Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktik trifft Strategie


Das positionelle Qualitätsopfer (3)



Bereits in früheren Teilen dieser Serie (die Folgen 31 und 32 in den Ausgaben Dezember 2012 und Januar 2013) haben wir mit positionellen Opfern Bekanntschaft gemacht. Unter einem positionellen Opfer versteht man im Allgemeinen die Preisgabe von Material für einen Stellungsvorteil.

Bei einem positionellen Qualitätsopfer erhält der Opfernde häufig für den Turm eine Leichtfigur "plus Etwas", wobei es sich bei dem Etwas um beispielsweise einen Bauern oder eben um positionelle Vorteile wie zum Beispiel eine Störung der gegnerischen Bauernstruktur handelt. Es gibt aber Fälle, wo eine Leichtfigur so stark ist, d. h. auf ihrem Platz gesichert und zugleich aktiv postiert steht, dass sie auch ohne die "Zugabe" so viel wert ist wie ein Turm. Hierzu gleich ein konkretes Beispiel aus der Praxis der deutschen Spitzenspielerin Elisabeth Pähtz:

Sizilianisch B 32
E. Pähtz - J. Kowalewskaja
Frauenturnier Bad Homburg 2007


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 e5 5. Sb5 d6 6. S1c3 a6 7. Sa3 b5 8. Sd5 Sf6 9. c4 b4 10. Sxf6+ Dxf6 11. Dd5 Lb7 12. Sc2 Dd8 13. Dd3 Le7 14. Le2 0-0 15. 0-0 Lg5 16. a3 Lxc1 17. Tfxc1 bxa3 18. Txa3 Dc7 19. De3 Sd8 20. Sb4 Se6 21. Sd5 Dd8 22. Tb3 Tb8 23. Lf1 Sc5



24. Txb7! Nach einer Serie von nahe liegenden Zügen folgt eine Überraschung: ein positionelles Qualitätsopfer. Dreh- und Angelpunkt ist der Springer d5. Um seine Position zu schützen und zu festigen, opfert sich der Turm. 24. …Sxb7?! Dieser Zug verschlimmert die Lage der Schwarzspielerin. 24. …Txb7 musste geschehen, z. B. 25. b4 Se6 26. c5 dxc5 27. bxc5 (droht Lxa6) 27. …Ta7 28. c6. Der glänzend postierte Springer und der starke Freibauer auf der c-Linie sind eine Qualität wert, aber die Partie ist noch lange nicht entschieden. 25. b4 Dd7 26. c5 dxc5 27. bxc5 Kh8 28. c6 Dd6 Gut genug war nun 29. cxb7, aber der Partiezug 29. Db6! ist noch stärker, z. B. 29. …Sd8 30. Dxa6 Se6 31. c7 Dxa6 32. Lxa6 Sxc7 (sonst erscheint auf c8 eine Dame) 33. Txc7 Tb1+ 34. Lf1 mit zwei Leichtfiguren für den Turm. Unter Druck geraten, verlor die russische Großmeisterin nun gänzlich den Faden und gab nach den folgenden Zügen 29. …f5? 30. c7 Tbc8 31. Dxb7 fxe4 32. Dc6 Da3 33. Dc5 Da2 34. Tc2 wegen z. B. …Db1 35. Se7 mit großem Materialgewinn auf. – 1:0

Man beachte, dass der weiße Springer ab dem 21. Zug bis zum Schluss der Partie keinen Zug gemacht hat. Warum sollte er auch? Er stand bereits auf einem Traumfeld und wurde vor Anschlägen geschützt; mit dem positionellen Qualitätsopfer wurde sein einziger natürlicher Feind, der Läufer b7, ja liquidiert.

Auch im nächsten Beispiel verschaffte ein Qualitätsopfer einem Springer einen wunderbaren Vorposten. Der brillant agierende Schwarzspieler wurde im selben Jahr Vize-Europameister.

