Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Der Rammbock (Teil 3)


Über den vorgerückten Zentrumsbauern, seine Kraft und Einsatzmöglichkeiten



Mit dieser dritten und vorläufig letzten Folge schließen wir das Rammbock-Thema ab. Zur Erinnerung oder für Neueinsteiger:

Als Rammbock wird in dieser Trainingsserie (und zunehmend verbreitet auch bei Schachberichterstattung allgemein) ein weit vorgerückter Freibauer auf einer Zentrumslinie bezeichnet. Seine Hauptaufgabe besteht darin, durch ein weiteres Vorrücken Platz für die nachstürmenden Mitstreiter zu schaffen. Nicht selten aber gelingt es dem Rammbock, noch weiter, bis auf die Grundreihe vorzustoßen und bei der damit erfolgten Umwandlung (meist) in eine Dame der Rammbockseite einen beträchtlichen Materialvorteil zu verschaffen. Natürlich schaut der Verteidiger nicht tatenlos zu und versucht, den Rammbock zu stoppen bzw. zu blockieren und wenn möglich zu liquidieren. Durch dieses Aufeinanderprallen der Pläne entstehen Wechselwirkungen. Die konkrete Umsetzung der sich ergebenden Möglichkeiten werden in dieser "Rammbocktrilogie" dokumentiert und besprochen.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Entstehen von Rammböcken nicht erzwungen werden kann, da wirkt der Gegner mit seiner Eröffnungswahl mit, auch kommt es darauf an, wie sich das Mittelspiel gestaltet. Deshalb werden, bevor der Rammbock sozusagen die Bühne betritt, bei Bedarf die vorangegangenen Züge angegeben, was sonst, z. B. in der Endspielrubrik, nicht immer sein muss.

Damengambit D 30
R. Dautov - A. Shirov
Bundesliga 2001


1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. e3 e6 5. Ld3 Sbd7 6. 0-0 Ld6 7. Sbd2 0-0 8. e4 e5 9. cxd5 cxd5 10. exd5 exd4 11. Se4 Sxe4 12. Lxe4 Sf6 13. Dxd4 Sxe4 14. Dxe4 Te8 15. Dd4 Lf5 16. Lg5 Dd7 17. Tfe1 b6 18. Lh4 Lc5 19. Dd2 Le4 20. Tad1 a5 21. a3 Dg4 22. Lg3 Schwarz würde lieber den gegnerischen Freibauern beseitigen, aber das klappt nicht; nach 22. …Ted8 23. h3 Dg6 24. Sh4 Dxg3 25. Txe4 bleibt der d-Bauer auf dem Brett. Also holt sich Schwarz auf f3 den Bauern zurück. 22. …Lxf3 23. gxf3 Dxf3 24. d6 "Schwarz gewann den Bauern zurück und schwächte den weißen König, aber gegen den Vormarsch des Freibauern d5 kann er nichts unternehmen. Nebenbei droht der Figurengewinn 25. b4", kommentierte der deutsche Nationalspieler Rustem Dautov in der Partiesammlung MegaBase. 24. …Ted8 25. d7 Es droht 26. Dd5, denn nach dem Damentausch gewinnt Weiß mit Kc7 die Qualität. 25. …h5 25. …Ta7? 26. Te8+ 26. Dd5 Df6



Hier sehen wird ein weiteres Werkzeug aus dem Rammbockkiste. Mit der kleinen Kombination 27. Dxa8 Txa8 28. Te8+ Kh7 29. Txa8 bringt Weiß seinen Rammbock durch. Selbst 29. …Le7 hilft nicht. Weiß kann jetzt einen Läufer gewinnen mit 30. d8D Lxd8 31. Taxd8, aber dann könnte der Gegner mit 31. …h4 32. Lc7 Dg6+ 33. Kf1 Dc6 34. Lb8 Dh1+ 35. Ke2 De4+ 36. Kd2 Df3 37. Tf1 Dg2 stören. Viel besser ist der Partiezug 30. Te1! droht Txe7 nebst d8D. 30. …Ld8 Oder 30. …h4 31. Txe7 hxg3 32. hxg3 mit Gewinn. 31. h4 b5 32. Txd8 Dxd8 Nun wird der Weg für den Rammbock auf klassische Art freigemacht: Turm hinter den Freibauern stellen, 33. Td1, und die gegnerische Blockadefigur beseitigen, hier mit Lg3-c7. Der Rammbock erreicht dann das Traumfeld d8 und wird zu einer Dame befördert. Schwarz hatte ein Einsehen. 1:0

Am Ende verschaffte der Läufer auf c7 dem Rammbock eine freie Bahn. Meistens ist es der Turm, manchmal ist es aber auch eine andere Figur, die Rückendeckung bietet, sogar ein Bauer kann sich einbringen, wie das nächste Beispiel zeigt.



