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Archiv 2008 ::

Moskau


Moskau
Foto: Anna Burtasowa

Juri Wassiljew (l.) interviewt den frischgebackenen Blitzweltmeister Wassili Iwantschuk

… Dort warteten die großen Kaliber, darunter Weltmeister Viswanathan Anand, sein Vorgänger Wladimir Kramnik und Vorjahresblitzsieger Alexander Grischuk. Was will das Schachherz mehr, wenn 100 000 Dollar (davon allein 25 000 Dollar für den Sieger) ausgelobt sind und das weltberühmte GUM-Kaufhaus mit Frontalblick auf den Roten Platz Spielstätte ist? Alles zusammen ergab vier Tage mit ultra-scharfem, unvergesslichem Hochleistungsdenken. Und als ob dies für den Schachfan nicht schon Träumerei genug gewesen wäre, steigerte es sich zu einem Finale wie es ein Alfred Hitchcock nicht besser hätte inszenieren können. Die letzte Falle im Schlussrundenduell zwischen dem Weltranglisten-Ersten und dem -Zweiten gab einen bizarren Ausgang, nachdem Anand im Mittelspiel zwei Bauern mehr hatte … Wir werden es noch sehen.
[…]
GUM und Drumherum Das vormals staatlich kontrollierte Warenhaus GUM (die Abkürzung steht für Gosudarstvennij Universalnij Magazin) ist nunmehr privatisiert, und man findet jetzt alle westlichen Luxuswaren. Es herrscht dort, an der dem Kreml gegenüberliegenden Seite des Roten Platzes, jedoch immer noch einen Hauch von Zarenatmosphäre. Die Arkaden kleidete bereits der Neujahrsschmuck für 2008, und ein riesiges Plakat mit einem Uhrmotiv, welches an die Zahnräder aus Fritz Langs Film „Metropolis“ erinnerte, verwies auf das Stelldichein der Crème de la Crème im Blitzschach. Der Spielsaal erstrahlte hell mit den weiß stuckverzierten Wänden, und fast jeder Spieler hatte eine eigene, mit Gitterstangen abgetrennte und von Scheinwerfern ausgeleuchtete Arena. Bei freiem Eintritt wimmelte es nur so von Spielern, Organisatoren, Medienleuten und Schachfans. Doch jeder schien die Abläufe in diesem „Ameisenhaufen“ zu verstehen, und das Geschehen im kleinen „Schachmetropolis“ wogte hin und her.

Anders als 2006 in Israel gab es keinen alleinigen Sturmlauf. Doch Titelverteidiger Grischuk hielt sich wieder an der Spitze auf. Nach Tag eins und 19 Runden lag der Moskauer einen halben Punkt hinter Wassili Iwantschuk (13,5 Punkte) und einen halben Punkt vor Gata Kamsky bzw. einen Punkt vor Peter Leko. Mitfavorit Anand stand bei 11,5 Zählern. Kramnik, der beim Tal-Memorial so überzeugend agierte, patzte zu oft und befand sich bei 10,5 Punkten. Aber sein Lächeln verging ihm nicht, und überhaupt herrschte allseits eine freudig-erregte Stimmung.

Manche Wette, darunter beispielsweise Sutovsky, sah – trotz sieben Spielern aus den Top Ten der Weltrangliste – ¬Shakhriyar Mamedyarov vorn. Doch „der Hai“ (the ‚Shark’) schwamm nicht in seinem Wasser – bis auf eine Ausnahme am ersten Tag in Runde acht, als er den früheren Kosteniuk-Trainer überrumpelte.