Caro-Kann B 19
D. Klein - D. Navara
Wijk aan Zee 2015


1. e4 c6 2. d4 d5 3. Sd2 dxe4 4. Sxe4 Lf5 5. Sg3 Lg6 6. h4 h6 7. Sf3 e6 8. Se5 Lh7 9. Ld3 Lxd3 10. Dxd3 Sd7 11. f4 Lb4+ 12. c3 Ld6 13. Se4 Sdf6 14. Sxd6+ Dxd6 15. Ld2 Se7 Schwarz plant …h5, um g2-g4 zu verhindern und um …Sf5 folgen zu lassen. Dagegen richtet sich der nächste Zug von Weiß. 16. h5 Dd5 Falls Klein den angegriffenen Bauern g2 verteidigt, z. B. 17. Th2, so startet Navara mit 17. …Td8, gefolgt von …c5 ein Gegenspiel. Weiß entschied sich für ein Bauernopfer 17. c4 Dxg2 "Meine Eltern haben mir beigebracht, Geschenke abzulehnen sei unhöflich", mit dieser Anmerkung zu diesem Zug (Bulletin) bewies der Tscheche Navara englischen Humor. Sein Gegner wollte allerdings nichts verschenken, vielmehr seinem nominell viel stärkeren Gegner einen halben Punkt abknöpfen. Sein Konzept wird gleich erläutert. 18. 0-0-0 0-0 19. Lb4



Weiß hat sich das so gedacht: 19. …Tfe8 20. Sd7!? (droht Sxf6+ nebst Tdg1) 20. …Sxd7 21. Tdg1 Df2 22. Tf1 Dg2 23. Tfg1 mit Zugwiederholung und Remis. Der Partiezug 19. …Sf5! verhindert diese Variante und liefert zugleich ein schönes Beispiel zu unserem Leitthema "positionelles Qualitätsopfer": 20. Lxf8 Txf8 Für die Qualität hat Schwarz einen Bauern bekommen und zwar den vielleicht wichtigsten auf dem ganzen Brett. Da Weiß jetzt nicht über die Möglichkeit g2-g4 verfügt, kann der Springer nicht von f5 vertrieben werden. Und solange er dort steht, ist der Punkt g7 doppelt gesichert, so dass für Weiß auf der g-Linie nichts zu holen ist, z. B. 21. Tdg1 De4 mit Angriff auf d4. Weiß spielte 21. Df3 Dxf3 22. Sxf3 mit der Absicht 22. …Sg3 23. The1 Sfxh5 24. d5, und die weißen Türme beenden ihren Dornröschenschlaf. Der Partiezug 22. …Se3! hält sie weiter an der kurzen Leine. 23. Tde1 Sxc4 24. f5 exf5



Schwarz hat schon genug Material für die Qualität, noch stärker ins Gewicht fällt, dass die weißen Türme nicht in die gegnerische Stellung eindringen können: 25. Te7 Sd6! (deckt b7) 26. The1, und nun nicht 26. …Sxh5? 27. Td7 Sc4 28. Txb7, und hier lebt Weiß noch, sondern 26. …Td8! (Jetzt, wo Te7-d7 nicht gut geht, droht …Sxh5 wirklich.) 27. Th1 Kf8, und der Turm e7 muss sich zurückziehen, denn nach 28. Tc7?? Sd5 wird er gefangen. In der Partie geschah 25. Sh4 Sd6 26. Thf1 f4! Die Idee leuchtet beim Nachspielen der Variante 27. Txf4 Sxh5 28. Tf3 Sf6 29. Te7 Td8 30. Sf5 Sd5 sofort ein. 27. Te5 Sc4 28. Tc5 Oder 28. Te7 Se3, und 29. Txf4? scheitert an …Sfd5. 28. …Sd5! 29. Txc4 verhindert die kommende Springergabel, aber nach 29. Sg2 Sce3 30. Sxe3 fxe3 folgt …f7-f5-f4 mit baldigem Gewinn. 29. …Se3 30. Txf4 Schwarz gewinnt auch nach 30. Txc6 Sxf1 31. Tc7 Sh2 32. Txb7 f3. 30. …Sxc4 31. Sf5 Td8 32. Se7+ 32. Tg4 ist keine Drohung, nach …Sd6 33. Sxg7 (33. Txg7+ Kf8 34. Sxd6 Kxg7) …Kh7 folgt …Tg8 mit Springergewinn. 32. …Kh7 33. Txf7 Td7 und wegen des kommenden …Sd6 – 0:1

Im dritten Beispiel sehen wir sogar ein doppeltes Turmopfer, wonach ein einzelner Springer, allerdings in Verbindung mit vier verbundenen Freibauern, das gegnerische Turm-Duo zu Statisten degradierte.

