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Angreifen wie Boris Spasski


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen während einer Partie neben einem Großmeister. Sie haben reichlich Zeit, sich über jeden anstehenden Zug Gedanken zu machen, bevor der Großmeister seinen ausführt. Dann können Sie Ihren Ideen und Gedankengänge mit seinen vergleichen. Zum Schluß können Sie in der Tabelle nachsehen, wie Sie abgeschnitten haben. Dieser Selbsttest wird Ihnen helfen, Ihre Spielstärke erheblich zu steigern. Oder Sie können auch einfach eine interessante - von einem bekannten Großmeister kommentierte – Partie genießen.

Bei der Wahl des FIDE Buchs des Jahres ging Game Changer der Autoren Matthew Sadler & Natasha als würdiger Sieger hervor, aber mir hat es ein anderes nominiertes Werk angetan: Beyond Material von Davorin Kuljasevic.

Der Autor ist ein kroatischer Großmeister, der an der Texas Tech University studiert. Im Untertitel fordert der Autor den Leser auf, den auf der bekannten Scala angegebenen Wert der einzelnen Figuren zu ignorieren und stattdessen die Bedeutung der Faktoren Zeit, Raum und Psychologie in den Vordergrund zu stellen, was zunächst etwas abstrakt klingt. Im Prinzip widmet sich dieses Buch einem Thema, das in dieser Zeitschrift zumeist unter dem Label positionelles Opfer firmiert. Dabei hat mir ein Beispiel aus der Praxis von Boris Spasski besonders gut gefallen, eine Partie übrigens, die ich noch nie gesehen habe. Sie wurde 1955 gespielt, als der damals erst 18-jährige Spasski mit seinem geteilten dritten Platz bei der sowjetischen Landesmeisterschaft seinen, angesichts der enorm starken Gegnerschaft erstaunlichen Einstand feierte.

Réti-Eröffnung A 13
V. Simagin - B. Spasski
Moskau 1955


1. c4 Sf6 2. Sf3 e6 3. b3 d5 4. Lb2 c5 5. e3 Sc6 6. a3 Le7 7. cxd5 exd5 8. d4 cxd4 9. Sxd4 0-0 10. Le2 Ld6 11. Sd2 Sxd4 12. Lxd4 Lf5 13. 0-0 Tc8 14. Ta2 Lb8 15. Da1 Dd6 16. g3 Tfe8 17. Sf3 Lh3 18. Te1

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Auf den ersten Blick steht Schwarz gedrückt, und die mögliche Bauernverdopplung nach dem eventuellen Lxf6 macht die schwarze Stellung auch nicht attraktiver. Spasskis Lösung ist einfach Klasse: 18. …Se4! 19. Lxg7 Dg6 20. Le5 Lxe5 21.Sxe5 Df5

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Für den Preis eines Bauern befreite Schwarz die eigene Stellung und verlagerte das Spiel zum Königsflügel, wo er jetzt aktiv wird. Nun muss Weiß nach aktivem Spiel Ausschau halten. Kuljasevic empfiehlt das Qualitätsopfer 22. Sd3 Sc3 23. Sf4 Sxa2 24. Dxa2, und Weiß hat mit seinem Mehrbauern und dem gut postierten Springer eine ausreichende Kompensation für die Qualität.

Simagin spielte schwächer 22. f4? worauf Spasski voll aufdrehte mit 22. …f6 23. Sf3 Sc3 24. Sh4 De6 25. Lh5 Sxa2 26. Lxe8 Tc1

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Weiß kann seine Dame nicht retten, auf 27. Txc1 führt 27. …Dxe3+ 28. Kh1 Sxc1 zu einer undeckbaren Mattsetzung auf der Grundreihe. Simagin verabschiedete sich von seiner Dame und bald auch von der Partie. 27. Dxc1 Sxc1 28. Lb5 a6 – 0:1

Spasski wird für seinen Universalstil gerühmt, was bedeutet, dass er jede Art von Stellungen gut spielen kann, halt so, wie es die meisten Weltmeister können. Dennoch sind seine Meisterwerke verhältnismäßig unbekannt, denn er hat keine Biografie zu seinen Partien verfasst, auch die Tätigkeit als Kommentator lag ihm nicht, dazu sei er zu faul, wie er es dem Redakteur dieser Zeitschrift nach einem gemeinsam bestrittenen Bundesligakampf anvertraute.

Der Autor dieser Rubrik zeigte sich besonders beeindruckt, wie oft Spasski mit direktem Angriffsschach die Gegner förmlich vom Brett fegte. Die Partie in dieser Kolumne beginnt eher gemächlich, doch zum Schluss sehen wir Spasski in seinem Metier.

Sizilianisch B 26
B. Spasski (2605) - E. Lobron (2540)
New York Open, 1987


1. e4 c5 2. Sc3 Sc6 3. g3 g6 4. Lg2 Lg7 5. d3 e6 6. Sge2 Sge7 7. Le3 Sd4 8. Tb1 0-0 9. 0-0 Sec6 Jetzt sind Sie am Zug.

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10. a3

Drei Punkte. Weiß bereitet den Vorstoß b4 vor, mit der Absicht, Schwarz die Kontrolle über das Feld d4 streitig zu machen. Boris hatte eine Vorliebe für subtile Schubser. Der geschlossene Sizilianer hat mehr vorzuweisen als ein Herumhacken am Königsflügel.

Schon in den 1960er Jahren wählte Spasski gelegentlich den geschlossenen Sizilianer (im Kandidatenmatch 1968 gelangen ihm damit drei ausgezeichnete Siege gegen Geller), aber erst in den achtziger und neunziger Jahren war die Eröffnung ein Bestandteil seines Repertoires. Dafür gab es einen guten Grund: Der geschlossene Sizilianer ist ein System, das man "nach Gefühl" spielen kann, man muss nicht seitenlange Varianten auswendig lernen, und zu der Zeit steckte Spasski nicht allzu viel Zeit in sein Eröffnungsrepertoire.

Ein Standardzug ist 10. Dd2 (zwei Punkte), aber ist der Zug hier angebracht? Es stellt sich die Frage, wie Weiß den Griff auf das Feld d4 abschütteln will und ob der Damenzug dabei hilfreich ist. Läufer h6 droht nicht wirklich, der Bauer c2 ist schwach. Ich bin nicht sicher, wie Weiß am besten fortsetzt.

10. f4 (zwei Punkte). Auch dies ist ein Standardzug, und wieder das gleiche Problem: Was nun? So schnell wird der Bauer nicht nach f5 vorziehen können.

10. …a5 Schwarz vereitelt standhaft das Vorrücken des b-Bauern.

Weiter geht's in der Ausgabe September 2020.

Fragen und Anregungen richten Sie bitte direkt an den Autor: www.danielking.biz

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Großmeister Daniel King schreibt in jeder Ausgabe der monatlich erscheinenden Zeitschrift Schach-Magazin 64 eine neue Folge! Eine Leseprobe als PDF-Datei können Sie hier herunterladen: Katalanisch E 06, K. Sauravh (2324) – J. Gustafsson (2647),Pattaya 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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