Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Über Türme und Bauern


Einige Standardmotive in diesem speziellen Bereich



Im Schach kommt es immer auf die konkrete Stellung an. Ein Wissen um die typischen Motive erleichtert jedoch die richtige Stellungseinschätzung und die Wahl der Züge ungemein. Wer mit Standardmotiven vertraut ist, hat es bei Partien immer etwas leichter. Das gilt für Anfänger wie für Fortgeschrittene bis in die hohen Ränge des Profischachs.

In dieser Folge wollen wir das in der letzten Ausgabe angeschnittene Thema zwar nicht direkt fortführen, jedoch auf der "Turm- und Bauern-Spielwiese" bleiben.



S. Mohandesi - S. Klimov
Urmia (Iran), 2016
Weiß am Zug


Der Kampf von Turm gegen zwei Bauern war das Thema in der letzten Folge dieser Serie. Die daraus gewonnenen Kenntnisse sind auch in diesem Beispiel nützlich, wo ein Bauerntrio auf dem Brett steht.

Schauen wir uns erst einmal den tatsächlichen Verlauf der Partie an. Weiß wollte alle seine Bauern behalten und zusammen mit seinem König vorrücken lassen. Er spielte 46. Kf3? Kc4 47. Ke4 Kc5 48. g5 Kd6



Jetzt erst bemerkte der Anziehende, das er mit drei Bauern schlechter vorrücken kann als mit zweien. Der gegnerische König stellt sich ihnen in den Weg, bremst sie also aus, dann greift der schwarze Turm den Bauernpulk von hinten an, bis sich in der Bauernkette eine Lücke bildet, z. B. 49. Kd4 Ta3 50. e4 Tb3 51. g6 (Oder 51. Kc4 Tf3 52. f5 Ke5 53. g6 Tg3, und schon werden die Bauern nacheinander eingesammelt.) 51. …Ke6 52. f5+ Kf6 53. Kd5 Td3+ 54. Kc4 Td7 55. Kc5 Ke5 56. Kc6 Tg7














Analysediagramm

Das ist eine Stellung zum Einprägen. Stünde der Turm woanders, dürfte sich Schwarz nicht auf e4 bedienen. Mit dem Turm auf g7 kann er das, weil nach f5-f6 sofort …Txg6 folgt. Hier setzte sich also der Turm gegen drei Bauern durch.

Zurück zu dem Verlauf der Partie. Nach dem letzten schwarzen Zug, 48.…Kd6 (siehe vorletztes Diagramm), geschah 49. Kf5 Txe3 50. Kf6 Kd7 51. f5 Oder 51. Kf7 Tf3 52. g6 Txf4+ 53. Kg8 Ke7 54. g7 Tg4, und das war's. 51. …Tf3



mit leichtem Gewinn im Falle von 52. Kg6 Ke7 53. f6+ Kf8 54. Kh6 Kf7 55. Kh5 Tf4 56. g6+ (56. Kh6 Th4 matt. ) 56. …Kxf6 57. g7 (57. Kh6 Th4 matt) 57. …Kxg7, usw.

Die Partie endet wie folgt: 52. Ke5 Ke7 53. Ke4 Tf1 54. Ke5 Tf2 55. Ke4 Tg2 56. Kf4 Kf7 – 0:1
Eine Lücke in der Bauernkette ist unvermeidlich: 57. g6+ Kf6 oder 57. f6 Kg6.

Kehren wir zur Ausgangsstellung zurück:



Weiß hätte remisieren können, wenn er das folgende Motiv gekannt hätte: 46. g5 Kc4 47. g6 Kd5 48. f5 Ke5 49. e4



Dieses Bild sollte man sich einprägen. Die lange Bauernkette kann nicht gut zerrissen werden. Solange der Bauer e4 sicher ist, sind es die anderen auch. Und der Basis-Bauer auf e4 hat in den Bauern f5 und g6 mächtige Verbündete. Wenn der Be4 mit dem König geschlagen wird, stürmt das Bauernduo davon: 49. …Kxe4? 50. g7 Tg3 51. f6 oder 49. …Tc8 50. Kf3 Tc4 51. Kg3 Txe4? 52. g7, und in beiden Fällen gewinnt Weiß.

Auch mit dem Turm kann man die Bauernkette nicht knacken: 49. …Tc4 50. Kf3 Ta4 51. Kg3 (hier scheitert ein Schlagen auf e4 erneut an g6-g7) 51. …Ta1, aber Weiß lässt den Turm nicht nach g1 und zieht einfach Kg2 nebst Kf2 und zurück. Wie wir schon wissen, ist der Bauer e4 tabu.

So also kann man mit drei Bauern gegen Turm remisieren, selbst wenn der König der Bauernseite weit weg steht.

Manchmal schafft es der Turm gegen drei Freibauern zu gewinnen, manchmal gelingt ihm das nicht gegen zwei oder gar gegen nur einen. Ein sehr interessanter Sonderfall wird im nächsten Beispiel besprochen: darin hält der Verteidiger mit einem Turm und einem Bauern gegen zwei Türme stand!



