Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Der „Superzug“ Doppelschach


Das wirkungsvollste taktische Mittel im Schach



Auf ein "normales" Schachgebot kann man auf dreierlei Art reagieren: Neben dem Wegziehen des Königs sind das Schlagen der Schach gebenden Figur sowie das Verstellen ihrer Wirkungslinie legale Züge.

Bei einem Doppelschach, per Definition dem gleichzeitigen Angriff zweier Schach bietender Figuren, gibt es keine Alternative: Da hilft nur noch die Flucht, und wenn diese nicht möglich ist, erzeugt das Doppelschach zugleich ein Matt. Ein klassisches Beispiel sehen wir hier:



Beispielstellung 1
Schwarz am Zug


Beide schwarzen Figuren sind angegriffen, der Turm d1 ist nicht einmal gedeckt, doch das Abzugsschach 1. …Sf3++ beinhaltet zugleich ein zweites Schachgebot, und zwar mit dem Springer. Da nun weder Dxd1, noch gxf3 legale Züge sind (das zweite Schachgebot bliebe ja bestehen) und dem König die Flucht über h2 verwehrt ist, setzt Schwarz mit diesem Doppelschach den Gegner matt.

Ein Doppelschach kann nur durch ein Abzugsschach entstehen. Dabei muss die abziehende Figur keine Rücksicht auf gedeckte Felder nehmen, weswegen sie optimal platziert werden kann, auch auf sonst "verbotenen", sprich von den gegnerischen Kräften kontrollierte Felder, so wie das Feld f3 im obigen Beispiel.

Totale Narrenfreiheit haben die am Doppelschach beteiligten Figuren allerdings nicht. Es kann vorkommen, dass der angegriffene König so ziehen darf, dass er dem ersten Schachgebot ausweicht und zugleich die zweite schachbietende Figur schlägt, etwa folgendermaßen:



Beispielstellung 2
Schwarz am Zug


Hier erzeugt 1. …Lxf2++ zwar ein Doppelschach, doch 2. Kxf2 hebt es wieder auf. Wäre das Feld f2 jedoch von einem schwarzen Stein gedeckt (denken Sie sich einen Bauer auf e3 oder g3 oder einen Springer auf e4 oder g4), so setzte das Doppelschach …Lxf2 zugleich den Schlusspunkt unter diese Partie.

Jedoch kann so eine Stellung mit Beteiligung eines Läufers in einer Partie nur sehr selten entstehen. Weit häufiger arbeiten Turm und Läufer in einer anderen Form zusammen: der Läufer steht hinter dem abziehenden Turm, und beide Figuren bieten gleichzeitig dem König Schach.



Beispielstellung 3
Weiß am Zug


In Beispielstellung drei führt Th4 wegen des Bauern g5 nicht zum Ziel (…gxh4). Aber mit der Hinlenkung 1. Dh8+! Kxh8 bringt Weiß den schwarzen König auf das richtige Feld, um mit dem Doppelschach 2. Th4++ den König nach g8 zu treiben und ihn dort Matt zu setzen: 2. …Kg8 3. Th8 matt 1:0

Dieses Motiv kam in verschiedenen Variationen in der Turnierpraxis bereits wiederholt vor:



J. Hector – J. Gunnarsson
Mannschafts-EM, Plovdiv 2003
Weiß am Zug


Zuletzt geschah …Df6-f4 mit Angriff auf die weiße Dame. Der Damenabtausch 41. Dxf4 Txf4 wäre ein schlechtes Geschäft für Weiß, der dann auf g4 oder b4 einen Bauern verlieren würde. Zum Glück fiel dem Anziehenden 41. Th8+! ein, was eigentlich nur eine Figur hätte gewinnen sollen (41. …Kg7 42. Dxf4 Txf4 43. Txe8). Der Partiezug 41. …Kxh8? erlaubte 42. Th5++! 1:0

Dieses Doppelschach erzwingt die Folge …Kg8 43. Dh8+ Kf7 44. Th7 matt.

Auf der h-Linie passiert so etwas öfter, gelegentlich aber auch in der Brettmitte. Das vielleicht bekannteste Beispiel bietet ein Duell zweier berühmter Altvorderen.

Caro-Kann B 15
R. Réti – S. Tartakower
Wien 1910


1. e4 c6 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. Sxe4 Sf6 5. Dd3



Der letzte Zug von Weiß ist ungewöhnlich. Réti wollte damit nur 5. …Lf5 verhindern (wonach 6. Sxf6+ nebst 7. Dxf5 eine Figur gewinnt) und rechnete mit 5. …Sxe4 oder 5. …Sbd7. Die bald folgende weltberühmte Kombination hatte der Weltklassespieler, wie er später berichtete, zu diesem Zeitpunkt nicht einmal "angedacht". Es war ja sein Gegner, der die "passende" Stellung herbeiführte mit 5. …e5?! 6. dxe5 Da5+ So hatte sich Tartakower das gedacht und rechnete mit dem nahe liegenden 7. Sc3 Dxe5+ 8. Le3 Le7 9. Sf3 Da5 10. 0-0-0 0-0 und verteilten Chancen. Doch Réti nahm wegen der offenen d-Linie Witterung auf, entdeckte 7. Ld2! Dxe5 und nun - statt mit 8. f3 die Figur zu retten - opferte er den Springer 8. 0-0-0! Natürlich verbietet sich …Dxe4 wegen 9. Te1 mit Damengewinn, doch was geschieht nach dem Schlagen mit dem Springer? 8. …Sxe4?



