Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Der Springer am Rand


Variationen eines „ewigen“ Themas



Bewertet man die Stellung einer Figur, ganz gleich ob der eigenen oder der gegnerischen, so erfolgt dies in der Regel unter zwei Aspekten:
1) Wie steht es mit der Sicherheit des Feldes, auf dem die Figur steht?
2) Welche Wirkung besitzt die Figur? Wie viele oder wenige Felder kontrolliert sie?
Was die Sicherheit betrifft, daran gibt es nicht viel zu diskutieren, beim zweiten Punkt lohnt ein prüfender Blick. Felder kontrollieren, schön und gut, aber kann ich sie auch gut für mich nutzen? Insbesondere bei dem Spezialfall "Springer am Brettrand" wird diese rhetorische Frage oft verneint. So wie ein Bild mehr als tausend Worte sagt, erläutern konkrete Beispiele diesen Sachverhalt am ehesten.

Damenbauerspiel A 47
M. Chigajew - S. Chanin
Open Moskau 2017


1. d4 Sf6 2. Sf3 e6 3. Lf4 b6 4. e3 Lb7 5. h3 Le7 6. Ld3 0-0 7. 0-0 c5 8. c3 Se4 9. a4 d5 10. Sbd2 Sd7 11. a5 a6 12. axb6 Dxb6 13. Lxe4 dxe4 14. Sc4 Db5 15. Sfd2 Ld5 16. Sa5 c4



Dem Nachziehenden ist die Eröffnung nicht sonderlich gelungen (das fing schon mit 11. …a6?! an), und er musste sich hier ernsthaft um mehrere seiner Bauern sorgen. Zwar führen direkte Angriffe nicht zum Ziel, 17. Dc2 (Ziel e4) wird mit 17. …f5 abgewehrt und 17. Ta4 (greift c4 ein weiteres Mal an) wiederum mit 17. …Dxb2 18. Sdxc4 Dxc3 gekontert.

Weiß entschloss sich deshalb zu einem Zug des b-Bauern, denn er sah, dass sein Gegner nie gut auf b3 schlagen kann. Sowohl nach 17. b3 als auch nach 17. b4 gewinnt Weiß nach 17. …cxb3?? (e. p.) mit 18. c4 eine Figur.

Gut zu wissen; Weiß hat also die Wahl, den Bauern nach b3 oder bis nach b4 vorzuschieben, was ist nun besser? Zu seinem Schaden entschied sich Weiß für 17. b4? und brachte sich damit um die Chance auf das bessere Endspiel nach 17. b3! Sb6 18. bxc4 Sxc4 19. Saxc4 Lxc4 20. Sxc4 Dxc4 21. Dc2 f5 22. Ta4 Dc6 23. Tfa1 Tfc8 24. c4. Doch es war nicht nur diese verpasste Chance, warum der Zug 17. b4? verkehrt war. Weiß lässt nämlich ohne Not seinen Springer auf einem Feld stranden, wo er zwar gut gesichert steht (erfüllt das oben aufgeführte Kriterium 1) und auch ein paar Felder (b7, c6, c4, b3) kontrolliert (Krite-rium 2), aber keine Zukunft hat, weil er keins der aufgezählten Felder betreten kann. 17. …Tac8 18. f3 exf3 19. Sxf3



Man beachte den Unterschied zwischen dem weißen Springer a5 und dem schwarzen Läufer d5. Beide überdecken den Felderkomplex b7, c6 und c4, ihr Einfluss in diesem Bereich hebt sich somit auf, aber der Läufer wirkt auch noch in der Brettmitte (Feld e4) und sogar noch am Königsflügel, wie bald ersichtlich wird. Und was ist mit der Zukunft des Springers? No future! - Auf dem Feld a5 wird der Springer förmlich verhungern und in den gut dreißig Zügen bis zum Schluss der Partie keinen einzigen Zug mehr machen!