L. Fressinet - H. Hamdouchi
Französische Meisterschaft 2011
Stellung nach 73. …Te3-e8


Trotz des großen Materialvorteils kommt Weiß nicht voran. Zieht sein Turm von e1 weg, folgt sofort …e1D. Der Turm c1 kann zwar ziehen, jedoch nur auf den Feldern b1-a1-c1 pendeln, das bringt nichts. Der weiße König kann zwar viel herumziehen, er kann aber nirgendwo etwas bewirken.

Die einzige Gewinnidee wäre, den König nach d2 zu ziehen, dann Th1-h2+ folgen zu lassen, um schließlich mit Ke1 den Bauern zu blockieren und beide Türme zum Einsatz zu bringen. Doch dies bleibt ein Wunschtraum; in dem Moment, wo der weiße König auf d2 auftaucht, wird er mit einem Turmschach sofort verjagt. Die Festung ist also nicht zu erstürmen. In der Partie folgte noch 74. Kb7 Te3 75. Kb6 Te8 76. Ta1 Te3 77. Kc6 Te8 78. Kd6 Te3 und Weiß gab die fruchtlosen Bemühungen auf: 79. Txe2+ remis

Soso, ein Turm gegen einen Freibauern gewinnt nicht. Wie wäre es mit zwei Türmen gegen zwei Freibauern? Dies ist zwar eine recht ungewöhnliche Materialverteilung, die in Partien nicht oft vorkommt, aber ein spezielles Motiv zu kennen hat noch niemandem geschadet.



Studie M. Matous, 1981
Weiß am Zug gewinnt


Die schwarzen Freibauern sehen furchteinflößend aus. Mit normalen Mitteln ist dem Bauernduo auf der vorletzten Reihe nicht beizukommen, also weder mit einer Blockade noch mit der Eroberung, also muss man sich den gegnerischen König vornehmen.

Schnell ins Auge fällt 1. Td5+ Ke3 2. Te8+ Kf4 3. Td4+ Kf5 4. Td5+ (4. Tf8+? Ke5) 4. …Kf4 5. Td4+, und der Verteidiger lehnt sich zurück: Gott sei Dank, den halben Punkt habe ich sicher. Das schon, aber wie wäre es mit etwas mehr Ehrgeiz? Und so geht es: 1. Ke6+! Ke3 Nach 1. …Kc3 2. Tc5+ Kb4 3. Tc7 wäre es schon ernst mit den Mattdrohungen: 3. …Kb5 4. Tb7+ Kc5 5. Tc8+ Kd4 6. Tb4+ Kd3 7. Tb3+, und die schwarzen Bauern fallen, denn 7. …Kd4 führt nach 8. Tbc3 und T8c4 zum Matt. 2. Te5+ Kf4 3. Tf8+ Kg4

Und nun? Weiter mit den Türmen Schach bieten und remis vereinbaren? Nicht, wenn man folgendes Motiv kennt: 4. Te1!! Dieses Motiv muss man sich einmal richtig vor Augen führen, damit es sich einprägt. Eine neugeborene Dame wird gleich geschlagen: 4. …a1D Nach 4. …b1D folgt ebenfalls Tg1+. 5. Tg1+ Dxg1 Schlägt Schwarz die Dame nicht, so wird er mit Th8 mattgesetzt. 6. Tg8+ Kf3 7. Txg1 nebst Tb1, Weiß gewinnt.

Im letzten Beispiel von der "Turm- und Bauern-Spielwiese" ist die Anzahl der Türme wieder im Rahmen. Aber Weiß besitzt zwei Freibauern, was einen Sieg verspricht. Aber dazu ist wieder die Kenntnis eines Standardmotivs hilfreich.



E. Bukic - D. Marovic
Jugoslawien 1968
Weiß am Zug


Zwei Mehrbauern gut und schön, aber der eine auf der d-Linie kann gar nicht vorrücken und der andere darf vielleicht gar nicht vorrücken, oder? Geht er nicht nach 58. a7 Ta2 gleich verloren?

Wenn man zu diesem Schluss kommt, beginnt man mit der lange Suche nach Möglichkeiten die Stellung zu verstärken, z. B. mit dem König zum Damenflügel zu laufen und rechnet sich dabei den Kopf heiß. Doch kennt man das Motiv 58. a7 Ta2 59. Tf6!



spart man sich die ganze Rechenarbeit. Weiß gibt den einen Mehrbauern her und drückt den anderen mit Hilfe von Schachgeboten durch, entweder 59. …Txa7 60. Tf8+ Kxd7 61. Tf7+, oder wie in der Partie nach 59. …Kxd7 60. Tf8! ebenfalls mit Turmgewinn. 1:0

Keine große Sache, dennoch sollte man sich auch dieses Motiv einprägen.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 84 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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"Das gibt's doch nicht, wie konnte ich so was übersehen, das war doch ganz einfach", so oder ähnlich wird nach einem "Einsteller" lamentiert. So nennt man einen Zug, der eine womöglich gut angelegte oder noch gar nicht recht begonnene Partie schlagartig verdirbt.
 

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