W. Jepischin - L. Polugajewski
Tilburg 1993
Weiß am Zug


Der Anziehende hätte hier mit 22. Lxh7+ Kh8 23. Le4 gefahrlos einen Bauern gewinnen können, doch er verzichtete. Schwarz hätte sich danach mit der Blockade der schwarzen Felder (…Td6 nebst …Tbd8 und dann evtl. noch …g6 nebst …Kg7) noch lange zäh verteidigen können. Der Partiezug 22. d6! ist besser und "einer der Züge, wo der Urheber offenbart, was er vom Schach versteht", wie der renommierte Trainer Alexander Panchenko einst so zutreffend schrieb. Nach 22. d6 trägt 22. …Td7? nicht zum Aufbau einer Blockade bei, sondern ist ein Schritt Richtung Abgrund. Es folgt 23. Lxb7 Tdxb7 (23. …Tbxb7?? verbietet sich wegen 24. Te8 matt) 24. d7 Tf8 25. Te8 Tb8 26. d8D mit Gewinn. Und nach 22. …Lxe4 23. Dxe4 führt …Td7 wegen De8+ zu einem Grundreihenmatt. Deshalb verschaffte Schwarz seinem König ein "Luftloch": 22.…g6 23. d7 Lc6 24. Lxc6 Dxc6 25. Te7 Kf8 Nach 25. …Tb7 ist 26. Dc3 das richtige Rezept. Es geht schon wieder um die geschwächte Grundreihe: 26. Dc3 Tbxd7 27. Tdxd7 mit Gewinn; der Druck wird nach dem folgenden De5 noch verstärkt. 26.De2 peilt das Feld e5 an. 26. …Df6 27. Te5 Dc6 Auch hier scheitert das sonst wünschenswerte Gegenspiel auf der siebten Reihe, wie die Variante 27. …Tb7 28. Te8+ Kg7 29. Txd8 Dxd8 30. De8 Tb8 31. De5+ f6 32. Dxb8 Dxb8 33. d8D belegt. 28. Ted5 Kg8 29. Td6 Dc7



Nun gewann schon 30. De7 c4 31. Tf6 Tf8 32. d8D. Weiß entschied sich für einen anderen, ebenso zuverlässigen Weg:

30. h4 Idee h5-h6 nebst De5-g7. Falls sich Schwarz mit 30. …h5 dagegenstemmt, gewinnt das klassische "Aufreißen" 31. De7 Tb7 32. g4 hxg4 33. h5 gxh5 34. Dg5+ Kf8 35. Th6. 30. …b5 31. h5 Tb6 32. De8+ Kg7 33. De5+ Kf8 33. …Kg8 34. h6 nebst Matt. 34. Dh8+ Ke7 35. Df6+ Kf8 36. Te1 1:0
Es folgt Dh8 matt oder 36. …Kg8 37. h6 und 38. Dg7 matt.

Im nächsten Beispiel sehen wird eine ähnliche Konstellation mit der entscheidenden Schwäche auf g7, die sehr schön taktisch ausgebeutet wurde.



G. J. de Boer - J. van Mil
Wijk aan Zee 1992
Weiß am Zug


22. d6! Bauernvorstöße dieser Art schockieren den Gegner. Der Bauer d6 ist nur einmal gedeckt und von drei gegnerischen Figuren angegriffen, darf aber dennoch nicht geschlagen werden. 22. …Txd6?? geht natürlich nicht wegen 23. Dxe8+ und 22. …Lxd6 23. Lg5 kostet die Qualität. 22. …Te6 23. d7 Am Horizont erscheint die Drohung Tc8, weswegen hier …Te7 nicht gut möglich ist. 23. …Td6 24. Txd6 Dxd6 24. …Lxd6 25. Lg5 kostet den Turm d8. 25. Lh6 Die Schwäche der schwarzen Grundreihe schützt den Rammbock vor dem Schlagen: 25. …Dxd7 26. Dxd7 Txd7 27. Tc8+ und Matt. Dem Nachziehenden ist auch mit 25. …Lg7 nicht geholfen. Dies bringt keine Entlastung wegen 26. Tc8 De7 27. Lg5 f6 28. Dc4+ Kf8 29. Dc7 mit Gewinn. 25. …De6 26. Tc8 Lf6