19. …Le4 20. Se5 Sxe5 21. Lxe5 Dd5 22. Ta2 f6 23. Lg3 f5 24. Tff2 Lg5 25. Lf4 Lh4 26. Tfb2 Lf6 27. De1 g5 28. Dg3 Kf7 29. Le5 Le7 30. De1 h5 31. Dd1 Kg6 32. Da4 Db5 33. Tf2 Tg8 34. Kh2 g4 35. g3 gxh3 36. Dd1 Dd5 37. Tab2 Lg5 38. De1 Lf6 39. Lf4 Kf7 40. Dd1 Tg4 41. Da4 Db5 42. Ta2 Dd5 43. Tab2 h4 44. b5 hxg3+ 45. Lxg3 Tcg8 46. bxa6 Txg3 47. Tb7+ Le7 48. Db4



48. …Dxb7! mit dem schönen Schluss 49. axb7 (49. Dxb7 Lxb7 50. Sxb7 Tg2+ 51. Txg2 hxg2 52. Kg1 Lh4 nebst …Lf2+ und …g1D) 49. …Tg2+ 50. Txg2 hxg2 51. Kg1 Th8 52. b8D Th1+ 53. Kf2 g1D+ 54. Ke2 Dg2 matt. – 0:1

War in der eingangs aufgeführten Partie ein Schimmel auf a5 gestrandet, so ereilte dieses Schicksal im Beispiel Nr. 2 einen Rappen. Doch gemach, wer nun nach Pferdeschlachtung ruft: Sie werden in dieser Partie auf der Gegenseite ein Pracht-exemplar von Springer erleben.

Königsindisch E 70
V. Artemjew - E. Schtembuljak
Open Moskau 2017


1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 Lg7 4. e4 0-0 5. Sf3 c6 6. Le2 d5 7. e5 Se4 8. 0-0 Sxc3 9. bxc3 dxc4 10. Lxc4 c5 11. Sg5 cxd4 12. cxd4 Sc6 13. Le3 Sa5



Schon steht wieder ein Springer am Brettrand, doch hier kann man den Zug …Sa5 noch nicht beanstanden, er vertreibt einfach den weißen Läufer. In vielen Vorgängerpartien geschah nun 14. Ld3, womit Weiß eine Falle stellt. Nach dem unziemlichen "Tritt"
a) 14. …f6? explodiert die Stellung förmlich: 15. Sxh7! Kxh7 16. Dh5+ Kg8 17. Lxg6 mit Gewinn nach z. B. 17. …Te8 18. Dh7+ Kf8 19. Lh6 Lxh6 20. Df7 matt oder nach 17. …Tf7 18. Lxf7+ Kf8 19. e6 und dann Lh6.
Aus Erfahrungen klug geworden, vermieden die Schwarzspieler künftig dieses Opfer mit
b) 14. …h6! Hier kann man nichts auf h7 schlagen, also 15. Se4 f5 16. exf6 exf6 17. Sd2 f5 18. Sf3 mit verteilten Chancen. Über den Springer auf a5 kann man nichts Schlechtes sagen.

In der Partie wartete Weiß mit einer neuen Idee auf. Er zog seinen Läufer weiter zurück 14. Le2!? mit der Absicht 14. …h6 15. Se4 f5 16. Sc5 f4 17. Lc1, und im Gegensatz zu der Stellung mit dem Läufer auf d3 kann Schwarz hier nicht auf d4 schlagen. Schtembuljak zog 14. …f6 und nach 15. Se4 wurde die Idee von Weiß klar. Der Anziehende will nach 15. …fxe5 16. d5! analog dem ersten Beispiel dieser Trainingsfolge den Springer a5 kaltstellen, indem er ihm das Rückzugsfeld c6 nimmt. 15. …Le6 16. Da4 b6 17. Tad1 f5 18. Sg5 Ld5



19. Sh3! "Springer am Rand bringt Kummer und Schand'", dichteten die Altvorderen und hatten in der Regel auch recht. Doch gilt dies nur für den Fall eines dauerhaften Exils am Brettrand, nicht für einen zeitweiligen Besuch in der Randzone. Hier landet der Springer auf h3 nicht um dort zu bleiben, er macht nur eine Zwischenstation auf dem Wege zu seinem Traumfeld f4. 19. …De8 20. Lb5 Lc6 21. Lxc6 Dxc6 Oder …Sxc6 22. Dc4+ Kh8 23. Tc1 Tc8 24. Sg5, und nach dem folgenden Se6 steht Weiß sehr gut. 22. Db4 e6 23. Sf4 Tfd8 24. De7 Te8 25. Dg5 Db7 26. h4 De7 27. Dg3 Tac8 28. h5 g5 29. h6 Lxh6 30. d5 Kh8 31. Sxe6! Keine Angst vor der Bauerngabel! 31. …f4 32. Dh3 fxe3



Was für ein Prachtspringer auf e6! Aber Moment mal, was geschieht nach 33. Dxh6 e2 ? Pfui Teufel, Weiß kann den Läufer also gar nicht zurückgewinnen, was ist denn da nur schiefgegangen?

