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Schachschule 64 ::

Einbrecher vor dem Königshaus


Angriffe mit dem Duo Springer h5 und Läufer g5



Die bekanntesten Angriffe auf die Stellung des schwarzen Königs beginnen mit dem Angriff auf den Punkt f7, dem weißen König wird - etwas seltener - via f2 auf den Pelz gerückt. Die Felder f7 bzw. f2 sind ja in der Eröffnungsphase nur durch den König gedeckt und damit von Natur aus anfällig. Diesem Motiv wurden bereits mehrere Folgen der Schachschule 64 gewidmet, nämlich die Teile 4 und 5 sowie 8 bis 10.

Recht oft kracht es auch auf den benachbarten Feldern g7 und h7 (bzw. g2, h2). Dem klassischen Läuferopfer auf h7 werden in der Literatur ganze Kapitel gewidmet, der Angriff auf den g-Bauern wird dagegen nur wenig oder gar nicht behandelt. Mit diesem Beitrag soll diese Lücke geschlossen werden.

Wie gesagt, es geht hier um die Erstürmung des Punktes g7, der nur vom König gedeckt ist. Das reicht oft nicht aus.



B. Muhren - A. Benggawan
Jugend-WM U 12, Cannes 1997
Weiß am Zug


Das Feld g7 ist einmal bedroht und einmal gedeckt. Mit dem Springeropfer 12. Sxg7! wird der Weg für die anderen Kräfte bereitet: 12. …Kxg7 13. Lf6+ Kg8 14. Dg5 (droht Dh6) 14. …Sf5 15. Lxf5 Te7 (Oder 15. …exf5 16. Dh6 Dxf6 17. exf6, gefolgt vom Matt auf g7.) 16. Lxg6 fxg6 17. Lxe7, und Weiß behält bei andauerndem Angriff einen Turm mehr. In der Partie verweigerte Schwarz die Annahme des Opfers 12. …Dd7 und musste nach 13. Sh5 Kh8 14. Sf6 Dd8 15. Dh5 die Waffen strecken – 1:0

Man beachte, dass die Kombination funktionierte, weil Weiß nach dem Springeropfer sofort mit Lf6 nachsetzen konnte. Die notwendige Voraussetzung für eine solche Kombination ist die Stellung des Läufers auf g5. Dieser kann auch den Angriff anführen:



D. Kjartansson - S. Bergsson
Open Reykjavik 2004
Weiß am Zug


Hier ist der Punkt g7 zusätzlich von dem Läufer auf f8 gedeckt, weswegen Sxg7 nicht zum Erfolg führt. Aber 22. Lf6! verstärkt den Druck auf g7. Dabei ist der Läufer auf f6 tabu, 22. …gxf6 23. Sxf6+ Kh8 24. Sxd7+ kostet ja die Dame. Also versuchte Schwarz die Diagonale a1-h8 zu verschließen 22. …Se5 23. Sxe5 dxe5 jedoch vergeblich, denn Weiß kann auf g7 opfern: 24. Sxg7! Einfach zurückschlagen geht nicht, nach 24. …Lxg7 25. Dg3 folgt ein Matt per Dxg7. Schwarz hätte getrost aufgeben können, er tat es erst nach den Zügen 24. …h6 25. Sxe8 Txe8 26. Tac1 Tc8 27. Dxe5 Kh7 28. Dg3 1:0

Bei einem flüchtigen Blick auf die Ausgangsstellung könnte man sich die Frage stellen: Muss Weiß eigentlich mit 22. Lf6 anfangen, führt 22. Lh6 nicht ebenso zum Ziel? Das ist nicht der Fall, Schwarz antwortet 22. …f5!, wonach seine Dame die Verteidigung von g7 stärkt. Aber es gibt auch Stellungen, wo der rechte Weg mit Lh6 beginnt.