Manche schöne Kombination basiert auf einem relativ einfachen Grundmotiv. Stünde auf f6 kein Läufer, so folgte Txd8+ matt. Gut, da ist ein Läufer auf f6, den muss man ablenken. Also dann: 27. Db2! Die Dame ist tabu, 27. …Lxb2 28. Txd8+, aber es droht auch 28. Txd8+ Lxd8 29. Dg7 matt. 27. …De1+ 28. Kh2 De7 29. Dd2 Eines zweiten Blickes würdig ist nun 29. …g5, womit Schwarz das uns bereits bekannte Gewinnmanöver Lf4-c7 verhindern will. Dann aber entscheidet ein anderes Motiv: 30. Txd8+ Dxd8 31. h4! gxh4 32. Dd5 b5 33. f4 a5 34. Lg5, und nach dem kommenden Lxf6 oder nach 34. …Lxg5 35. Dxg5+ Dxg5 36. fxg5 ist der Rammbock "durch". 29. …De5+ 30. f4 De6 31. Dd4! Das gleiche Motiv wie im 27. Zug. 31. …De7 32. Txd8+ Zum Schluss noch eine relativ einfache, wenn auch gefällige Taktik. 32. …Dxd8 33. Dxf6 Dxf6 34. Lg5 – 1:0

Der Rammbock entsteht meistens in Partien, die mit geschlossenen Eröffnungen (mit den Bauern auf d4 und c4) beginnen. Nach dem Eröffnungszug 1. e4 ist dies eher selten der Fall. Um die "Empörung" bei den 1. e4-Fans zu mindern, haben wir das letzte Beispiel extra im 1. e4-Garten gepflückt.

Aljechin-Verteidigung B 04
Peng Xiaomin - M. Mansoor
Kuala Lumpur 1993


1. e4 Sf6 2. e5 Sd5 3. d4 d6 4. Sf3 dxe5 5. Sxe5 Sd7 6. Sf3 e6 7. Le2 Le7 8. 0-0 0-0 9. c4 S5f6 10. Sc3 c5 11. Lf4 b6 12. d5 exd5 13. Sxd5 Sxd5 14. cxd5 Lb7 15. Dd2 Te8 16. Tad1 Lf6 17. Tfe1 Se5 18. Sxe5 Lxe5 19. Lc4 Dd6 20. Lxe5 Txe5 21. Txe5 Dxe5 22. d6 De4 Dieser Doppelangriff auf g2 und c4 treibt den weißen Läufer zurück nach f1. Wegen dieses Zeitgewinn hat Schwarz die Bildung des Rammbocks zugelassen. Doch es war die falsche Wette auf die Zukunft: die Zeit verflüchtigt sich wieder, aber der Rammbock bleibt als Wert bestehen. 23. Lf1 Td8 24. f3 De6 25. Te1 Der Anziehende steht auf jeden Fall besser, auch nach 25. Te1 Df6 26. Lb5 g6 (26. …a6? verliert nach 27. d7! nebst Te8+) 27. Te8+ Txe8 28. Lxe8, aber das war noch das kleinere Übel. Der Partiezug 25. …Dd5 setzt auf einen Trick:



26. Dxd5 Lxd5 27. d7? Lc6!, wonach Te8+ ein Schlag ins Wasser wäre. Weiß steht aber eine viel bessere Möglichkeit zur Verfügung: 26. d7! Kf8 26. …Dxd2 27. Te8+ 27. Lb5! mit Gewinn nach dem folgenden Te8 oder nach 27. …Txd7 28. Lxd7, wonach die Dame d2 wegen Te8 matt immer noch tabu ist! – 1:0

Damit endet diese Trilogie. Ein faszinierendes Thema, die Bearbeitung hat auch Ihrem Autor Spaß gemacht, der sich nun - etwas aufgekratzt - mit dem abgewandelten Spruch aus der Star Wars Serie verabschiedet: Möge der Rammbock mit dir sein!

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 96 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

Schach-Magazin a a a
Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Unbändiger Vorwärtsdrang

Obwohl er schon ein gestandener Mann von 68 Jahren war, freute er sich wie ein Kind. Endlich sollte in seiner Heimatstadt Minsk ein Spitzenturnier ausgetragen werden, die Europameisterschaft nämlich, und sie sollte sein schachliches Schwanenlied werden.
 

Designelement  :: Aktuelles Designelement
  Aktuelles Heft
Aktuelles Heft
Im Heft blättern
 

Designelement  :: Jahrgangsschuber Designelement
  Jahrgangsschuber
Aktuelles Heft
Der Preis pro Stück für 12 Ausgaben – inklusive Porto und Schutz-Verpackung beträgt € 14,90
Bestellungen bitte unter
Tel.: (0421) 36 90 325