Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Déjà-vu in New York


Über die Vorgeschichte und Funktionsweise einer spektakulären Kombination



Bei der Lektüre der neuesten Ausgabe wird Ihnen der spektakuläre Abschluss der diesjährigen Schachweltmeisterschaft schon aufgefallen sein. Wegen der Systematik und auch weil diese Serie vom Heft getrennt auf unserer Internetseite www.schach-magazin.de als PDF zu finden ist (sie wird wie berichtet gerne im Schachunterricht eingesetzt), zeigen wir die Schlussphase nochmals, dazu noch etwas näher beleuchtet.



Magnus Carlsen - Sergej Karjakin
Letzte Partie der WM 2016
Schwarz am Zug



Nach dem Turmschach auf c8 hat Schwarz nur drei legale Züge. 49. …Lf8 führt nach 50. Txf8+ zum Matt: 50. …Kxf8 51. Txf7+ Ke8 52. Tf8+ Kd7 53. Df7+ Kc6 54. Tc8+ Kb5 55. Dc4+ Ka5 56. Ta8 matt. Und im Falle von 49. …Ld8 50. Txd8+ Kh7 folgt die gleiche Kombination wie in der Partie, wo 49. …Kh7 geschah und der Kampf nach 50. Dh6+!! endete 1:0.



Die Varianten 50. …Kxh6 51. Th8 und 50. …gxh6 51. Txf7 führen jeweils zum Matt. Magnus Carlsen wurde wieder Weltmeister und die obige Kombination, schrieb der WM-Berichterstatter Ian Rogers, wird "noch nach Dekaden immer wieder gezeigt werden und vermutlich zu einer der bekanntesten Schachkombinationen avancieren."

Ganz bestimmt. Nur hat nicht nur Großmeister Rogers ein Déjà-vu-Erlebnis. Nach einigen Nachforschungen stellte sich heraus, dass diese Kombination mindestens fünf Vorgänger hatte.

Falls nicht ein Schachhistoriker ein noch älteres Beispiel findet, fand die Premiere vor fast genau 70 Jahren statt.



Ossip Bernstein - Alexander Kotow
Staunton-Turnier, Groningen 1946
Weiß am Zug



Zuvor verließ die schwarze Dame das Feld g6 und zog nach e4, um dem schwarzen König im Falle von Th8+ Platz zu verschaffen. Doch nach 49. Th8+ Kg6 folgte 50. f5+! 1:0



Der Bauernzug nach f5 war nicht bloß ein Schachgebot, dieses hätte alleine nichts bewirkt, sondern er öffnet der weißen Dame die Diagonale c1-h6, um die Schlusskombination 50. …exf5 51. Dxh6+!! gxh6 52. Tag8 matt zu ermöglichen.

Schwarz hatte dies erkannt und gab bereits nach 50. f5+ auf, so dass das spektakuläre Damenopfer auf h6 bzw. die Mattstellung nach 52. Tag8 nicht aufs Brett kamen. Und so blieb die Premiere weitgehend unbemerkt. Der Erfinderruhm gebührt also Dr. Ossip Bernstein (1882-1962). Der gebürtige Russe lebte seit 1920 in Frankreich, für das er noch 1954 bei der Schacholympiade antrat, er war damals 72 Jahre alt und galt fortan als der älteste Schacholympionike aller Zeiten. Dieser Rekord währte ein halbes Jahrhundert lang, bis der unvergessene Viktor Kortschnoi ihn brach und später noch auf 77 Jahre hochschraubte.

Nach diesem kleinen Schlenker, der zwar nicht direkt mit Training zu tun hat, jedoch der "Schachallgemeinbildung" dient, kehren wir zu dem hier erläuterten Kombinationsmotiv zurück, das erst 1979 bei einem sowjetischen Turnier wieder zu sehen war.

Damengambit D 27
N. Popow - A. Nowopaschin
Turnier in Beltsy (Russland), 1979



1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 d5 4. Sc3 c6 5. e3 a6 6. a4 c5 7. Ld3 Sc6 8. 0-0 dxc4 9. Lxc4 Ld6 10. De2 Dc7 11. dxc5 Lxc5 12. e4 Sg4 13. g3 0-0 14. Lf4 e5 15. Sd5 Dd6 16. Le3 Sxe3 17. fxe3 Lg4 18. Dd3 Tad8 19. Kg2 Dh6 20. h4 Kh8 21. Dc3 Dg6 22. b4 La7 23. Sd2 a5 24. bxa5 f5 25. Tab1 f4 26. exf4 exf4 Schwarz freute sich hier schon auf den Materialgewinn.