A. Rodriguez - F. Morales
Villa Gesell Open 1971
Weiß am Zug


Hier ist das Feld f6 viel zu oft überdeckt, aber 19. Lh6! erstürmt das Schlüsselfeld g7. 19. …gxh6 führt zum Matt nach 20. Dxh6 Lf6 21. Sxf6+ Dxf6 (21. …Kh8 22. Dxh7 matt.) 22. exf6 und 23. Dg7. In der Partie geschah 19. …Sh4 20. Lxg7 Sb3 21. Df4 Sxf3+ 22. gxf3 Lg5 23. Dg4 mit Gewinn nach dem folgenden Lf6 oder im Falle von 23. …h6 24. Lxh6, weswegen hier – 1:0

Zumeist läuft der Überfall des "Räuber-Duos" (gemeint sind die Leichtfiguren auf g5 und h5) über das Schlüsselfeld f6, wofür die nächsten Beispiele ein beredtes Zeugnis ablegen.



Quoc Khanh To - Vu Dung Dang
Tan Binh Open 2000
Weiß am Zug


17. Lf6 Analog dem zweiten Beispiel nutzt Weiß die drohende Springergabel nach 17. …gxf6 18. Sxf6+ Kg7 19. Sxd7. 17. …Sf4 18. Sxg7 Weiß hat einen Bauern gewonnen und schickt sich an, mit 19. g3 Sg6 20. Dh6 fortzufahren, wonach die Drohung Sh5 nebst Dg7 matt am Horizont erscheint. 18. …Tfc8 19. Dd2 e5 20. Sh5 Dem Anziehenden schwebt der schöne Abschluss 20. …Sxh5 21. Dg5+ Kf8 22. Dh6+ Ke8 23. Lxf7+ Kxf7 24. Sg5+ Ke8 25. Dxh5+ Kf8 26. Df7 matt vor. Schwarz verhindert dies, kann aber nicht alle sich auftürmenden Übel abwehren. 20. …Lg4 21. Sxf4 exf4 22. e5 Es handelt sich um eine in Vietnam gespielte Partie. Mit der Mitschrift ist hier etwas schiefgelaufen, die Notation der nächsten Züge ist nicht nachvollziehbar, da die weiße Stellung aber total gewonnen ist, z. B. 22. …Lf8 23. Dxf4 oder 22. …Lxf3 23. exd6 Lh5 24. Dxf4, das offizielle Ergebnis umso eher – 1:0



M. Koch - L. Zesch
LGA Cup, Nürnberg 2004
Weiß am Zug


Weiß muss auf seinen Händen sitzen bleiben. Ja, es wird schon mit Lf6 weitergehen, aber nicht sofort. Nach 19. Lf6?! gxf6 hat Weiß nichts: 20. Sxf6+ Kg7 21. Sh5+ Kh8 oder 20. Dh6? Sf5 -+. Ein Vorbereitungszug ist gefragt. 19. g4! Jetzt geht …Sf5 nicht mehr. 19. …Te8? Relativ besser ist 19. …Kh8 dennoch behält der Anziehende mit 20. f4 Ld7 21. Sxg7 f6 (21. …Kxg7 22. f5 f6 23. Lh6+) 22. Lh6 Tf7 23. f5 einen deutlichen Vorteil. Nach dem Partiezug kann Weiß zum entscheidenden Schlag ansetzen. 20. Lf6! mit Gewinn nach dem folgenden Lxg7 und dann Dh6, oder wie in der Partie: 20.…Ld5 21. Lxd5 Dxd5 22. Lxg7 Df3 23. Dh6 f5 24. Lxd4 nebst Matt 1:0

Im nächsten Beispiel knackt Weiß die Königsstellung mit einem Läuferopfer auf g7 und dringt anschließend mit Sf6+ ein:



T. Bakre - J. Gokhale
Kolkata 1996
Weiß am Zug


20. Lf6! Da 20. …gxf6 21. Sxf6+ wie bereits aufgezeigt die Dame kostet, zog Schwarz 20. …Da4 und nach 21. Lxg7 wusste er sich keinen Rat mehr und hisste die weiße Flagge, denn 21. …Sxg7 führt nach 22. Sf6+ Kh8 23. Dh3 h5 sehr schön zum Matt: 24. Dxh5+ Sxh5 25. Txh5+ Kg7 26. Th7 matt. Und falls 21. …f6 (um Sf6+ zu verhindern), frisst sich Weiß satt mit 22. Lxf8 Sexf8 23. Sxf6+ Kg7 24. Th5 gefolgt von Dh3. – 1:0

Auch richtig starke Spieler können durchaus von dem Angriffsduo Lg5 plus Sh5 überrollt werden. Sogar einer der weltbesten Spieler, Viktor Kortschnoi, wurde damit auf dem falschen Fuß erwischt, sehen Sie selbst.

