Schach Magazin
Test und Training ::

Superschachprogramme: mit viel Respekt, dennoch kritisch betrachtet


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen während einer Partie neben einem Großmeister. Sie haben reichlich Zeit, sich über jeden anstehenden Zug Gedanken zu machen, bevor der Großmeister seinen ausführt. Dann können Sie Ihren Ideen und Gedankengänge mit seinen vergleichen. Zum Schluß können Sie in der Tabelle nachsehen, wie Sie abgeschnitten haben. Dieser Selbsttest wird Ihnen helfen, Ihre Spielstärke erheblich zu steigern. Oder Sie können auch einfach eine interessante - von einem bekannten Großmeister kommentierte – Partie genießen.

Nach 13 der 14 Runden des diesjährigen Turniers in Wijk aan Zee führte Carlsen mit einem halben Punkt Vorsprung vor Anish Giri das Feld an und wie es der Zufall wollte, mussten ausgerechnet sie in der Schlussrunde gegeneinander spielen. Dies ist eine klassische "muss-gewinnen"-Situation für den Verfolger, der in diesem Fall insofern begünstigt war, als er Weiß hatte. Und da es zwischen den beiden auch schon mal verbal knisterte, wurde ein ganz harter Kampf erwartet.

Doch als Giri in einem Interview am Vorabend der Partie zu seinen Aussichten in diesem Alles-oder-nichts-Kampf befragt wurde, raunte er zurück: "Wieso muss ich gewinnen? Sie denken wohl ich will auch das Turnier gewinnen? … Ich werde mich mit Weiß verteidigen und sehen, was dabei herauskommt." In Saal breitete sich Heiterkeit aus.

Giri hat einen ganz speziellen Humor, vielleicht hilft ihm das die Anspannung abzubauen oder unangenehmen Fragen auszuweichen. Doch nach dem Beginn der Partie wurde klar, dass in Giris Scherz mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckte. Die Partie begann mit den Zügen 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e5 6. Sdb5 d6 7. Lg5 a6 8.Sa3 b5 9. Sd5 Le7 10. Lxf6 Lxf6 11. c3 Lg5 12. Sc2 Tb8 13. Le2 0-0 14. 0-0 Kh8

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Bis jetzt folgte Giri der Partie Carlsen - Radjabov aus demselben Turnier. Statt 15. a3, wie Radjabov spielte, geschah nun 15. Lg4 eine Computerempfehlung übrigens. Statt die weißfeldrigen Läufer abzutauschen, wich Carlsen ab mit 15. …Lb7 Wie Giri nach der Partie verriet, war er mit dieser Stellung nicht vertraut, und statt mit Dd3 die Spannung aufrechtzuerhalten, entschloss er sich, Vereinfachungen anzustreben: 16. Scb4 Sxb4 17. cxb4 g6 18. a4 bxa4 19. Txa4 Lc6 Das Qualitätsopfer 20. Le2 kann nicht ernstlich als ein Gewinnversuch gewertet werden, eher als ein positionelles Opfer zwecks Sicherung der eigenen Stellung. Das Motiv ist in dieser Eröffnung schon mehrmals vorgekommen. 20. …Lxa4 21.Dxa4 f5 22. exf5 Txf5 23. Ld3 Tf8 24. Dxa6 Ld2 25. Dc4 Dc8 26. De4 Lxb4 27. Sxb4 Tf4 28. Dc6 Tfxb4 29. Dxd6 Df8 30.Dxe5+ mit Remisangebot, das Carlsen annahm und Turniersieger wurde.

Giris Statement vor der Partie, er würde sich mit Weiß verteidigen und dann sehen, beschrieb diese Partie präzise und sagt auch viel über seinen Charakter. Trotz seiner gelegentlich spöttischen Tweets an Carlsens Adresse, fühlt er sich zu einem offenen Kampf nicht bereit. Trotz dieser Haltung gelang es dem 24-Jährigen, Schritt für Schritt bis auf die vierte Sprosse der Weltrangliste emporzuklimmen. Dies könnte ihm einen Platz im Kandidatenturnier sichern, falls er auf dem üblichen Weg der Qualifikationsturniere wie Grand Prix oder Weltcup scheitern sollte. Dies ist momentan sein Hauptziel, wovon er sonst träumt, daran lässt er die Öffentlichkeit nicht teilhaben.

