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Archiv 2008 ::

Chanty Mansijsk


Mansijsk
Foto: Tara McGowran

… aber gewiss nicht untätige Chef des Weltschachbundes FIDE Kirsan Iljumschinow vor drei Jahren wertvolle Kontakte knüpfen, potente Sponsoren aus der boomenden Energiebrache für unseren Denksport gewinnen und die teuersten „Massenschach“-Vorhaben – den Weltcup 2007 und 2008, sowie die Schacholympiade 2010 – unterbringen.

Westsibirien, da denkt man an verschneite Taiga und Tundra auf der einen, an spartanische Unterkünfte auf der anderen Seite. Die schöne Natur existiert noch (wenn auch von dem fortschreitenden Raubbau an fossilen Brennstoffen in Mitleidenschaft gezogen), aber die Hotels in der Hauptstadt weisen einen durchaus hohen Standard auf, berichteten bereits die Rückkehrer vom letzten dort ausgetragenen Turnier. Problematisch ist eher das Wetter. Der Turnierkalender des Weltschachbundes ist übervoll, man muss auf alles mögliche Rücksicht nehmen, sprich Terminkollisionen ausweichen, und da der Weltcup die jüngste aller Spitzenveranstaltungen ist, wurde er sozusagen ans Jahresende gedrängt. Vorweihnachtliches Spielen etwa am Mittelmeer könnte durchaus reizvoll sein, in Sibirien bedeutet dies in der Regel minus 20 bis minus 30 Grad. Die Engländerin Tara McGowran, die ständige Begleiterin und seit Herbst dieses Jahres die Ehefrau des englischen Topspielers Michael Adams, sagte uns vor dem Turnier Fotos zu, vorbehaltlich „dass meine Kamera nicht einfriert“.

Ganz so schlimm war es nicht. „Kaum habe ich mich an die minus 20 gewöhnt, schon wird’s wärmer“, ulkte etwa der Exweltmeister Ruslan Ponomarjow bei einer der vielen täglich stattfindenden Pressekonferenzen. Und andere haben sogar die Wintersportmöglichkeiten genossen, so etwa der für Spanien spielende, russischstämmige Lette Alexej Shirov, der täglich dem Skisport frönte und vielleicht auch deshalb in Topform spielte, bis er etwas unglücklich im Finale Kamsky unterlag, doch mehr darüber später.

Mansijsk   Die besondere Wetterlage erfreute auch die Teilnehmer durch eine einmalige Show unter freiem Himmel. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Figuren aus Eis gestaltet. Das Bild eines besonders aufwendigen Werkes – ein überdimensionales Schachspiel aus Eis – schmückt das Titelblatt dieser Ausgabe.
Foto: Tara McGowran

Von den 128 qualifizierten Teilnehmern traten zwei nicht an. Der Mexikaner Zamora wegen einer Erkrankung und der Georgier Izoria, weil er sein Visum nicht erhielt. Die Gerüchteküche brodelte (bekanntlich sind die Beziehung zwischen Russland und Georgien derzeit nicht ganz ungetrübt), aber da ein anderer Georgier (Gagunashvili) kam, war das Ganze bald kein Thema mehr; offenbar war Izoria etwas spät dran.

In der ersten Runde gab es erwartungsgemäß nicht viele Überraschungen. Exweltmeister Chalifman scheiterte knapp an seinem starken Landsmann Wladimir Below. Angenehm überraschte der deutsche Vertreter David Baramidze (19), der den früheren WM-Finalisten Nigel Short aus dem Wettbewerb warf, nach zwei Remisen wurde der Schnellschachstichkampf ausgetragen, bei dem Short in einer Partie eine recht einfache Springergabelkombination übersah. Dies erzählt die reine Notation, Tara McGowran weiß Dramatischeres zu berichten. Baramidze verschlief nämlich den Beginn der Tiebreaks und hätte sich gleich nach der ersten Runde auf den Heimweg machen müssen, doch da trat ein Schutzengel in Gestalt einer Hotelangestellten auf den Plan, die zwecks Überprüfung der Minibar Baramidzes Zimmer geräuschvoll betrat und den Jungmeister weckte. Dieser stürmte los und erreichte sein Brett, auf seiner Uhr waren nur noch sage und schreibe 53 Sekunden übrig. Ein Glück, dass sich dieser Vorrat mit jedem gemachten Zug um den Zeitbonus von 10 Sekunden vergrößert. Auch so kann man eigentlich so eine Partie nur in den Sand setzen, aber das Gegenteil war der Fall und Short war es, der die Heimreise antreten musste, laut Tara mit dem „Lousiest Way To Be Eliminated Award“ (dem Preis für die schrecklichste Art und Weise, ausgeschieden zu sein) im Gepäck.

