Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Unerwartete Züge und ihre Wirkung


Interessante Motive näher betrachtet



Ein häufiger vorkommender Fehler beim Schach liegt in unseren Genen begründet, meinte der inzwischen verstorbene tsche-chische Biologe Jan Spicka und begründete dies so: Es war für unsere urzeitlichen Vorfahren lebenswichtig, Entfernungen ge-nau einzuschätzen, insbesondere die zwischen ihnen und einem herannahenden Raubtier oder bei einem Sprung über einen tiefen Graben. Bei Entfernungen auf dem Schachbrett tritt in einigen Fällen das Phänomen auf, dass für unterschiedlich lange Strecken trotzdem die gleiche Anzahl an Zügen erforderlich ist.

Zieht beispielsweise der König von h8 geradeaus auf der h-Linie bis nach h2, so benötigt er sechs Züge, zieht er diagonal via g7-f6-e5 und dann f4-g3-h2, sind es ebenfalls sechs Züge - tatsächlich ist die erwähnte Diagonalstrecke aber ca. 1,414-mal län-ger als die Gerade. Unser Gehirn besteht auf der Tatsache, dass die Diagonale auf dem Schachbrett länger ist als die Linie oder Reihe.

Der erste, der sich von diesem Widerspruch nicht die Irre leiten ließ, war Richard Réti (1889-1929). Er veröffentlichte 1921 eine berühmte Schachstudie.



Weiß am Zug remisiert



Die Lösung: 1. Kg7 h4 2. Kf6 Nun ist der weiße König nahe genug an seinem Bauern, so dass im Falle von 2. …h3 der letzte weiße Trumpf plötzlich sticht: 3. Ke6 h2 4. c7 Kb7 5. Kd7 nebst c8D+ und Remis. 2. …Kb6 3. Ke5 h3 3. …Kxc6 4. Kf4, und der König fängt den h-Bauern ab. 4. Kd6 h2 5. c7 remis.

Sieht man diese Studie zum ersten Mal, so misstraut man zuerst dem Urteil "remis". Und wenn man dann die Lösung sieht, beginnt man zu ahnen, dass Schach nicht nur das viel zitierte "königliche Spiel" ist, sondern auch ein Wunderland.

Eine Erklärung, wieso es vier Jahrhunderte - seit es das Schachspiel in der heutigen Form gibt - gedauert hat, bis dieses Mo-tiv entdeckt wurde, liefert die oben aufgeführte "biologische" Erklärung. Es bedurfte eines unverstellten Blickes, dieses "Ei des Kolumbus" zu entdecken.

Auch in weiteren Beispielen in dieser Folge entdeckt man originelle Schachzüge und ebenso nichtschachliche Ursachen von Fehlern.



D. Froljanow - R. Hasangatin
Europacup, Novi Sad 2016
Weiß am Zug


Zuvor geschah schon der "Tanz" Kc7-Kd7 und nach …Td3+ wieder Kd7-c7. Doch Weiß rechnete sich mit seinen zwei vorge-schobenen Freibauern berechtigte Gewinnchancen aus und wich ab. Er hatte die Wahl zwischen einem Königszug nach b8 und dem in der Partie. 64. Kb6? Damit verspielte er den Sieg. Es folgte 64. …Txa3 Jetzt verliert 65. b8D Tb3+ 66. Kc7 Txb8 67. Kxb8 a3, und Schwarz bekommt zuerst die Dame. 65. h6 Tb3+ 66. Ka6 a3 67. h7 a2 68. h8D Ta3+ 69. Kb6 a1D 70. Dxa1 Txa1 71. b8D Tb1+ 72. Kc7 Txb8 73. Kxb8 remis.
In der Ausgangsstellung war allein der ungewöhnlich anmutende "Rundgang hinter den eigenen Bauern" 64. Kb8! richtig, doch Weiß wollte seinem Freibauern den Weg nicht verstellen und verwarf diese Idee. Hätte er die Denkblockade überwunden, so hätte er wohl die nicht so schwer zu berechnende Variante entdeckt: 64. …Txa3 (…Th3 65. Ka7 nebst b8D) 65. h6 Th3 (Oder 65. …Tb3 66. h7 Th3 67. Ka8) 66. Ka8 Txh6 67. b8D, und mit etwas Geduld sollte Weiß gewinnen.

Die Unlust zu Rückzügen ist verständlich und hindert manchmal einen Spieler daran den besten Zug zu finden, weil er nur die "nach-vorn-Züge" beachtet. Vor vier Jahren ging Großmeister Michail Golubew auf diese Idee in einem russischen Schachforum ein.



