis zur Zeitkontrolle hatte Iwantschuk, glaubt man der normalerweise zuverlässigen Uhr bei der Übertragung auf dem Fritz-Server, nur noch acht Sekunden. Wer jemals eine Blitzpartie gespielt hat, weiß, dass es müßig ist, die nächsten sechs Züge zu kommentieren. 35. Lxf7+ Kf8 36. f6 gxf6 37. Txf6 Ke7 38. Th6 d3 39. Txh7 d2 40. Tg1 Te1 Die Zeitnot war überstanden, und die Partie quasi beendet. Es war keine gute Idee von Topalov, auf Iwantschuks Zeitnot zu spekulieren und mitzublitzen, denn nicht der Zeitnotgeplagte, sondern sein Gegner verlor dabei den Faden. Es folgte noch 41. Lh5+ Kxe6 42. Thg7 Se4 43. T7g6+ Ke5
0:1
 
Auszug aus
"Sofia: Iwantschuks Griff nach den Sternen – Famoser Sieg des Ukrainers beim M-Tel-Superturnier in Sofia * 5:0 in den ersten fünf Runden!"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 6/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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