Sizilianisch B 52
A. Timofejew - D. Chismatullin
Russische Meisterschaft 2009


1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Lb5+ Ld7 4. Lxd7+ Dxd7 5. c4 Sc6 6. Sc3 g6 7. d4 cxd4 8. Sxd4 Sf6 9. f3 Lg7 10. Le3 0-0 11. 0-0 Tac8 12. b3 a6 13. a4 Dd8 14. Dd2 Da5 15. Tfd1 Tfd8 16. Tac1 Sd7 17. h3 Sxd4 18. Lxd4 Lxd4+ 19. Dxd4 Dc5 20. Kf1 Dxd4 21. Txd4 Sc5 22. Tb1 a5 23. Ke2 f6 24. Kd2 Kf7 25. Kc2 g5 26. Sd5 h5 27. Se3 h4 28. Td5 Tc6 29. Tbd1 Tdc8 30. Tf1 Tb6 31. Tb1 Tbc6 32. Td2 Se6 33. Kc3 Sc5 34. Sd5 Se6 35. Tf1 Tg8 36. Se3 Tb8 37. Sf5 Tb6 38. Tfd1 Ta8 39. Td5 Sc7



Nach langem und gemächlichem Manövrieren ließ Timofejew die prächtige Idee 40. Tb5 vom Stapel. 40. …Sxb5+?! 41. axb5 Der Turm b6 ist eingemauert. Der Nachziehende glaubte jedoch - sonst hätte er im 40. Zug nicht mit dem Springer, sondern mit dem Turm auf b5 geschlagen -, dass er den Turm mit einem späteren Durchbruch befreien könne. Er hatte sich getäuscht: 41. …Ke8 Die Absicht ist klar: mit …Kd7 soll der Bauer d6 nochmals überdeckt werden, um dann mit …e7-e6 den Springer zu vertreiben und schließlich mit …d5 den Turm b6 aus seiner misslichen Lage zu befreien. 42. Ta1 e6 43. Se3 d5 44. exd5 Td6 45. c5 Tdd8 Das Turmendspiel nach 45. …Txd5 46. Sxd5 exd5 47. Kd4 ist schlecht für Schwarz, der entweder den Bauern d5, oder aber den auf a5 in den Schornstein schreiben muss. In beiden Fällen ergibt sich eine Stellung mit 3:1 Bauern am Damenflügel, aus der bald ein Freibauern-Duo entstehen wird.46. Kd4 Tac8 47. Txa5 e5+ 48. Kc4 b6



Weiß hätte mit 49. Ta6 Txc5+ 50. Kb4 Td6 51. Txb6 gute Gewinnaussichten behaupten können, aber sein Einfall 49. b4!! sicherte dieser Partie auf immer und ewig einen Platz in den Lehrbüchern. 49. …bxa5 50. bxa5 Geht man von den klassischen Materialäquivalenten (Springer = 3 Bauern und Turm = 5 Bauern) aus, so besitzt Schwarz rein rechnerisch einen Vorteil von vier Bauerneinheiten. Aber die Lawine von vier, vom König unterstützten Freibauern, überrollt alles, was sich ihr in den Weg stellt. 50. …Ta8 51. a6 Weiß plant das langsame Erdrücken c6, Kc5, Sc4 und schließlich d5-d6. Schwarz muss ein Gefühl gehabt haben, auf käme eine Dampfwalze auf ihn zugerollt. Deshalb spielte er 51. …e4 52. fxe4 Kd7 53. Sf5 Te8 um wenigstens eine freie Linie für seinen Turm zu bekommen, doch es war schon zu spät. 54. c6+ Kd8 55. Sd6 Te7 56. Kc5 f5 57. exf5 Te2 58. Sb7+ Ke8 59. d6 Txg2 60. d7+ Ke7 61. f6+ Kxf6 62. c7



Schwarz berechnete noch eine Aktion mit Bildung eines Freibauern am Königsflügel: 62…Tc2+ 63. Kb6 Txc7 64. Kxc7 g4 65. d8D+ Txd8 66. Sxd8 g3 67. a7 g2 68. a8D g1D 69. Df3+ Kg5 70. Se6+ Kg6



entdeckte dann noch den finalen Akkord 71. Dg2+ Dxg2 72. Sf4+ Kf5 73. Sxg2, und gab auf. – 1:0

Das Schlusswort zu dieser Partie gebührt einem Mitglied des Internetforums schachfeld.de (Internetname: "DerSiedler"), der nach dem Nachspielen dieser Partie herausplatzte: "Das ist die geilste Bauernlawine, die ich je gesehen habe."

 


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Teil 75 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Flüchtigkeitsfehler

"Das gibt's doch nicht, wie konnte ich so was übersehen, das war doch ganz einfach", so oder ähnlich wird nach einem "Einsteller" lamentiert. So nennt man einen Zug, der eine womöglich gut angelegte oder noch gar nicht recht begonnene Partie schlagartig verdirbt.
 

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