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Dresden


Dresden
Foto: E.van Reem

Damit hatte kaum einer gerechnet, dass das armenische Team (v. r.: Akopian, Aronian, Sargissian und Patrosian) seinen Erfolg bei der letzten Schacholympiade wiederholen könnte

… durfte ein Team bilden, es waren also nicht nur Nationalmannschaften zugelassen. Das war auch gut so, denn sonst hätte man zum Auftakt nicht einmal die sieben Teams zusammenbekommen, die schließlich die Veranstaltung bestritten.

Die neue Meisterschaft kam gut an und in den Folgejahren wuchs auch die Teilnehmerzahl. Hätten die Spieler plus Betreuer der Erstauflage noch bequem in einen Bus gepasst, so ist man heute bei rund drei Hundertschaften angekommen, diese EM ist inzwischen nicht nur eine bedeutende, sondern auch eine richtig große Schachveranstaltung geworden.

Und auch noch internationaler als zuvor. Neben den traditionellen Vereins-, Städte- und Regionalteams waren diesmal 12 National-mannschaften dabei, aus den Ländern (alphabetisch) Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Schottland, Schweden, Schweiz, Tschechien und der Türkei. Favorisiert war allerdings keine der Nationalmannschaften, sondern der Titelverteidiger aus der südrussischen Stadt Rostow, der sich in Anlehnung an den auch verfilmten Roman des Nobelpreisträgers Michail Scholochow den poetischen Namen „Stiller Don“ gaben.

Die „Donkosaken“ schienen auf dem besten Wege, erneut den Pokal zu holen, denn bei den auf Platz zwei gesetzten Tschechen fehlte der Spitzenmann Jansa. Dass der Vizeeuropameister der Senioren aus familiären Gründen die ersten Kämpfe nicht bestreiten konnte, jedoch sehr wohl für einen Einsatz in vier Partien vorgesehen war, wussten sie nicht und als es gegeneinander ging, bereiteten sich die Rostower Spieler jeweils auf den falschen Gegner vor. Dieser Umstand plus die Verstärkung durch den starken Prager Großmeister gab den Ausschlag für die ganze Meisterschaft. Die Tschechen gewannen mit 3:1 und hielten fortan die Spitzenposition bis zum Schluss inne, mit einem 2:2 (vier Remisen) gegen Deutschland in Runde 6, ein 2:2 gegen Moskau in Runde 7, dann ein knapper Sieg (2,5:1,5) gegen die nur mit drei Spielern angetretenen WIS Odessa und einem ebensolchen Ergebnis gegen St. Petersburg in der Schlussrunde.

Spitzenstand

1. Tschechien 16:2 23,5
2. Stiller Don Rostow 15:3 26,0
3. Moskau 15:3 23,0
4. Deutschland 13:5 23,5
5. Katalonien 13:5 20,5
6. WIS Odessa 13:5 20,5
7. Schweiz 12:6 22,5
8. SF Katernberg 12:6 18,5
9. St. Petersburg 11:7 23,0
10. Finnland I 11:7 23,0
11. Baden 11:7 22,5
12. Wien 11:7 22,5
13. Rhein-Sieg 11:7 22,5
14. Norwegen I 11:7 22,5
15. Berlin 11:7 21,0
16. Leipzig 11:7 20,5
17. Italien 11:7 20,5
18. Salzburg 11:7 20,5
19. England I 11:7 20,5
20. D. D. -Oranjeteam I 11:7 20,0

(insgesamt 68 Mannschaften)

Die siegreiche tschechische Mannschaft spielte mit Vlastimil Jansa, der 3 Punkte aus 4 Partien holte (+2, =2), Jiri Lechtynsky 6/9 (+3, =6), Josef Pribyl 6/9 (+3, =6), Jindrich Trapl 4,5/8 (+3, =3, -2) und Jan Sikora-Lerch 4/6 (+2, =4).

Stiller Don holte Silber mit Vitali Zeschkowski 6,5/9 (+5, =3, -1), Nikolai Puschkow 4,5/9 (+3, =3, -3), Alexander Sacharow 7/9 (+6, =2, -1) und Alexander Petruschin 8/9 (+7, =2).