Nimzowitschindisch E 26
M. Prusikin - V. Kortschnoi
Schweiz 2005


1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 Sf6 5. a3 Lxc3+ 6. bxc3 c5 7. cxd5 exd5 8. Ld3 Da5?! Kortschnois großer Rivale Anatoli Karpow spielte hier einfacher und rochierte. Das Experiment 8. …Da5 wird sich nicht bewähren, weil der Ausflug der schwarzen Dame zu viel Zeit kostet. 9. Se2 cxd4 10. exd4 0-0 11. 0-0 Sc6 12. f3 Te8 13. Lg5 Sd7 14. Ld2 Sf8 15. Sf4 Sg6 16. Sh5 Dc7 17. Dc2



17. …Tf8 "Dieser zugegebenermaßen sehr seltsam wirkende Zug ist bei näherem Hinsehen erzwungen, Weiß drohte nämlich, den f-Bauern bis nach f6 vorzustoßen", kommentierte GM Michael Prusikin in der riesigen digitalen Partiesammlung MegaBase. Das ist so zu verstehen, mit 17. …Tf8 bereitet Schwarz auf 18. f4 die Antwort …f5 vor, der Tf8 deckt den Bauern zusätzlich. 18. Tae1 Sa5?! 18. …Ld7 "war vielleicht das geringste Übel, wobei Schwarz nach 19. f4 f5 20. Da2 Sce7 21. c4 Lc6 22. c5 um seine Stellung nicht zu beneiden wäre" (Prusikin). 19. Lg5 Da haben wir nun die Standardaufstellung zu dem Thema dieser Trainingsfolge. Wie in einigen bereits aufgezeigten Beispielen wird auch hier das Opfer auf f6 entscheiden, entweder nach 19. …f6 20. Lxf6 gxf6 21. Lxg6, oder wie in der Partie: 19. …Sc4 20. Lf6!! gxf6 21. Dc1 f5 Mit der Absicht 22. Dh6? f6. 22. Lxc4! dxc4 22. …Dxc4?? 23. Dh6 und Matt. 23. Sf6+ 23. Dh6? f6 23. …Kg7 24. Dg5!



Weiß gewinnt nun in jeder Variante. Prusikin erwähnt in seinen Kommentaren seine "Wunschvariante" 24. …h6 25. Sh5+ Kh7 26. Df6 Tg8 27. Dg7+ Txg7 28. Sf6+ Kh8 29. Te8+ Sf8 30. Txf8+ Tg8 31. Txg8 matt. Aber auch die Entscheidung in der Partie war nicht von schlechten Eltern: 24. …Dc6 25. Sh5+ Kh8 26. Dh6 Tg8 27. Te8! Dxe8 27. …Txe8?? 28. Dg7 matt. 28. Sf6 Mit Matt auf h7 oder Damengewinn wie in der Partie. Hier war ein guter Moment für die Aufgabe. In Prusikins Zeitnot spielte Kortschnoi noch etwas weiter. 28. …De3+ Ohne den Zwischentausch auf c4 [im 22. Zug] wäre die Dame hier gedeckt! (Prusikin) 29. Dxe3 f4 30. De4 Td8 31. d5 Kg7 32. Dd4 Kh6 33. g4 a5 34. h4 Sxh4 35. Kf2 Ta6 36. Th1 Kg6 37. Txh4 – 1:0

Einige weitere Beispiele zur Attacke mit Läufer auf g5 und Springer auf h5 finden Sie in der Rubrik "Kombinationen" gleich auf der nächsten Seite.

 


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Teil 89 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Unbändiger Vorwärtsdrang

Obwohl er schon ein gestandener Mann von 68 Jahren war, freute er sich wie ein Kind. Endlich sollte in seiner Heimatstadt Minsk ein Spitzenturnier ausgetragen werden, die Europameisterschaft nämlich, und sie sollte sein schachliches Schwanenlied werden.
 

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