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Canberra


Canberra
Foto: Cathy Rogers

Turniersieger Varuzhan Akobian

… zunächst die Rolle eines Statisten zugeteilt bekommen zu haben. Der US-Amerikaner mit einer Elo von 2599 patzte bereits in der ersten Runde im „Premier“. Im mondänen Hellenic Club am Rande der australischen Hauptstadt knüpfte ihm eines der vielen Aussie-Talente gleich ein Remis ab! Doch das Unentschieden erwies sich, wie in manch schlechtem Filmstreifen, als ein gutes Omen. Max Illingworth war schon bei den Malaysian Open ein Auftakt-Remis gegen Li Chao geglückt. Der chinesische Großmeister marschierte anschließend zum Turniersieg. Nicht anders Akobian. Der US-Nationalspieler reihte fortan einen Sieg an den anderen. Nach sechs Runden lag der 25-Jährige mit 5,5 Punkten alleine in Front. Nach neun Runden hatte er dank freundlicher Unterstützung der remisierenden Verfolger mit 7,5 Zählern einen ganzen Punkt Vorsprung vor der Meute. Die umfasste gleich sieben Akteure: Der Inder Surya Ganguly und Gawain Jones (England) wurden dank ihrer Buchholzwertung mit Silber und Bronze dekoriert. Dahinter erhielten überdies der neuerdings für Singapur spielende Chinese Zhang Zhong, Merab Gagunashvili (Georgien), Dejan Antic (Serbien), der australische Meister Stephen Solomon und Atanas Kizov (Mazedonien) jeweils 907 Dollar (umgerechnet rund 530 Euro). Akobian strich zunächst 4 000 australische Dollar (rund 2 340 Euro) ein. „Ich hörte nach der Partie gegen Illingworth davon, dass er bei den Malaysian Open auch zum Auftakt gegen den späteren Turniersieger remisierte“, erzählte der Großmeister aus Los Angeles und ergänzte, „ich war folglich wegen dieses Vorzeichens optimistisch!“ Der MTV-Star, der in der Filmmetropole nach seinen Spots „häufig auf der Straße angesprochen wurde“, glaubt: „Ich habe den Sieg in Canberra verdient. Ich spielte am besten und zeigte Kampfschach. Lediglich gegen Zhang Zhong teilte ich schnell den Punkt.“ Wobei richtig schnell nichts ging in Canberra. Die Organisatoren des bis dahin stärksten Turniers aller Zeiten auf dem fünften Kontinent hatten die vor Jahrzehnten geltende 30-Zug-Regel revitalisiert. Nur unter Hinzuziehung des Schiedsrichters konnte vorher ein Friedensschluss vereinbart werden. Eine Regel mit Folgen!

Spitzenstand:

1.GM V. Akobian USA 2599 7,5
2.GM Zhang Zhong SIN 2617 6,5
3. GM S. Ganguly IND 2579 6,5
4. GM G. Jones ENG 2562 6,5
5. GM M. Gagunashvili GEO 2553 6,5
6. GM D. Antic SER 2480 6,5
7. IM S. Solomon AUS 2468 6,5
8. IM A. Kizov MAZ 2398 6,5
9. IM Wang. Puchen NZL 2383 6,0
10. GM V. Malakhatko BEL 2600 6,0
11. FGM Li Roufan SIN 2425 6,0
12. IM I. Bitansky ISR 2424 6,0
13. FGM A. Zozulia BEL 2344 6,0
13. FGM A. Zozulia BEL 2344 6,0
14. E. Ambrus HUN 2378 6,0


vor weiteren Spielern mit 5,5 oder weniger Punkten
[…]
Begrüßenswert ist vor allem die 30-Züge-Regel (eine Punktteilung kann erst nach dem 30. Zug vereinbart werden). Sie sorgte nämlich für besondere Spannung.