Mansijsk   Der Weltcupsieger Gata Kamsky vor seiner Partie gegen Kiril Georgiev. Gegen einen anderen Bulgaren, gegen Veselin Topalov, soll Kamsky demnächst zu einem WM-Qualifikationsmatch antreten.
Foto: Tara McGowran

[…]

Sizilianisch B 31
G. Kamsky – A. Shirov
4. Finalpartie
1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 g6 4. 0–0 Lg7 5. c3 Sf6 6. Te1 0–0 7. d4 d5 8. e5 Se4 9. Lxc6 bxc6 10. Sbd2 Lf5 11. Sh4 e6 12. Sxf5 exf5 13. f3

Schach-Kombination

13. …cxd4 Was soll man da schon machen, wenn man mit Schwarz gewinnen muss? Inkorrekt ist das Opfer aber auf keinen Fall, nach 14. fxe4 dxc3 (droht …Db6+ nebst …cxb2) 15. bxc3 fxe4 16. La3 Te8 17. Ld6 Lxe5 (Shirov könnte auch …Txe5!? einfallen) 18. Lxe5 Txe5 hat Schwarz drei Bauern für die Figur. Besser steht er wohl nicht, er hat aber eines ereicht, er hat eine Stellung herbeigeführt, die überhaupt Gewinnchancen bietet. Doch Kamsky sorgt vor: 14. cxd4 Sg5 15. b4 a5 16. bxa5 Txa5 17. Sb3 Ta7 18. Lxg5 Dxg5 19. Dc2 Tc8 20. a4 Lf8 21. a5 Lb4 22. Te2 Dd8 23. e6 fxe6 24. Txe6 Dd7 25. De2 Kf7 26. Te5 Ld6

Schach-Kombination

Nanu, kommt Schwarz nun nach 27. Te3 Lf4 etwa zu Spiel? 27. f4!? Ein bemerkenswerter Zug, wo Weiß doch eigentlich darauf bedacht sein sollte, das Spiel ruhig zu gestalten. Aber – Kamsky hat Recht. Die Stellung wird für ihn zunehmend unverlierbar. 27. …Lxe5 28. fxe5 Db7 Auch nach 28. …Kg8 29. Sc5 Dg7 30. a6 entwickelt sich eine Stellung, in der Schwarz nicht wirklich vorankommen kann. 29. Sc5 Db4 30. e6+ Kg8 31. Td1 Dxa5 32. e7 Te8 33. De6+ Kg7 34. De5+ Kf7 35. De6+ Schwarz kann dem Dauerschach nicht ausweichen, nach 35. …Kg7 36. De5+ Kh6?? führt 37. Se6 zum Matt remis

Das Ergebnis hätte leicht 2:2 lauten können, wer weiß, wie die Stichkämpfe ausgegangen wären. Wie auch immer, Beifall verdienten beide Finalgegner. Shirov, der rein rechnerisch (Eloauswertung) die beste Leistung des Turniers brachte, und Kamsky, der einzige ungeschlagene Teilnehmer, der schließlich sein Comeback wahrlich eindrucksvoll vollendete. Auf Kamsky wartet nun ein Match gegen Exweltmeister Topalov. Der Sieger wird dann gegen den Gewinner der WM zwischen Anand und Kramnik antreten.
 
Auszug aus
"Spitzenschach in Sibirien – Weltcup in Chanty Mansijsk"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 1/2009

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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