Schach-Magazin
Schach Magazin
Archiv 2008 ::

Wjik aan Zee


Wjik aan Zee
Foto: Cathy Rogers

In jedem Jahr fasziniert dieses ganz spezielle Wijk-Feeling: Während die Großmeisterturniere an einer Stirnseite konzentriert sind, dort, wo sich die Zuschauer in Trauben vor der Absperrung ballen, frönt das Schachvolk im selben Saal, zur selben Zeit seiner Leidenschaft

… Stahlindustrie, die schon unter der Flagge Hoogeveen (ein noch rein holländisches Unternehmen) segelte, später zusammen mit British Steel zum Corus-Konzern zusammengewachsen war. Und auch unter dem neuen, indischen Besitzer wird Corus weiter sponsern, jedenfalls liegt eine feste Zusage bis 2013 vor.

Die Ausrichter wollten die diesjährige, 70. Auflage symbolträchtig mit 70 mitwirkenden Großmeistern feiern, statt wie üblich drei, sollten fünf 14-er Turniere ausgetragen werden, dann aber erwies sich das Vorhaben finanziell wie personell als nicht einfach umzusetzen, und so blieb es beim alten Modus. Nur ein Extra leisteten sich die Veranstalter, ein kleines, aber feines Turnier mit vier berühmten Veteranen. Dabei setzte sich in diesem doppelrundig ausgetragenen Turnier der 57-jährige, in Spanien lebende Serbe Ljubojevic (der 1983 einmal die Nummer 3 der Weltrangliste belegte) mit 4 Punkten aus 6 Partien durch, gefolgt von den früheren Vizeweltmeistern Viktor Kortschnoi (Schweiz, Jahrgang 1931) und Timman (Niederlande, 1951) mit je 3 Punkten; die ungarische Schachlegende Lajos Portisch (1937) erzielte 2 Punkte.
[…]
Schließlich waren nach langer Zeit endlich einmal wieder die drei letzten Weltmeister (Topalov, Kramnik und Anand) versammelt, die natürlich alle sehr bemüht waren, sich gut in Szene zu setzen. Anand und Kramnik, die mit exakt der gleichen Elozahl die Weltrangliste anführen und die im Oktober dieses Jahres ihr WM-Match bestreiten werden, wollten natürlich auch psychologisch punkten; wie die Tabelle verrät, gelang das Anand, der seinen Rivalen um einen Punkt distanzierte. Und den Exweltmeister Topalov trieb eine alte Rechnung mit seinem Matchbezwinger Kramnik. Im Vorjahr konnte er sich vor ihm platzieren, diesmal nicht. Ein kleiner Trost für den Bulgaren: er entschied das direkte Duell spektakulär für sich (siehe Partieteil), aber in der Tabelle landete er zwei Plätze hinter Kramnik.
[…]
Und so endete das Duell dreier Schachkönige mit einem Sieg zweier Kronprinzen. Jawohl, zweier, denn nach einer alten Tradition wird in Wijk bei Punktgleichheit – ungeachtet der Feinwertung – stets von mehreren Siegern gesprochen. Der lieben Ordnung halber (und auch, weil die Tabelle irgendwie geordnet werden muss) sei erwähnt, dass Levon Aronian die etwas bessere Wertung vorweisen konnte.

Der Armenier war schon im Vorjahr (damals zusammen mit Topalov und Radjabov) geteilter Erster. Zieht man das Alter des erst 25-jährigen früheren Weltpokalsiegers mit in Betracht, so kann man den kolportierten Spruch „bevor Carlsen oder Karjakin Weltmeister werden, schiebt sich Aronian noch schnell dazwischen“ durchaus nachvollziehen. Wer weiß?

Im Gegensatz zu Anand erwischte Aronian in Wijk 2008 mit einem Sieg gegen To­palov einen sehr guten Start. Allerdings hätte das Turnier anders verlaufen können, wenn Topalov seine deutlich bessere Stellung auch gewonnen hätte. In dieser Partie zeigte sich Aronian von seiner besten Seite als äußerst geschickter Verteidiger, nicht von ungefähr präsentieren wir diese Partie in der Rubrik „Raus aus dem Schlamassel“ auf den Seiten 34/35. Hier wollen wir Ihnen eine andere seiner Gewinnpartien präsentieren.

Englisch A 30
W. Kramnik – M. Carlsen
Corus A (12), 26. 1. 2008
1. Sf3 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 c5 4. g3 b6 5. Lg2 Lb7 6. 0–0 Le7 7. d4 cxd4 8. Dxd4 d6 9. Td1 a6 10. Sg5 Lxg2 11. Kxg2 Sc6 12. Df4 0–0 13. Sce4 Se8 14. b3 Ta7 15. Lb2 Td7 16. Tac1 Alle diese Züge sind schon gespielt worden, wobei die Nachziehenden in der Regel mit …Da8 fortfuhren, einem logischen Zug, mit dem Schwarz die Felder a6 und c6 deckt und gleichzeitig ein Visavis von Dame und König aufbaut. Carlsen Zug 16. …Sc7 ist neu und sehr ambitiös. Schwarz deckt e6, damit er mit …f5 und …g5 loslegen kann. 17. Sf3 f5 18. Sc3 g5 19. Dd2 g4