Am Morgen der letzten Runde führten die Großmeister Akobian und Antic im Flur ihres Hotels ein intensives Gespräch. Was das bei jeweils 6,5 Punkten und einem halben Zähler Vorsprung vor dem Rest bedeutete, konnte man sich an einem halben Finger ausrechnen! Warum sich der MTV-Star überhaupt darauf einließ, bleibt sein Geheimnis. 119 Elo mehr auf dem Konto, dazu Weiß – in jeder anderen Runde hätte Akobian den vollen Zähler anvisiert gegen den Gewinner der australischen Meisterschaft, der aber mangels Aussie-Pass nicht offizieller Titelträger wurde. So entwickelte sich aber eine Slawisch-Partie, in der sich schon nach langem Nachdenken im sechsten Zug die Zugwiederholung abzeichnete. Doch die beiden Führenden hatten die Rechnung ohne die Schiedsrichter gemacht. Bei ihnen stieß die laue Argumentation, die Zugwiederholung sei unvermeidlich, auf taube Ohren. „Weiterspielen!“, lautete die oscarreife Anweisung in Richtung verdutzt dreinschauende Hauptakteure. So rang sich Akobian im elften Zug zu Lg5 statt der Läufer-Pendelei von f4 nach d2 und zurück (bei gleichzeitigem schwarzen Sh5 und Shf6) durch. Rechneten die Beobachter nun mit weiteren belanglosen 19 Zügen nebst Hervorkramen der Friedenspfeife, wurden sie positiv überrascht: Bald stand Akobian auf Gewinn und verdichtete diesen in 44 Zügen zum triumphalen Erfolg.

Damengambit D 15
V. Akobian (USA)
D. Antic (Serbien)

Kommentar: H. Metz und I. Rogers

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 a6 5. c5 Sbd7 6. Lf4 Sh5 7. Ld2 Shf6 8. Lf4 Bietet die Zugwiederholung an. 8. …Sh5 Schwarz ist gemäß der morgendlichen Vereinbarung – und zumal gegen den stärkeren Gegner – gerne dabei. 9. Ld2 Shf6 10. Lf4 Sh5 Die herbeigeholten Schiedsrichter, ohne die kein Friedensschluss vor dem 30. Zug zu vereinbaren war, sahen auch ohne großmeisterliche Schachkenntnisse noch gewisse Chancen, die Stellung auszukämpfen … Folglich wurde der Antrag der beiden Kämpen abgelehnt, die Partie für „tot remis“ zu erklären … 11. Lg5 Interessant wäre es geworden, wenn Akobian und Antic das Spielchen mit dem Läufer nach d2 und f4 beziehungsweise Sh5/Shf6 weitere 20 Züge fortgesetzt hätten. Hätte man dann auf dreifache Zugwiederholung pochen dürfen? 11. …h6 12. Ld2 Shf6 13. Lf4 Sh5 14. Ld2 Shf6 15. Lf4 Sh5 Akobian nahm sich zusammen und spielte 16. Le5!? Sxe5 17. Sxe5 Es wird klar, warum es für Weiß nützlich war, …h6 zu provozieren. Der Springer e5 kann nämlich nicht gut mit …f6 vertrie-ben werden, er würde nach g8 hüpfen. 17. …Sf6 18. e3 Lf5 19. Ld3 Lxd3 20. Dxd3 e6 21. 0–0 Le7 „Er hätte …Sd7 spielen sollen.“ (Akobian) 22. Sa4 „Jetzt war ich mir sicher zu gewinnen, er kann gar nichts tun.“ (Akobian) 22. …Db8?! Schwarz mangelte es bis dato an Raum. Dennoch sollte der Nachziehende die Stellung halten können bis zum 30. Zug. Die Dame pfercht jetzt jedoch den Turm ein, der somit ins Abseits gerät. 22. …0–0 23. Sb6 Tb8 24. b4 gefolgt von einem Vormarsch am Damenflügel wäre für Schwarz unangenehm. 22. …Tc8 23. Sb6 Tc7 kam in Betracht, auch wenn es dann schwierig bleibt, die lästigen Springer aus ihrer dominanten Position zu vertreiben. 23. Sb6 Ta7 24. b4 Ld8 Darauf hatte sich Antic sicher verlassen. Bei diesem Plan soll der Läufer den einen Springer beseitigen – doch Weiß stört sich nicht daran und setzt konsequent sein Spiel am Damenflügel fort. 25. a4! Lc7 25. …Lxb6 verliert rasch. 26. cxb6 Ta8 27. b5 cxb5 28. axb5 axb5 (28. …a5 führt zur Partie, nur mit dem Unterschied, dass noch f4 von Weiß gezogen wird.) 29. Dxb5+ Kf8 30. Dc5+ Kg8 31. Ta7 Txa7 32. bxa7 Da8 33. Ta1 Kh7 34. Dc2+ Kg8 35. Dc7 Kh7 36. Dxf7 usw. 26. f4