9. Dd8+!! Kxd8 10. Lg5++ Doppelschach und Matt im nächsten Zug, entweder nach 10. …Ke8 11. Td8 matt oder wie in der Partie 10. …Kc7 11. Ld8 matt – 1:0

In den letzten Beispielen führte ein Hinlenkungsopfer zu einer Stellung, in der ein Doppelschach möglich ist, wobei der Schlüsselzug auf einer Linie erfolgte. Seltener geschieht eine analoge Kombination auf einer Diagonalen.



Utjuganow – Konowalow
UdSSR 1950
Weiß am Zug


Die schwarze Übermacht auf der langen Diagonale entscheidet in jedem Fall. Die Hauptdrohung lautet …Sxe3 nebst …Dg2 matt. Weiß versuchte noch 1. Lh5 mit der Idee 1. …Dxh5? 2. Dxd7 Tb8 3. Ld4, und der Wind dreht sich. Doch mit Hilfe des Doppelschach-Motivs ließ sich die Mattsetzung doch erzwingen: 1. …Dg2+!! 2. Kxg2 Sf4++ Das Doppelschach lässt Weiß keine Wahl, sein König muss ziehen, das einzige freie Feld ist g1, doch nach 3. Kg1 exekutiert 3. …Sh3 matt 0:1

Das Zusammenspiel von Dame und Springer kann zu einer Standardkombination führen, bei der das Doppelschach selbst nicht Matt setzt, aber den Boden dafür vorbereitet.



J. Timman – N. Short
Tilburg 1990
Weiß am Zug


Das Abzugsschach 28. Sd6+ gewinnt den Turm e8, das viel bessere Doppelschach 28. Sh6++! führt nach 28. …Kh8 29. Dg8+ Txg8 30. Sf7matt zu dem berühmten "erstickten" Matt, das wir in einer früheren Folge bereits behandelt haben – 1:0

Manchmal wird ein Dauerschach nicht konkret ausgeführt, sondern "nur" angedroht und zwingt damit den Gegner in eine für ihn nachteilige Variante.

Unregelmäßig A 06
J. Plachetka – L. Zinn
Decin 1974


1. Sf3 c5 2. b3 Sc6 3. Lb2 Sf6 4. e3 d5 5. Lb5 e6 6. Se5 Dc7 7. 0-0 Ld6 8. Lxc6+ bxc6 9. f4 0-0 10. Tf3 Sd7 11. Th3



Schwarz erkannte, dass er keinen Bauern gewinnen kann: nach 11. …Sxe5 12. Lxe5 Lxe5 gewinnt Weiß mit 13. Dh5 (droht Dxh7 matt) Zeit, und holt sich nach …h6 14. Dxe5 den Läufer zurück und besitzt die bessere Bauernstellung. Der Nachziehende hätte nun die drohend aufgestellten Figuren auf b2 und e5 beachten und 12. …f6 ziehen sollen. Er spielte jedoch 11. …g6? was sich vermeintlich gegen Dh5 richtet, aber dieser Zug ging doch: 12. Dh5!! Die Pointe des "selbstmörderischen" Damenausfalls ist das Doppelschach und Matt im Falle von …gxh5 13. Tg3+ Kh8 14. Sxf7++ matt. In der Partie wurde das Doppelschach nicht vollzogen, sondern nur angedroht und zwang Schwarz auf die Annahme des Damenopfers zu verzichten. 12. …Sf6 Doch auch danach konnte der Nachziehende den furiosen Angriff nicht mehr abwehren: 13. Sg4!! gxh5 13. …Sxg4 14. Dxh7 matt. 14. Sxf6+



Weiß arbeitet erneut mit dem Motiv des Doppelschachs, das nach 14. …Kg7 15. Se8++ unweigerlich zum Matt führt:
a) 15. …Kg8 16. Tg3 matt.
b) 15. …Kg6 16. Tg3+ Kf5 17. Tg5+ Ke4 18. Sc3 matt (oder 18. Sf6 matt).
In der Partie geschah 14. …Kh8 15. Txh5 droht Txh7 matt 15. …h6 16. Sxd5+ Okay, kein Matt, aber immerhin ein Damengewinn durch Sxc7, was überzeugend genug war. – 1:0

Weitere, zum Teil noch raffiniertere Formen der Kombinationen, die auf dem Motiv des Doppelschachs basieren, werden in der zweiten Folge in der nächsten Ausgabe aufgeführt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 73 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Flüchtigkeitsfehler

"Das gibt's doch nicht, wie konnte ich so was übersehen, das war doch ganz einfach", so oder ähnlich wird nach einem "Einsteller" lamentiert. So nennt man einen Zug, der eine womöglich gut angelegte oder noch gar nicht recht begonnene Partie schlagartig verdirbt.
 

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