Die Bronzemedaille gewann das Team Moskau mit Oleg Chernikov 5/9 (+2, =6, -1), Juri Schabanow 6,5/9 (+4, =5), Anatoli Kreme-nietzki 7/9 (+5, =4) und Boris Archangelski 4,5/9 (+3, =3, -3).

Der undankbare vierte Platz (der allerdings genau der Setzlistenplatzierung und somit den Erwartungen entspricht) ging an das Team Deutschland, in dem spielten: Wolfgang Uhlmann 5/8 (+2, =6), Anatoly Donchenko 4/7 (+1, =6), Hans-Joachim Hecht 5,5/7 (+4, =3), Klaus Klundt 4/7 (+2, =4, -1) und Dr. Burkhard Malich 5/7 (+4, =2, -1).

Die Schweiz hatte mit Viktor Kortschnoi einen Ausnahmespieler in ihren Reihen, der mit 7,5 aus 9 am Spitzenbrett die beste Einzelleistung des ganzen Turniers hinlegte. Der Regelfall war: Kortschnoi gewann, offen blieb zunächst, ob die drei anderen Teammitglieder 1,5 Punkte schafften oder nicht. Oft klappte es, manchmal wiederum nicht. Nur im Kampf gegen die späteren Europameister war die Konstellation eine andere; an den Brettern 2 bis 4 konnten wunschgemäß die Punkte geteilt werden, aber der eidgenössische Schachtitan zog gegen den stark aufspielenden Lechtynsky den Kürzeren.

Holländisch A 93
J. Lechtynsky (Tschechien)
V. Kortschnoi (Schweiz)
1. d4 f5 2. g3 Sf6 3. Lg2 e6 4. Sf3 Le7 5. c4 0–0 6. 0–0 d5 7. b3 Sc6 8. Lb2 Se4 9. e3 Ld7 10. Sc3 Le8 11. Se2 Vor 17 Jahren wählte Kortschnoi auch schon (bzw. zuletzt) diese Eröffnungsvariante. Damals spielte der Chilene Morovic gegen ihn Sd2 und tauschte später auf e4, erreichte aber nichts. 11. …g5 Gegen Sf4 gerichtet. 12. cxd5 exd5 13. Se5 Dc8 14. f3 Sf6 15. g4 fxg4 16. fxg4 Lg6 16. …Sxg4 17. Lxd5+ ist für Weiß durchaus akzeptabel. 17. Sg3 De6 18. Sf5 Ld6 Der Springer e5 ist dreimal angegriffen, und wenn er seinen Platz verlassen muss, z. B. 18. …Ld6 19. Sxc6 bxc6, machen sich die weißen Schwächen e3 und g4 bemerkbar. Der erste Eindruck lautet: Kortschnoi steht besser. 19. e4!?

Schach-Kombination

Der Großmeister aus der nordtschechischen Stadt Jablonec (das Zentrum der weltbekannten böhmischen Glasindustrie) macht aus seiner Stellung noch das Beste. Schwarz muss den nächsten Schritt sorgfältig abwägen. Das nahe liegende

a) 19. …dxe4 führt fast forciert zum Remis: 20. Sh6+ Kg7 (Ja nicht …Kh8? wegen 21. Sef7+! Lxf7 22. d5, mit Vernichtung auf der Diagonale a1–h8.) 21. Sf5+ Kg8 (21. …Lxf5 22. Txf5 ist gut für Weiß.) 22. Sh6+ remis.

b) 19…Sxe4 ergibt eine reichlich unklare Stellung: 20. Lxe4 Lxe5 (20. …dxe4? verbietet sich natürlich wegen 21. d5; 20. …Sxe5 21. dxe5 Lc5+ 22. Ld4 Lxd4+ 23. Dxd4 dxe4 24. Dxe4 Tae8 25. Tae1 unklar) 21. dxe5 dxe4 22. De2 e3 (Oder 22. …Lxf5 23. gxf5, und Schwarz darf nicht auf f5 schlagen: 23. …Txf5 24. Txf5 Dxf5 25. Dc4+, und Weiß siegt im Angriff.) 23. Df3 nebst Tae1 mit offenem Ausgang der Partie.