Schach-Kombination

26…Lxb6? Der entscheidende Schnitzer. 26. …Dd8 ist nicht erbaulich, aber deutlich zäher. 27. f5 (27. b5 Lxb6 28. cxb6 Dxb6 29. bxc6 bxc6 30. a5 Dc7 31. Tfc1 überlässt dem Weißen die totale Kontrolle des Brettes.) 27. …0–0 28. fxe6 fxe6 29. Dg6 Lxb6 30. cxb6 Ta8 (30. …Dxb6?? 31. Sg4! Dd8 (31. …Sxg4 32. Dxe6+) 32. Sxh6+ Kh8 33. Sf7+ mit Gewinn) 31. Tf4 De8 32. Taf1 Dxg6 33. Sxg6 mit klar besserem Endspiel für Akobian. Fehlerhaft ist nun zum Beispiel 33. …Tf7? (33. …Tfe8!?) 34. a5 h5 35. h3 Kh7 36. Se5 Tff8 37. g4 hxg4 38. hxg4 Kg8 39. Sg6 Tfe8 40. g5 Sh7 41. Tf7 Tab8 42. Se7+ Kh8 43. g6 Sf8 44. Kg2, und Weiß gewinnt. 27. cxb6 Ta8 28. b5 cxb5 29. axb5 a5 29. …axb5 30. Dxb5+ endet ähnlich wie die Variante im 25. Zug von Schwarz. Oder 29. …0–0 30. bxa6 bxa6 31. Txa6 Db7 32. Tfa1 Se4 33. Ta7 Txa7 34. bxa7, und das Endspiel erweist sich als unersprießlich für den Nachziehenden. 30. Tfc1 Dd6 31. Tc7 0–0 31. …Dxb6 32. Txf7 Se4 33. Tc1 nebst Tcc7 und vernichtender Turmverdoppelung, weil 33. …Tf8 an 34. Txf8+ Kxf8 35. Sd7+ Ke7 36. Sxb6 scheitert. 32. Txb7 Tab8 33. Txb8 Txb8 34. Txa5 Dxb6 35. Sc6 Se4 36. Dc2! Der letzte nicht leicht zu findende Zug. 36. Da3? verdirbt wegen 36. …Dxc6!! alles. 36. …Tb7 37. h3 g6 38. Da4 Kg7 38. …Sd6 39. Ta8+ Kh7 40. Da3 Sxb5 41. Df8 g5 42. Dg8 matt 39. Da3 Td7 40. Ta8 Td6 Für Schwarz hoffnungslos ist auch 40. …Sd6 41. Tb8 Dc7 42. Dc5 41. Tb8 Dc7 42. Da8 h5 43. Tb7 Txc6 44. bxc6! und wegen 44. …Dxc6 45. Txf7+ Kxf7 46. Dxc6 – 1:0

Der verärgerte Antic ward hernach bei der Siegerehrung nicht mehr gesehen! Akobian reckte derweil triumphierend den gewaltigen Doeberl-Cup in die Luft. 4 000 statt 3 250 Dollar für den geteilten ersten Platz eingestrichen? Weit gefehlt. Das nächste Turnier kam – und in Antics neuer Heimatstadt Sydney wurde Akobian von einigen serbischen Freunden (wie aus zuverlässigen Quellen zu hören war) dezent auf eine noch ausstehende Zahlung hingewiesen … Bei einem Remis hätten beide 6 500 Dollar aufteilen dürfen, nun befanden sich lediglich 4 900 Dollar im Topf von A&A. Es lief eben wie in vielen Hollywood-Streifen: Die Gerechtigkeit siegt am Schluss doch, irgendwie …
 
Auszug aus
"Oscar für Akobians Schiedsrichter – MTV-Star in Canberra zum Turniersieg gezwungen"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 5/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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