Schach-Kombination

Irgendwie fühlt man sich an einen Spruch erinnert, der verschiedenen alten Meistern zugeschrieben wird. Darin wird ein anderer Meister gefragt, ob die Figur, die er soeben ins Geschäft gesteckt hatte, ein Opfer oder ein Versehen war. Der pointierte Bescheid: „Wenn ich die Partie gewinne, war es ein Opfer, wenn ich sie verliere, was es ein Versehen.“ Was ist von Carlsens Bauernaufmarsch zu halten? Um bei dem geschilderten Gleichnis zu bleiben: Es war, je nach Ergebnis der Partie, entweder ein aktiver Bauernsturm oder aber eine nicht mehr reparierbare Schwächung der Bauernstruktur. Als Letzteres wäre der Vormarsch im Falle eines Siegs Kramniks abgestempelt worden, aber Carlsen gewann ja.

Dennoch blieb der Jungstar auf dem Teppich und berichtete, dass er so bis zum 25. Zug eigentlich damit gerechnet hatte, dass er sich seiner Haut würde erwehren müssen und dass er bis zu diesem Zeitpunkt ein Remisangebot gerne angenommen hätte. 20. Se1 Lg5 21. e3 Tff7 22. Kg1 Se8 23. Se2 Sf6 24. Sf4 De8 25. Dc3 Tg7 Ermöglicht …Se4, was zuvor an Dh8 matt scheiterte. 26. b4 Se4 27. Db3 Tge7 Die Chancen sind verteilt und nach z. B. 28. f3 gxf3 (28. …Sf6 29. h4!) 29. Sxf3 Lxf4 30. exf4 wäre es dabei geblieben. Aber Kramnik ließ sein fast schon sprichwörtliches Gefühl für Gefahren im Stich und er ließ sich von der Verlockung eines Bauernraubs blenden. 28. Da4?! Se5 29. Dxa6? Ta7!

Schach-Kombination

Nun wurde Kramnik gewahr, dass das geplante 30. Dxb6? an 30. …Teb7 31. Dd4 Lf6 scheitert. Es droht …Sf3+ mit Damengewinn, und falls der König weicht, 32. Kf1, so folgt 32. …Sd7 33. Dd3 Lxb2 mit Figurengewinn. In seiner Not versuchte es der Exweltmeister mit einem psychologischen Trick. Er spielte 30. Db5 und bot remis an! Wer wird es schon wagen, gegen diesen Schachgiganten die Punktteilung zu verschmähen? Kaum jemand, aber Carlsen tat es. 30. …Dxb5 31. cxb5 Txa2 32. Tc8+?! Etwas besser ist Sfd3, um den Springer e5 los zu werden. 32. …Kf7 33. Sfd3 Lf6 34. Sxe5+ dxe5 35. Tc2 Hier scheitert 35. Sd3 an 35. …Sxf2 36. Kxf2 (36. Sxf2 Txb2) 36. …e4. 35. …Tea7 36. Kg2? Kramniks letzter Fehler in beiderseitiger Zeitnot. 36. f3 gxf3 37. Sxf3 ergibt eine für Schwarz zwar bessere, aber noch nicht gewonnene Stellung. Jetzt aber geht es mit dem Weißen rapide bergab. 36. …Sg5 37. Td6 e4 38. Lxf6 Kxf6 39. Kf1 Ta1 40. Ke2 Tb1 41. Td1 Auf 41. Txb6 entscheidet 41. …Td7! –+ nebst …Sf3. 41. …Txb4 42. Sg2 Txb5 43. Sf4 Tc5 44. Tb2 b5 45. Kf1 Tac7 46. Tbb1 Tb7 47. Tb4 Tc4 48. Tb2 b4 49. Tdb1 Sf3 50. Kg2 Td7 51. h3 Die Variante 51. Txb4? Txb4 52. Txb4 Td1 53. Se2 Se1+ 54. Kf1 Sd3+ mit Turmgewinn können auch weniger hochklassige Spieler leicht entdecken. 51. …e5 52. Se2 Td2 53. hxg4 fxg4 54. Txd2 Sxd2 55. Tb2 Sf3 56. Kf1 b3 57. Kg2 Tc2 – 0:1
 
Auszug aus
"Duell dreier Könige, Triumph zweier Kronprinzen – 70. Auflage des Schachfestivals in Wijk aan Zee"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 2/2008

Schach-Magazin a a a
Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

Designelement  :: Aktuelles Designelement
  Aktuelles Heft
Aktuelles Heft
Im Heft blättern
 

Designelement  :: Jahrgangsschuber Designelement
  Jahrgangsschuber
Aktuelles Heft
Der Preis pro Stück für 12 Ausgaben – inklusive Porto und Schutz-Verpackung beträgt € 14,90
Bestellungen bitte unter
Tel.: (0421) 36 90 325