Gar nichts! Weiß spielt einfach mit einer Figur weniger weiter. Der Wahnsinnsspringer auf e6 kompensiert die Materialeinbuße überreichlich: 33. fxe3! Lg7 34. Dh5 Es droht einfach Tf7 und nach 34. …Tg8 entscheidet der Springerzug 35. Sxg5 mit der Doppeldrohung Dxh7 matt und Sf7+. Also fügte sich Schwarz ins Unvermeidliche: 34. …Tf8 35. Sxf8 Txf8 36. Txf8+ Lxf8 37. Tf1 Schwarz kann den Turmangriff auf der f-Linie nicht abwehren, z. B. 37. …Kg8 38. d6 De6 39. Tf6 Dd5 40. De8 oder 37. …Lg7 38. e6 h6 39. Tf7 Dc5 40. Df3 Sc4 41. e7 Sd6 42. Tf8+ Kh7 43. e8D, und 43. …Sxe8 scheitert an 44. De4 matt. In der Partie folgte noch 37. …Dc5 38. De8-+ – 1:0

In der Schlussstellung steht der Randspringer immer noch untätig auf a5! Der weiße Springer verließ zwar zum Schluss das Brett, hat aber zwischendurch Heldentaten vollbracht.

Das letzte Beispiel ist nicht als ein Plädoyer für einen Randspringer zu verstehen - dass er dort schlecht steht, ist die Regel -, sondern eben auch als Mahnung: wenn der Gegner einen Randspringer hat, gewinnt sich die Partie nicht von alleine. Manchmal nämlich geschehen wirklich Zeichen und Wunder:



Studie, Mario Matous 1985
Weiß am Zug remisiert


Der gegnerische Freibauer ist weit vorgerückt, der eigene König noch im Hinterland, der Springer am Rand, wie soll man das retten? Mit irgendeiner Gabel vielleicht, aber woher nehmen? Nicht zum Ziel führt 1. Ke5? Lf7! 2.Sc6 e3 3. Sd4 Lg8 4. Sf3 e2 5. Kf4 Ld5 6. Se1+ Kd2. Es bleibt nur: 1. Sb3! Idee Sc5+ nebst Sxe4. 1. …e3 2. Ke5 Noch geht …e2 nicht, da rettet Sc1+ nebst Sxe2. 2. …Lf7! 3. Sc1+! Der Springer ist von dem einen Brettrand zu einem anderen gewandert und steht dort dennoch goldrichtig. 3. …Kd2 4. Ke4! "Tausche Springer gegen Bauer". Schwarz will nicht: 4. …Le6 5. Kf3! Lg4+ 6. Kf4! Aber nicht 4. Kxg4? Kxc1 und auch nicht 6. Ke4? Ld1 7. Kf4 La4 8. Ke4 Lc6+ 9. Kf4 Ld5. 6. …Ld1 7. Ke4 Lc2+ 8. Kf3! La4 9. Kf4!



Schwarz kann dem weißen König nicht alle drei Felder (d4, e4 und f3) streitig machen, von wo aus der König den Bauern e3 bedroht. Und der Randspringer hält die Stellung. – remis
Der viel geschundene Springer am Rand wird somit zum "Galopper des Jahres"!

 


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Teil 82 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Flüchtigkeitsfehler

"Das gibt's doch nicht, wie konnte ich so was übersehen, das war doch ganz einfach", so oder ähnlich wird nach einem "Einsteller" lamentiert. So nennt man einen Zug, der eine womöglich gut angelegte oder noch gar nicht recht begonnene Partie schlagartig verdirbt.
 

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