Auch die Partie in dieser Folge von Test und Training ist ein Duell zwischen den erwähnten Protagonisten. Sie wurde kurz vor der Jahreswende 2018/19 bei der Blitzweltmeisterschaft in St. Petersburg gespielt, die Carlsen gewann (Bericht in der letzten Ausgabe) und bei der Giri den 10. Platz belegte. Im Blitz kann man fehlerfreies Schach normalerweise nicht erwarten und man bekommt es auch selten zu sehen. Doch Carlsens Spiel war erstaunlich, bis auf einen kleinen Ausrutscher war alles akkurat kalkuliert.

Unregelmäßig A 28
M. Carlsen (2835) - A. Giri (2783)
St. Petersburg 2018


1. c4 e5 2. Sc3 Sf6 3. Sf3 Sc6 4. e4 Lc5 Giri wählt den ehrgeizigsten Zug - er kontrolliert die schwarzen Felder -, wobei es ihn nicht schert, dass Carlsen danach die Stellung aufbrechen kann. 5. Sxe5 Sxe5 6. d4 Lb4 7. dxe5 Sxe4 Der Test startet hier:

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8. Df3

Drei Punkte. Der Angriff auf den Springer c3 erforderte ein Eingreifen seitens Weiß, der nun seinerseits den schwarzen Springer attackiert.

Obwohl die Stellung nach Angriff riecht, hat Weiß hier durchaus auch andere Optionen:

8. Dd4 (drei Punkte) war seinerzeit ziemlich populär, zum Beispiel 8. …Sxc3 9. bxc3 Le7 10. Dg4 Kf8 11. Df3 d6 12. Lf4 h5 13. Ld3 g5, Ljubojevic-Kramnik (Sie wissen noch, wer das ist?), Monte Carlo 2002.

8. Dd3 (zwei Punkte) verfolgt einen ähnlichen Plan, allerdings ist es schade, dass das womöglich beste Feld für den Läufer f1 blockiert wird. Auch kann Schwarz 8. …Sc5 spielen, was meinem Rechner gefällt, ganz okay ist aber auch 8. …Sxc3 9. bxc3 La5.

Nicht ganz so wirkungsvoll ist 8. Dc2 (ein Punkt). Mit 8. …Sxc3 9. bxc3 Lc5 10. Ld3 Dh4 erobert Schwarz Raum und verhindert, dass Weiß am Königsflügel die Initiative übernimmt.

8. Dg4 ist nicht so gut: 8. …Sxc3 9. a3 (9. Dxg7 Sa4+ 10. Kd1 Tf8 mit Materialgewinn) 9. …Lf8 10. bxc3 d6 11. Dg3 De7, und Schwarz übernimmt die Initiative.

8. Db3 Lxc3+ 9. bxc3 De7 kann nur Schwarz erfreuen; die weiße Dame steht auf der falschen Seite der Bauern.

Und schließlich 8. Ld2 Lxc3 9. bxc3 Sxd2 10. Dxd2 0-0. Schwarz, der als Erster seinen König in Sicherheit gebracht hat, ist bereit auszuschwärmen, und Weiß hat nicht einmal Kompensation für den erbärmlichen Doppelbauern.

8. …Sxc3?

Weiter geht's in der Ausgabe März 2019.

Fragen und Anregungen richten Sie bitte direkt an den Autor: www.danielking.biz

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Großmeister Daniel King schreibt in jeder Ausgabe der monatlich erscheinenden Zeitschrift Schach-Magazin 64 eine neue Folge! Eine Leseprobe als PDF-Datei können Sie hier herunterladen: Katalanisch E 06, K. Sauravh (2324) – J. Gustafsson (2647),Pattaya 2011

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spieler der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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