ChessPro.ru forum 2012
Schwarz am Zug remisiert



Wäre Weiß am Zug, so würde er mit Tc6+ erst den gegnerischen König zurückdrängen und dann mit Kd4-d5 eine Invasion ins gegnerische Lager einleiten. Um dies zu verhindern, muss Schwarz seinen Springer nach g6 überführen, von wo er den gegne-rischen Bauern angreift und gleichzeitig das Feld e5 für den gegnerischen König unzugänglich macht. Und wie bekommt man den Springer nach g6? Via h8. Geht nicht, der weiße Turm hat ja das Feld h8 unter seiner Kontrolle. Gut, dann Rückwärtsgang ein … 1. …Kg7! 2. Kd4 Sh8! … und gleich geht es wieder nach vorn: 3. Ke5 Sg6+ 4. Ke6 4. Kxf5 scheitert an der Springergabel 4. …Se7+. 4. …Sxf4+ 5. Kxf5 Sd5 Die Bauern sind verschwunden und auf dem Brett steht das bekanntlich remisliche Endspiel Turm gegen Springer, das nur in Sonderfällen gewonnen werden kann, wenn nämlich der König der schwächeren Seite am Brettrand abgeklemmt ist. Dies ist hier nicht der Fall.

In dem besagten russischen Forum taufte man den Rückzug …Kg7/…Sh8, gefolgt von einer Rückkehr und Vorpreschen "Kutusow-Manöver", in Anspielung an den russischen Heerführer, der 1812 vor Napoleons Truppen immer wieder zurückwich, um dann mit aller Wucht siegreich zurückzukommen.

Beim Schach spielt die Psyche schon eine Rolle. Dies ist ein weites Feld, hier wollen wir zunächst nur auf ein Phänomen eingehen, die Wirkung der "Schrecksekunde".

Jeder, der schon ein paar Partien gespielt und dabei etwas übersehen hat, kennt die Achterbahn der Gefühle. Da kommen viele Emotionen hoch. Bei einem unerwarteten Zug, der eine zerstörerische Wirkung hat oder zu haben scheint, kommt es immer wieder zu einer Panikreaktion: der Spieler gibt voreilig auf.



J. Müller - S. Tidman
Bunratty Masters 2007
Schwarz am Zug



Die von dem letzten Zug Le3-g5 schockierte Schwarzspielerin gab an dieser Stelle auf, weil sie nur 10. …f6 11. Lxe4 mit Figu-rengewinn gesehen hatte. Dabei gab es eine Rettung: 10. …Lb4! und hier muss sogar Weiß aufpassen. 11. Dxb4? Dxg5 12. Lxe4 Dh4+ nebst …Dxe4 ist klar günstig für Schwarz, und 11. Lxd8? Lxd2+ 12. Kxd2 Lxg2 kostet Weiß die Qualität. Der einzige Zug ist 11. c3, wonach 11. …Dd5! folgt.



Der Anziehende kann auch hier leicht stolpern: 12. cxb4? Lxg2 mit Gewinn; 12. Lxe4?! Dxe4+ 13. Se2 Ld6, und Schwarz hat einfach einen Bauern mehr, ebenso wie nach 12. Sf3 Lxd3 13. Dxd3 Ld6.

Ein typisches Beispiel für die "Schrecksekunde". Von einem unerwarteten Zug überrascht, sieht man überall nur Gefahren und wird für die eigenen Chancen blind.

Gegen Fehler machen hilft nur das Training, wenn auch nicht unbegrenzt. Auch den allerbesten ihres Fachs, zwei davon spielen gerade um die Weltmeisterschaft, unterlaufen Fehler. Doch gerade die erfolgreichsten Spieler verstehen es gut, sich zusam-menzunehmen und zumindest nach einer Rettung zu suchen. Manchmal ist eine versteckte Rettung drin. Gleich alles hinzuschmeißen, lohnt selten. Manche erfahrenen Spieler verzichten in dieser Situation auf das Grübeln, stehen auf und drehen eine Runde (manchmal kaschiert als Kaffeeholen oder Gang zur Toilette), um dann mit gewissem Abstand und abgekühltem Kopf die Situation zu überdenken.

Allgemein gültige Ratschläge kann man da freilich nicht erteilen, in Zeitnot beispielsweise lassen sich beruhigende Spaziergänge schlecht verwirklichen.