  Name Land Elo Pkt.
1. Wassily Iwantschuk Ukraine 2787 25,5
2. Viswanathan Anand Indien 2801 24,5
3. Alexander Grischuk Russland 2715 23,5
4. Gata Kamsky USA 2714 23,5
5. Wladimir Kramnik Russland 2785 21,5
6. Peter Leko Ungarn 2755 21,5
7. Sergej Rublewski Russland 2676 21,5
8. Alexander Morosewitsch Russland 2755 21,0
9. Magnus Carlsen Norwegen 2714 20,5
10. Shakhriyar Mamedyarov Aserbaidschan 2729 18,5
11. Michael Adams England 2729 18,5
12. Ruslan Ponomarjow Ukraine 2705 18,0
13. Rustam Kasimdzhanov Usbekistan 2690 17,5
14. Alexej Drejew Russland 2607 17,0
15. Boris Gelfand Israel 2736 17,0
16. Boris Sawtschenko Russland 2583 17,0
17. Alexei Shirov Spanien 2739 16,0
18. Anatoli Karpow Russland 2670 14,0
19. Etienne Bacrot Frankreich 2695 12,0
20. Alexei Korotylew Russland 2600 11,5


[…]
Und dann kam der Moment der Momente: Letzte Runde und Anand hatte soeben zu Iwantschuk aufgeschlossen. Video- und Fotokameras scharrten sich bereits frühzeitig um das Anand-Brett, der ebenso wie Kramnik das Privileg genoss, stets am gleichen Tisch spielen zu dürfen. Die Protagonisten mühten sich mit Ellenbogenanstrengungen zu den 64 Feldern vorzudringen, und Schiedsrichter Andrej Filipowicz verkündete, dass es im Fall eines Remis zum Tie-Break kommen wird. Wahrscheinlich wünschten sich dies viele Zuschauer insgeheim, aber das wahre Leben ist selten ein Wunschkonzert. Anand erspielte sich eine sturmreife Stellung und hatte zudem fast eine Minute mehr auf der Uhr. Dann spielte die Schachgöttin verrückt:

Sizilianisch B 42
V. Anand – W. Iwantschuk
Blitz-WM (38), Moskau 2007

1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 a6 5. Ld3 Lc5 6. Sb3 La7 7. De2 Sc6 8. Le3 d6 9. S1d2 Sf6 10. f4 0–0 11. Lxa7 Txa7 12. g4 b5 13. 0–0–0 Tc7 14. Thg1 De7 15. Kb1 Sd7 16. g5 Lb7 17. Tg3 Sb4 18. Th3 g6 19. Dg4 Tfc8 20. Dh4 Sf8 21. a3 Sxd3 Soweit kaum Anzeichen, dass wir gleich die denkwürdigste Blitzpartie des Jahres erleben werden. 22. cxd3 h5 23. gxh6 Dxh4 24. Txh4 Sh7 25. Sd4 Sf6 26. S2f3 Te8 27. Sg5 e5 28. fxe5 dxe5 29. Sdf3 Verpasst 29. h7+! Kh8 30. Tf1 mit unabwendbaren Drohungen gegen die schwarze Stellung. 29. …Sh5 30. Tg1 Kh8 31. Sh3 Lc8 32. Sf2 Sf4

Schach-Kombination

33. Sxe5?? Nach 33. d4 Se2 34. Td1 Sxd4 35. Sxe5 wäre der Kampf völlig offen geblieben. 33. …Se2 34. Te1 Sd4 35. Seg4 Sf3 Diese Stellung wird Vishy einige schlaflose Nächte bereiten. „Ich sah es nicht, ich habe es komplett verpennt“, klagte der Weltmeister anschließend. 36. Sf6 Td8 37. Sd5 Tb7, und der Spielsaal erbebte unter dem tosenden Applaus. 0:1

Man muss dem Unterlegenen jedoch Größe zollen, denn im Gespräch danach fand er ein nüchternes Urteil – freilich mit Spitzen gegen sich selbst: „Am ersten Tag konnte ich froh sein, nicht auf dem letzten Platz zu liegen, am zweiten Tag war ich nahe am Sieg. Es ist schade, die Gelegenheit verpasst zu haben! Aber Wassili zeigte mehr als ich, und ich gratuliere ihm zu seinem Sieg!“ Der polnische Hauptschiedsrichter fand schlichtere Worte: „Das Ergebnis der 38. Runde: Wassili Iwantschuk ist Blitzweltmeister! Und nun ein Jahr Pause!“
 
Auszug aus
"Iwantschuk räumt Anand ab! – Weltranglisten-Zweiter gewinnt mit Fortune superstarke Blitzweltmeisterschaft in Moskau"
erschienen in

SCHACH MAGAZIN 64, 1/2008

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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