19. …Lxe5 20. exd5 Lxh2+ Kortschnoi will offenbar, dass der Bauer auf d4 bleibt. Nach 20. …Sxd5 21. dxe5 wäre der Läufer b2 aktiver. 21. Kxh2 Sxd5 22. Df3 Tad8 Nicht unerwähnt bleiben sollte die interessante Abwicklung 22. …Lxf5 23. Dxd5 Sb4 24. Dxb7 Dd6+ 25. Kg1 Ld3 26. Txf8+ Txf8 27. a3 Dg3 28. axb4 Df2+ 29. Kh2 Dh4+ remis. Aber ein Kortschnoi spielt nie auf remis. 23. Ta

Schach-Kombination

Langsam wird deutlich, dass bei Schwarz etwas schief gelaufen ist (vielleicht doch im 20. Zug?), denn die schwarze Dame hat beileibe nicht viele Felder. So folgt nach 23. …Df6 das starke Damenopfer 24. Dxd5+! Txd5 25. Lxd5+ Kh8 26. Te6, und da …Df7 an Lxc6 nebst d5+ scheitert, muss Schwarz 26. …Dg7 ziehen, was ihm nach den weiteren Zügen 27. Sxg7 Txf1 28. Lg2 Tf2 29. d5 Txb2 30. dxc6 bxc6 31. Sf5 ein schlechtes Endspiel beschert. 23. …Dd7 24. La3 Es wäre noch nichts passiert, wenn Schwarz zu 24. …Lxf5 25. Lxf8 Sf4! gegriffen hätte. Aber Kortschnoi spielte nun 24. …Tf6? und hatte dabei offensichtlich 25. Dxd5+ Dxd5 26. Lxd5+ Txd5 27. Se7+ Sxe7 28. Txf6 übersehen. Weiß steht auf Gewinn, jetzt und auch noch kurz vor der Zeitkontrolle, wo es in beiderseitiger Zeitnot noch einmal dramatisch wurde. 28. …Sc6 29. Tf8+ Kg7 30. Tc8 Lf7 31. Lb2 Kg6 32. Txc7 Ta5 33. a3 Tb5 34. b4 a5 35. Tf1 Ld5 36. Tf5 36. Td7! gewinnt ohne Wenn und Aber: 36. …axb4 37. a4 Ta5 38. Td6+ Kg7 39. Tf5 usw. 36. …axb4 37. Td7 37. a4! +– 37. …bxa3 38. Lc3 Le6

Schach-Kombination

39. Td6 Alternativ 39. Txb5 Lxd7 40. Txb7 Lxg4 41. d5 Sd8 42. Tg7+ Kh6 (42. …Kf5 43. Td7 mit Springergewinn.) 43. Ta7 Kg6 (43. …Lf3? 44. Td7) 44. Txa3. So ganz einfach ist dieses Endspiel noch nicht, aber sicherlich günstig für Weiß. 39. …Txf5 40. gxf5+ Kxf5 41. d5 Lxd5 Eines zweiten Blickes würdig ist 41. …Lg8!? 42. dxc6 bxc6 43. Txc6 Le6 44. Ta6 a2. Hier ist der weiße Läufer an die Bewachung von a1 gebunden und Schwarz hat am Königsflügel zwei verbundene Freibauern. Andererseits ist der Einfluss des weißen Läufers auch andernorts spürbar, er kontrolliert etliche Felder, so dass Weiß irgendwann einmal sei es durch Austempieren und/oder durch das Eindringen des Königs doch gewinnt. Nach der Fortsetzung in der Partie fiel die Entscheidung einfacher. 42. Txd5+ Ke4 43. Tb5 Kd3 44. Lf6 Kc4 45. Txb7 Sb4 46. Lxg5 Sd5 47. Lc1 a2 48. Lb2 Sb4 49. Kg3 Sd3 50. La1 Sb4 51. Lg7 h5 52. Kh4 Sd5 53. Kxh5 Sf4+ 54. Kg4 Se6 55. La1 Sc5 56. Tb2 – 1:0

Dies blieb allerdings die einzige Niederlage der Koryphäe, sonst agierte Kortschnoi in gewohnt souveräner Manier.
 
Auszug aus
"Wenn die Moldau bei Dresden den Don überschwemmt… – Tschechien gewinnt die Jubiläumsauflage der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft der Senioren"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 3/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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