J. Lechtynsky – T. Likavsky
Tschechische Liga 2002
Weiß am Zug



Der schwarze König ist ungenügend geschützt, da ist bestimmt etwas zu machen. Weiß grübelte und fand ein Damenopfer 26. Dxf8+ Kxf8 27. Th8+ Kg7 28. Th7



Analysediagramm

und hakte es doch ab, weil dies anscheinend nur zum Remis per Th8+/Th7+ führt. 28. Tg8+ erschien ihm bedenklich, da der schwarze König via h6 hinausläuft. Doch auf dieser Route wartet ebenfalls das Verderben, wenn Weiß das Fangnetz noch fester zuzieht: 28. …Kf8 29. g4 mit der Idee 29. …Td7 30. Th8+ Kg7 31. Tg8+ Kh6 32. h4 Dd2 (sonst setzt ein Bauernzug nach g5 matt) 33. g5+ Dxg5+ 34. hxg5+, und Weiß gewinnt.

Eine phantasievolle Variante, die letzten Endes zum Gewinn führt. Doch der Anziehende schaute sich die Ausgangsstellung nochmals an und entdeckte eine weniger schöne Variante (kein Damen-, sondern "nur" ein Qualitätsopfer), die jedoch glasklar zum Matt führt. 26. Th7+! und Aufgabe 1:0, denn jetzt hat es Schwarz auch gesehen: 26. …Sxh7 27. Dg8+ Kh6 28. Dxh7+ Kg5 29. f4+ Kf5 und nun wahlweise 30. g4 matt oder 30. Dh3 matt. Am Ende war es doch ein sehr schöner Gewinn, auch ohne ein Damenopfer.

Jetzt haben wir die Könige genug gequält, wie wäre es einmal mit ein paar schönen Beispielen zum Thema "Freibauer"? Auf geht's:



P. Harikrishna - P. Swidler
Internetpartie auf schach.de, 2004
Schwarz am Zug



Mit viel Geduld gelangt man an einen guten Bissen, fragen Sie mal die Spinnen oder Herrn Swidler, der in dieser Partie eine Zeitlang nur herumzog, weil er auf f2-f3 wartete. Schließlich geschah dieser Bauernzug tatsächlich und Swidler schlug zu: 31. …Dxc4!! 0:1. Der d-Bauer ist nach 32. dxc4 d3 nicht zu stoppen. Nun wird klar, warum Schwarz auf den Zug f2-f3 wartete; solange der f-Bauer noch auf f2 stand, hätte Weiß mit Df3-d1 den Bauern stoppen können, so dass das Damenopfer inkorrekt wäre. Bei der vorliegenden Konstellation ist das Opfer entscheidend.

Im nächsten Beispiel verschaffte Weiß dem Bauern d5 eine herrliche Zukunft auf c8:



D. Jakowenko - D. Svetuschkin
Französische Liga 2008
Weiß am Zug



35. Lxc6+!! und 1:0 wegen der schönen Schlusspointe 35. …Txc6 (…Sxc6 36. Dxf7 mit Turmgewinn) 36. dxc6! Txf3 37. c7! Die Bauernumwandlung in eine Dame, gefolgt vom Matt, ist nicht mehr zu verhindern.

Ein anderer scheinbar unaufhaltsamer Freibauer wurde in der folgenden Begegnung genial ausgebremst, wie der Schweizer Historiker Richard Forster seinerzeit berichtete.



F. L. Janda - P. Lob
Genf 1951
Weiß am Zug



Mit normalen Mitteln ist der a-Bauer nicht zu stoppen. Aber auf Umwegen geht es. Entscheidend sind dabei die Motive Ablenkung und Hinlenkung. Was soll abgelenkt werden? - Der Springer d5. - Warum? - Damit das Feld f6 frei wird für den Springer h5, wonach Txh7 droht. Also: 41. Se3!! Freut sich auf …Sxe3 42. Sf6! 41. …a2 42. Sc2 Kg8 Wahlweise 42. …a1D+ 43. Sxa1 Txa1+ 44. Kf2 Ta2+ 45. Ke1 Ta1+ 46. Kd2 Ta2+ 47. Kc1 Ta1+ 48. Kb2 Ta8 (sonst Tb8 matt) 49. exd5 mit Gewinn. 43. exd5 Weiß behält nun mindestens einen Springer mehr. Es folgte noch 43. …Tc8 44. Sf6+ Kf8 45. Tb8! Txb8 46. Sd7+ Kf7 47. Sxb8 und bald 1:0

 


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Teil 79 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Flüchtigkeitsfehler

"Das gibt's doch nicht, wie konnte ich so was übersehen, das war doch ganz einfach", so oder ähnlich wird nach einem "Einsteller" lamentiert. So nennt man einen Zug, der eine womöglich gut angelegte oder noch gar nicht recht begonnene Partie schlagartig verdirbt.
 

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