Er erkannte richtig, dass die Öffnung der g-Linie für ihn günstig wäre, z. B.
a) 27. gxf4 Lf3+ 28. Kxf3 Sd4+ 29. Kf2 (oder Ke3) 29. …Sb5+ mit Damengewinn.
b) 27. Txf4 Txf4 28. gxf4 Lf3+ usw. wie vor.

Also rechnete er mit 27. Sxf4 was auch kam, und bereitet darauf 27. …Txd2+ 28. Dxd2 Dxe4+ 29. Kh2 Dxc4 vor. Schwarz hatte tatsächlich einen kleinen Materialvorteil erbeutet, aber nach 30. Sg6+! hxg6 31. Txf8+ Kh7 exekutierte Weiß mit einer an Carlsens WM-Abschluss erinnernden Kombination:



32. Dh6+!! Und wegen der Mattsetzung nach 32. …Kxh6 33. Th8 oder nach 32. …gxh6 33. Txb7+, und die Mattsetzung kann nicht verhindert, allenfalls hinausgezögert werden: 33. …Ld7 34. Txd7+ Se7 35. Txe7+ Df7 36. Texf7 matt. – 1:0

Schön anzusehen ist auch die folgende Kombination von Wladimir Tukmakow, der bei zwei Schacholympiaden für verschiedene Länder Gold holte: 1984 als Spieler des sowjetischen Teams, 2004 als Kapitän der seines Heimatlandes, der Ukraine. Er hätte gerne auch unter einer dritten Flagge olympisches Gold geholt und so folgte er seinerzeit dem Ruf des (von der Ölindustrie stark unterstützten) aserbaidschanischen Schachverbandes, das Olympiateam des Kaukasus-Landes zu coachen, aber mit der Medaille hat es nicht geklappt.



A. Vyzmanavin – W. Tukmakow
Sowjetische Meisterschaft 1986
Schwarz am Zug



Für diese Stellung opferte Weiß einen Turm und erhoffte sich etwas von den Schachgeboten Tg6 und De8. Deshalb war …Dc2 eine Möglichkeit, doch Tukmakows Lösung war aus einem ganz anderen Holz: 33. …Td1+! 34. Kh2 Dh3+!!



Das ist sie schon wieder, die Carlsen-Kombination, nur eben spiegelbildlich: eine Dame opferte sich nicht auf h6, sondern auf h3, die Funktionsweise bleibt dieselbe: 35. Kxh3 Th1 matt oder 35. gxh3 Txf2 matt.



M. Arbouche – J. T. Batet
Vilanova Open 1993
Weiß am Zug


Wenn man sich langsam daran gewöhnt, dass man in bestimmten Stellungen auf h3 die Dame opfern kann, kann man das Motiv auch anderweit verwerten, zum Beispiel zur Abwehr eines gegnerischen Angriffs.

Schwarz hatte zuvor auf e1 einen weißen Turm geschlagen und hoffte, dass er nach dem naheliegenden 31. Txe1 Txe1+ 32. Dxe2 Lxd5 33. cxd5 Df5 das Endspiel mit einem Bauern weniger hält. Der Anziehende vertraute möglicherweise seinen Endspielkünsten nicht oder aber er glaubte, eine geniale Kombination erspäht zu haben, auf jeden Fall spielte er 31.Sf6+? gxf6 32. Dg3+ Lg7 33. Lxf6 Txf1+ 34. Kh2 34. Kxf1 verliert nach 34. …Te1+ 35. Kxe1 De6+ den Läufer f6.



Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte die Mattsetzung auf g7 nicht verhindert werden, aber das Opfer 34. …Dxh3+!! hilft ungemein. Diesmal wird's zwar nicht sofort matt, Weiß muss ja nicht 35. gxh3 Th1 zulassen, aber nach 35. Dxh3 Lxf6 ist der weiße Angriff verpufft und der schwarze Materialvorteil entscheidend. 36. Dd7 Tfe1 37. Dxd6 Kg7 38. Kh3 T1e3+ 39. Kg4 Lxg2 40. Dd2 Lh3+ 41. Kh5 Lf5 42. Dg2+ Lg6+ 43. Kg4 h5 matt – 0:1

Carlsens Finalzug der WM 2016 wird in Anbetracht der großen Bühne gewiss in die Geschichte eingehen, dennoch gab es Wegbereiter, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Das Motiv gehört in den Werkzeugkasten eines guten Taktikers, jetzt kennen Sie es auch und werden es vielleicht einmal selbst erfolgreich anwenden.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 80 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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"Das gibt's doch nicht, wie konnte ich so was übersehen, das war doch ganz einfach", so oder ähnlich wird nach einem "Einsteller" lamentiert. So nennt man einen Zug, der eine womöglich gut angelegte oder noch gar nicht recht begonnene Partie schlagartig verdirbt.
 

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